introducing german fashion: funktional, schlicht und bodenständig

Warum es den Deutschen so schwerfällt, kreative Mode zu entwerfen.

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29 Januar 2015, 8:30am

Mit der Übernahme der Redaktion von i-D Germany hatte ich letzte Woche zum ersten Mal das Vergnügen, mir die deutsche Modeszene genauer anzusehen. Gerade erst frisch in Berlin angekommen, war ich unvoreingenommen und freute mich, zu entdecken, was Berlin i-D bringen könnte. Ich verfolgte gespannt die im Vorfeld und nach Ende der Fashion Week stattfindenden Diskussionen darüber, warum Berlin eine oder keine Modestadt ist. 

Das am meisten benutzte Argument gegen die Glaubwürdigkeit der Modewoche waren die vermeintlichen Stargäste, die XYZ-Promis, die sich in den ersten Reihen breit machten oder das Produkt einer verhängnisvollen Nacht in der Besenkammer, das als Model mit Pudel über den Laufsteg spazierte und durch die ausländischen Medien ging. Worüber immer verhältnismäßig wenig geredet wurde, war die Mode an sich. Was eine Stadt modetechnisch interessant macht, ist die Kreativität und die aus ihr entstehenden Produkte, nicht das Publikum in der ersten Reihe. Allgemeiner Grundtenor am Ende war, wie in den letzten Jahren auch, dass Deutschland im Dunkeln tappt, es jedoch irgendwo irgendein Licht am Ende des Tunnels gibt.

Woher dieses Licht kommen soll, weiß aber niemand so genau. Es scheint so, als ob es allen klar wäre, dass in Berlin keine große Mode gemacht wird und trotzdem spielen sie mit. Die Frage, die sich nun stellt, ist, warum? Warum bejubeln so viele Journalisten, die für Magazine arbeiten, die für eine gewisse Qualität stehen, Kollektionen, die nicht gut und oftmals einfach schlecht kopiert sind?

Folgendes Szenario: Eine intime Präsentation am ersten Tag der Fashion Week. In einem der angesagtesten Restaurants der Stadt stellt eine Designerin ihre neueste Abendkleider-Kollektion vor. Die Kollektion ist sehr stimmig und gefällig fürs Auge, mein erster Gedanke jedoch ist, dass ich das doch schon einmal gesehen habe. Vor ein zwei Saisonen in Paris. Die Schnitte, die Nahtführung - die Ähnlichkeiten lassen sich nicht verleugnen. Schön anzusehen ist es, aber Kreativität steckt in keinem der gezeigten Stücken.

Natürlich ist Mode ein ständiger Prozess des Nachahmens und Sich-Wiederholens. Jeder kopiert jeden. Jedoch scheint es so, als würde es niemand plumper machen als die Deutschen. Die Kollektion war bei weitem nicht die einzige. Natürlich ist es dem Otto-Normal-Modekäufer egal, woher die Inspirationen kommen, aber das geschulte Mode-Volk sollte hinterfragen und nicht nur das, was sie gezeigt bekommen, hinnehmen, weil es sonst nichts gibt, was interessant oder spannend ist. Eine befreundete Modekennerin bringt es auf den Punkt: „In Berlin kennt jeder jeden und man weiß, wie sehr diese Designer für ihre Shows kämpfen. Wenn es dann einmal nicht so toll ist, hält man lieber den Mund, anstatt Kritik zu äußern, weil man weiß, dass Existenzen am Erfolg oder Misserfolg hängen."

Das ist wohl das größte Problem mit der Relevanz der deutschen Mode am internationalen Markt. Man feiert sich selber, redet ständig über die Bedeutung im Ausland, aber am Ende des Tages ändert sich nichts. Style.com hat einige Berliner Shows dieses Jahr auf ihrer Webseite gefeatured. Eigentlich ein Schritt in die richtige Richtung sollte man denken, jedoch fehlen die sehr treffenden Kritiken, für die die Seite so bekannt ist. Man könnte die Vermutung anstellen, dass es den Redakteuren dann doch zu schwer fiel, etwas Positives zu schreiben.

Betrachtet man die deutsche Modeszene ganz objektiv, macht sich eine Landschaft breit, die den Durchschnittsgeschmack der Deutschen repräsentiert: funktional, schlicht und bodenständig. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn Designer merken, dass sich etwas verkauft, ist es nur logisch, mehr davon zu produzieren und sich dem Markt anzupassen. Kreativität ist schön und gut, jedoch ist Mode immer noch ein Produkt, das an den Mann gebracht und verkauft werden muss. Deshalb kann man ihnen ihre Relevanz in Deutschland nicht absprechen. Sie haben ihren nationalen Stellenwert, aber wenn das alles ist, dann wird Deutschland niemals ein Big Player im internationalen Modezirkus werden.

Was frischen Wind in die Diskussion bringt und sicherlich spannend wird, ist das von Christiane Arp gegründete German Fashion Design Council, das noch dieses Jahr präsentiert werden soll. Bei der Konferenz des Zeit Magazins letzten Montag verkündete Arp die vermeintliche Freudenbotschaft: Man will die jungen Talente fördern, will eine Lobby schaffen, Geld bereitstellen und Schnittstelle zwischen Kreativität und Business werden. Geld macht noch nicht kreativ und noch keine Kollektion zum Hit, dennoch ist es ein Muss, um einen Namen zu etablieren. Es wird spannend, wie sich das Council positionieren wird. Wird es darum gehen, die Mode innerhalb Deutschlands zu fördern, die wie schon gesagt im eigenen Land relevant ist, oder wird man über den Tellerrand schauen und versuchen, wahre Talente mit echten Ideen zu fördern, die vielleicht noch einen längeren Weg vor sich haben, aber am Ende des Tages vermutlich längerfristig bestehen können?

Gute Beispiele dafür wären Martin Niklas Wieser, der seine Mode nicht nur als Produkt, sondern im künstlerischen Diskurs sieht, oder auch einige Absolventen der UdK Berlin. Lisa Sänger überzeugte letztes Jahr mit einer unglaublich starken Abschlusskollektion, in der sie Menswear schafft, die das gerade jetzt aktuell auf den großen Laufstegen der Welt omnipräsente Thema des Wandels der Männlichkeit in der Mode auf eine neue Art und Weise durchleuchtet. Auch Bless, deren Kollektionen sich zwischen Tragbarkeit, Lifestyle und Kunst bewegen, müssen erwähnt werden. Schon etwas bekannter ist Julian Zigerli, auch UdK-Absolvent, der mittlerweile seine Main-Line in Mailand präsentiert und seine Menswear von Saison zu Saison stetig weiterentwickelt. Nicht zu vergessen sind auch SopopularTillmann Lauterbach und Augustin Teboul, die zu den Aushängeschildern Deutschlands geworden sind.

Vielleicht muss Berlin auch nicht internationaler werden, sondern sich national aufbauen. Vielleicht sollte man sich ehrlich zum Status quo bekennen und dann agieren und weiterdenken. Nicht Stillstand, sondern Umbruch und eine neue Sichtweise statt eingefahrener Denkweisen über Mode in Deutschland. Es ist wichtig zu hinterfragen, positiv zu kritisieren und nicht nur hinzunehmen, was da ist, weil es sonst nichts gibt. Konzentrieren wir uns auf die Kreativität, die ohne Frage vorhanden ist, und hören wir auf wegzuschauen!

Hallo Berlin. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Led Foto: Anna Wegelin via HART
Fotos: Stefanie Walk - Martin Niklas Wieser  Spring / Summer 15