Hummingbird Hotel, 1990, Jack Pierson. Courtesy of Cheim & Read, NY. 

So romantisch-verträumt sahen Roadtrips im Amerika der 80er aus

In seinem neuen Buch "Jack Pierson: The Hungry Years" hat der Fotograf die Erinnerungen seiner Reisen in gefühlvollen Schnappschüssen festgehalten. Uns hat er verraten, wie viel Kunst in seinen Arbeiten steckt.

von Emily Manning; Fotos von Jack Pierson
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10 Oktober 2017, 8:45am

Hummingbird Hotel, 1990, Jack Pierson. Courtesy of Cheim & Read, NY. 

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Jack Pierson ist den meisten wohl durch seine bekannten "Word Pieces"-Kunstwerke — Skulpturen, die er aus alten Schildern zusammensetzt — ein Begriff. Der multidisziplinäre Künstler vereint dabei Fotografie, Malerei, Zeichnungen, Installationen und Videos. Der in Massachusetts geborene Amerikaner ist eng mit der Boston School verbunden, zu deren Gruppe aus Künstlern und Fotografen auch Nan Goldin, Philip-Lorca diCorcia, David Armstrong und der mittlerweile verstorbene Mark Morrisroe gehören.

Mit 23 Jahren kam Jack nach New York. "Ich bin zu der Zeit in die Stadt gezogen, als Keith Haring, Jean-Michel-Basquiat und Grace Jones schon seit fünf Jahren in aller Munde waren. Gerade in den ersten sechs Monaten hatte ich das Gefühl, dass ich zu spät bin. All' dieses Künstler waren bereits aktiv und ich habe mich immer noch ausprobiert", erinnert er sich.


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Deshalb hat Jack das getan, was man in so einer Situation eben macht: Er fuhr über Weihnachten nach Miami. "Ich dachte, ich würde für eine Woche bleiben", sagt er lachend, "aber ich hatte kein Geld." Also musste sich Jack das Geld für die Rückfahrt mit einem Job verdienen. Sechs Monate hat er gebraucht, um sich das Ticket leisten zu können. "Das hat Spaß gemacht. Es war das erste Mal, dass ich den Nordosten verließ. Danach habe ich größer gedacht."

Alle Fotos: Jack Pierson. Courtesy of Cheim & Read, NY.

Die Fotografien aus seiner Zeit in Miami sind jetzt in einem neuen Buch The Hungry Years erschienen. Darin zu sehen sind Schnappschüsse aus dem Amerika der 80er — von den Trips, die der Künstler nach El Paso, Palm Springs, Miami, Baltimore, Bostin und in die Badlands unternommen hat. Es ist ein ehrlicher und liebevoller Rückblick auf die Jahre eines jungen Kreativen, der sein Lebensunterhalt mit seiner Kunst verdienen wollte. Im Interview hat er uns mehr über seine hungrigen Jahre verraten.

Erzähl' uns mehr darüber, wie du deine Fotografien als eigenständige Kunst wahrgenommen hast.
Ich habe damals an der Kunsthochschule studiert und wusste, dass Fotografie auch Kunst sein kann. Aber ich habe mein Leben fotografiert und die Aufnahmen nicht als Kunst gesehen. Erst als ich 1989 nach L.A. gekommen bin, haben sie als Einheit einen Sinn ergeben. Ich habe im Village gewohnt und da gab es so einen kleinen Fotoladen. Für zehn Dollar haben sie jedes Bild zu einem Poster gemacht. Zu dieser Zeit habe ich auch meine erste Kreditkarte bekommen, sie hatte ein Limit von 500 Dollar. Ich habe alle Negative durchwühlt, die 50 besten ausgewählt und meine Kreditkarte bis zum Limit ausgereizt. Als ich die fertigen Poster in den Händen hielt, wusste ich, dass sie etwas an sich hatten. Sie waren groß genug, dass sie man sie nicht übersehen konnte. Für mich waren sie Kunst.

Du hast mit den Word Pieces 1990 angefangen. Hat die Fotografie dabei eine Rolle gespielt?
Ich habe zwischen 1985 und 189 in meinem Studio versucht, Bilder zu malen, weil ich dachte, dass die Leute das wollten. Dann kam ein Galeriebesitzer, der sich zuerst die Bilder, dann die an eine Leinwand gepinnten Fotografien angesehen hatte. Als ich ungefähr die Hälfte von den 50 Fotos an der Wand hatte, sagte er: "Die sind cool, wir sollten sie ausstellen. Interesse?" Und ich war natürlich sofort begeistert. Im gleichen Jahr haben wir eine Ausstellung organisiert und mit dem Geld der verkauften Fotos konnte ich endlich meine Kreditkartenschulden zurückzahlen — das war Balsam für mein Ego. Ich war Künstler. Ich hatte eine Ausstellung. Ich habe Werke auch verkauft. Das hat sich gut angefühlt.

1990 wurde der Times Square umgestaltet und auf den Flohmärkten überall Buchstaben und Schilder verkauft. Mit vier davon habe ich auf dem Boden Worte zusammengesetzt. Mein Mitbewohner hat mich noch gefragt, ob ich wirklich 40 Dollar für vier Buchstaben ausgeben will. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits zwei Monate mit der Miete im Rückstand. Aber ich war mir sicher, dass ich da etwas Besonders hatte. Mit den Buchstaben bin ich wieder zurück ins Studio und habe sie an der Wand befestigt. Und dann kam ein Typ, dem ich das "Word Piece" gezeigt habe, er hat es noch am selben Tag für 1500 Dollar gekauft.

Mit ursprünglich 40 Dollar …
Für mich als Künstler war es immer gut, dass ich etwas mit Flohmärkten anfangen konnte. Angeblichen Schrott zu finden, ihn wieder zu verkaufen und sich einen neuen Flohmarkt suchen. Das sage ich auch immer zu meinen Studenten: Jeder beschissene Job, den ich machen musste, hat mich etwas gelehrt.

Wonach hast du die Fotografien für das Buch ausgewählt?
Nachdem ich mich sieben Jahre lang in New York ausprobiert hatte, ging alles recht schnell. Erfolg über Nacht gibt es nicht. Ich hatte fotografiert, die "Word Pieces" kreiert und viel gezeichnet. Irgendeine Blockade hat sich in mir gelöst und ich wurde auf einmal sehr kreativ. Ende der 90er wollte dann sogar eine deutsche Galerie ein Buch herausbringen, das ich wie ein Magazin entworfen habe, allerdings ohne die weißen Zwischenräume oder Titel für die Fotografien. Ein paar der Fotografien in dem neuen Buch waren auch damals zu sehen. Ich wollte nach all' den Jahren sehen, ob sie dem Vergleich standhalten würden, wenn sie wie richtige Fotografien präsentiert werden: ein Foto pro Seite, mit einem weißen Zwischenraum und einem Titel. Das war der Ritterschlag für diese Aufnahmen.

"Jack Pierson: The Hungry Years" ist bei Damiani erschienen.