10 dinge, die wir aus dem interview mit margielas rechter hand gelernt haben

Jenny Meirens war für das Geschäftliche bei der Maison Martin Margiela verantwortlich. In einem neuen Interview mit der „New York Times“ spricht die Modelegende über den Alltag hinter den Kulissen des geheimnisumwitterten Modehauses.

von Charlotte Gush
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08 Februar 2017, 12:40pm

Maison Martin Margiela, Spring/Summer 96. Foto: Marina Faust.

Die Maison Martin Margiela wird mittlerweile von Superstar-Designer John Galliano geführt, aber die Geschichte des Hauses gehört zu den geheimnisumwittertsten der Modegeschichte. Gründer Martin Margiela hat keine persönlichen Interviews gegeben, er wurde selten fotografiert, er hat es abgelehnt, sich nach der Modenschau den Applaus des Publikums abzuholen und er ließ weiße Etiketten einnähen. In einem neuen Interview mit der New York Times gewährt Jenny Meirens, die Modepionierin und Geschäftsfrau hinter der Maison, neue Einblicke in den Alltag des Modelabels, das mit Branding nichts am Hut hatte; Sitzordnungen bei den Fashionshows ablehnte und sein Atelier und seine Events bewusst an unbekannten Locations angesiedelt hat.

Martin Margiela selbst hat dem Blatt über die Partnerschaft mit Meirens gesagt: „Wenn sie die Welt in Schwarz gesehen hat, dann habe ich sie in Weiß gesehen. Neben unserem Altersunterschied haben wir uns gegenseitig herausgefordert und überrascht. Das wurde eine Symbiose. Für einen jungen Modedesigner ist der Anfang extrem wichtig. Ich bleibe Jenny ewig dankbar dafür, dass sie es geschafft hat, aus meinen wildesten Träumen ein tragfähiges Business zu entwickeln." Das sind zehn Dinge, die wir aus dem Interview gelernt haben:

1. Margiela hat womöglich die billigste Einladung aller Zeiten verschickt
Für die Fashionshow der Saison Herbst/Winter 89 hat das Label, statt wie andere Häuser Geld für teure Kalligrafie und Papier auszugeben, eine Anzeige mit Datum, Uhrzeit und dem Ort in einem kostenlosen Anzeigeblatt geschaltet. Das Margiela-Team hat hunderte Exemplare davon eingesammelt, die Anzeige rot markiert und sie dann an die Leute in der Industrie geschickt. „Das war die billigste Einladung aller Zeiten", sagt Jenny Meirens im Interview.

2. Sie haben Hassanrufe für ihre Politik des „Wer zuerst kommt, malt zuerst" bei den Modenschauen bekommen
„Es ist wichtig, dass die Leute begreifen, was es bedeutet, Margiela zu sein", sagt Patrick Scallon, der Head of Communications bei Margiela von 1993 bis 2008. „Wir haben keine Werbung geschaltet. Der Designer ist nicht mit Moderedakteuren Mittagessen gegangen, um sie um Gefallen zu bitten. Unsere Büros waren im 18. Bezirk, in einem sehr schönen Haus, aber die Gegend war weder einfach noch bequem für unsere Besucher zu erreichen. Es gab für die Shows keine Sitzordnungen. Die Hassanrufe, die wir am Morgen nach der Show bekommen haben, waren unglaublich."

3. Meirens war eine Pionierin des Streetcastings und hält nichts von der Vorstellung, dass Frauen sexy sein müssen
„Natürlich sind Fittings mit professionellen Models einfacher", sagt Meirens. „Aber ich mag die Vorstellung nicht, dass Frauen perfekt sein sollen. Ich habe lieber Frauen von draußen, die für etwas stehen. Ich ziehe eine starke Frau einer schönen jederzeit vor." Als sie über die Ästhetik ihres innovativen eigenen Stores in Brüssel, dem Crea, gefragt wird, antwortet sie: „Was ich immer gehasst habe, waren Frauen, die sexy aussehen mussten. Entweder man ist sexy oder nicht. Nur weil man Brüste oder Bein zeigt, ist man nicht automatisch sexy."

4. Zusammen mit Martin Margiela haben sie ihren Unternehmensanwalt über die weißen Etiketten ohne Branding angelogen
Besonders stolz ist Meirens auf das unbedruckte, weiße Baumwolletikett, das in jedes Margiela-Piece eingenäht wird. Das stehe für kreative Freiheit, Mut und Überzeugung. „Ich war überzeugt davon, dass wir nicht einfach etwas mit dem Namen Martin Margiela machen sollten", sagt Meirens. Auf die Idee dazu sei sie 1988 in einer Bar in Mantova in Italien gekommen. „Unserem Anwalt konnten wir das nicht so sagen, weil man keine leere Fläche markenrechtlich schützen lassen kann", führt sie weiter aus. „Wir haben ihn angelogen und ihm gesagt, dass wir Martin Margiela auf der Rückseite aufdrucken würden. Das haben wir nie gemacht."

5. Die Industrie hat Margiela-Shows oft gehasst und ihn auch bei Hermès nicht gemocht
„Die Leute betrachten Margiela heute durch die rosarote Brille", sagt Patrick Scallon. Sie vergessen, dass sie Martins Kreationen für Hermès damals nicht gut fanden. Wie könne jemand, der so talentiert sei, es wagen, etwas so Kommerzielles und Langweiliges zu entwerfen? Sie fanden auch die Margiela-Shows oft nicht gut."

6. Meirens hat Margiela das erste Mal im Rahmen eines Modewettbewerbs kennengelernt und sich für seine OP-Kittel eingesetzt
Meirens war 1983 Jurorin beim Golden Spindle Award in Belgien. Margielas Beitrag wurde inspiriert von OP-Kitteln, „die Röcke waren riesig und die Schuhe wunderschön", sagt sie. „Das war für mich das Beste", fügt sie hinzu und erklärt, dass sie sich mit den anderen Juroren ziemlich darum streiten musste. Margiela hat nicht gewonnen, der Preisträger hieß damals Dirk van Saene. Meierens hat ihm aber angeboten, dass er seine Kollektion in ihrem Brüsseler Store Crea verkaufen darf.

7. Dank Meirens Store hat Brüssel ein Zentrum für Mode
Meirens hat ihre innovative Boutique Crea 1983 am Place Ste. Catherine im Herzen Brüssels eröffnet, die Gegend ist vor allem für ihre Fischmärkte bekannt. In dem Laden hat sie Marken wie Comme des Garçons und Martin Margiela verkauft und die Pieces auch nicht nach Namen, sondern nach Farbe sortiert. „Jenny hat das Viertel in Brüssel zu dem gemacht, was es heute ist: ein gehyptes Designerviertel", so Margiela zur New York Times. „Sie sollte dafür eine Statue bekommen."

8. Rei Kawakubo ist ein Fan von Meirens
In die gleiche Kerbe wie der öffentlichkeitsscheue Martin Margiela schlägt Designerkollegin Rei Kawakubo und ist voller Lob für Jenny Meirens. „Jenny hat eine starke Persönlichkeit, die sich zur Aufgabe gemacht hat, starke und neue Kleidung zu zeigen", sagt sie der New York Times in einer ihrer seltenen, öffentlichen Äußerungen.

9. Genauso wie Raf Simons
Zu ihren vielen Fans gehört auch eine weitere Modeikone: Raf Simons. Beide haben sich während seiner Zeit bei Jil Sander kennengelernt und sind zu Freunden geworden; er hat mehrfach in ihrem Haus in Puglia übernachtet. „Sie hat eine extrem starke Persönlichkeit, sie ist eine Self-made Woman", so der belgische Designer. Auf die Frage, was Meirens für Margiela getan habe, hat Simons dem Blatt geantwortet: „Die Kreationen von Martin waren zu der Zeit sehr extrem. Jenny hatte die Idee, daraus ein Unternehmen zu gründen — und das macht sie zu einer Pionierin. Ich glaube, sie hat sich wirklich reingehängt und Aufgaben übernommen, die normalerweise andere Leute erledigen, damit Martin komplett frei war."

10. Maison Margiela hat keine Briefumschläge benutzt, sondern die Post eingenäht
Der Head of Communications, Patrick Scallon, hat in dem Interview auch verraten, dass die Maison keine Briefumschläge benutzt hat, sondern die Post in Tüten mit weißer Baumwolle eingenäht hat: „Ich bin eines Tages zu Martin gegangen und meinte, dass wir ein Geschenk als Dankeschön senden müssen. Martin hat in den Müll gegriffen, einen weißen Plastiksack rausgefischt und daraus einen Engel genäht."

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Text: Charlotte Gush

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