Diese Serie stellt Magersucht realistisch und ohne Glamour dar

"Overshadowed" ist rau, spannend und fühlt sich sehr, sehr real an — auch wenn an manchem Stellen das Hinsehen schwer fällt.

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Okt. 11 2017, 7:45am

To The Bone hat dieses Jahr Filmgeschichte geschrieben: Er war der erste Fernsehfilm, in dem es um Magersucht geht. Natürlich gab es davor schon welche, in denen die Figuren unter Essstörungen leiden wie zum Beispiel die kettenrauchende Ballerina Janet aus Durchgeknallt oder die schüchterne Cheerleaderin Casey Powell aus The Best Little Girl in the World. To The Bone versprach, tiefer in das Thema einzutauchen, doch viele hatten das Gefühl, dass der Film — wie viele vor ihm auch — den Fehler begeht, die Krankheit zu verhamlosen.

Hauptdarstellerin Lily Collins nahm ab, um Eli zu spielen: eine coole Magersüchtige, die gegen ihre Therapeuten, ihre besorgte Familie und gegen jegliche Form von Autorität rebelliert. Der Film hat auch beunruhigend viel Zeit damit verschwendet, Elis Abnehm-Methoden zu zeigen: das Kalorienzählen, die ständigen Sit-ups, das Wassertrinken vor dem Wiegen, alles sah einfach aus — zu einfach für Nachahmer. Der britische Hilfsverein bei Essstörungen, Beat, sah sich sogar dazu genötigt, eine Warnung zu veröffentlichen: "Zwar versucht To The Bone Magersucht als eine ernstzunehmende psychische Erkrankung darzustellen, aber die Wahrscheinlichkeit liegt hoch, dass Menschen, die an Essstörungen leiden, durch den Film getriggert oder unter enormen Stress gesetzt werden."


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Zur Verteidigung von To The Bone muss man sagen, dass die Macher keine Vorlagen hatten und es so oder so kontrovers gewesen wäre. Aber letztlich ist der Film daran gescheitert, Essstörungen im Fernsehen darzustellen. Die neue BBC-Serie Overshadowed bietet nun eine willkommene Alternative und unterscheidet sich stark von Netflix' glamouröser, dürrer und edgy Version von Magersucht.

In Overshadowed geht es um die Geschichte der selbstbewussten und nicht auf den Mund gefallenen Vloggerin Imogene. Die junge Irin lebt im nordenglischen Leeds und verpflichtet sich dazu, jeden Tag ein Video für ihre Fans hochzuladen. Im Laufe von 12 kurzen Episoden erleben wir, wie sich Imo immer weiter verändert. Aus der einst so fröhlichen und lebendigen Teenagerin wird eine hysterische junge Frau, die ständig nur an Essen und Sport denken kann. In To The Bone fällt es dafür leicht, sich nicht mit der Hauptdarstellerin zu identifizieren, weil wir Eli erst erleben, als sie bereits tief in ihrer Magersucht steckt, abgemagert und antisozial ist.

Auch wenn sich Imos Psyche innerhalb kurzer stark verändert, musste Schauspielerin Michelle Fox für ihre Rolle in Overshadowerd kein Gewicht verlieren. Die Serie zeigt auch nicht ihre Abnehm-Methoden bis ins kleinste Detail. Es wird auch nicht gesagt, wie viel Sport sie am Tag treibt, wie viel sie isst oder wie sie das alles vor ihren Freunden und ihrer Familie versteckt, die sich zunehmend um sie sorgen.

Das Publikum wird durch nichts abgelenkt und kann sich voll und ganz auf Imo selbst konzentrieren, die in offenherzigen YouTube-Videos das ganze Ausmaß ihrer Erkrankung offenbart — und wenig überraschend festhält, dass Magersucht wenig glamourös ist.

Die Serie ist aber noch aus einem anderen Grund bahnbrechend: Es gibt zwei Schauspielerinnen, die Imogene und ihre Essstörung darstellen. Neben der eigentlichen Imogene gibt es auch noch Anna. Die anfangs hilfreiche Freundin schirmt sie von den Leuten ab, die sie lieben, und zwingt sie, ihrem Körper immer gefährlichere Extreme zuzumuten. Gespielt wird Anna von Eva O'Connor, die ebenfalls als Drehbuchautorin fungiert und auch das Theaterstück geschrieben hat, auf dem Overshadowed basiert. Darin hat sie ihre eigenen Erfahrungen mit Essstörungen verarbeitet. Sie hätte ständig das Gefühl gehabt, dass sie von einem Dämon begleitet wird. "Ich erinnere mich an diese Stimme und deswegen wollte ich einen zweiten Charakter haben", sagt sie. "Ich wollte zwischen der Betroffenen und der Krankheit unterscheiden."

Für die Produzentin der Serie Kay Mellor, die schon an der Serie Fat Friends mitgewirkt hat, zeigt Overshadowed die andere Seite der Krankheit. Dafür hat sie eng mit Eva zusammengearbeitet und wurde von ihr auch vor den Gefahren gewarnt. Gemeinsam haben sie für diese ausgewogene und gut recherchierte Darstellung von Magersucht gesorgt. "Wir wollten zeigen, wie verstörend die Krankheit sein kann. Man denkt am Anfang noch, dass man sie unter Kontrolle hat; dass man sportlicher werden möchte, aber man weiß nicht, wo das endet, welches Monster man sich damit erschafft. Aber letztlich kann man lernen, damit umzugehen und Eva ist der lebende Beweis dafür", erklärt sie.

Während To The Bones ein sehr glatter und glamouröser Film über Magersucht ist, bietet Overshadowed das genaue Gegenteil. Die BBC-Serie ist rau, macht süchtig und fühlt sich sehr, sehr real an — auch wenn an manchem Stellen das Hinsehen schwer fällt.

Wenn du Probleme mit einer Essstörung hast und Unterstützung brauchst, melde dich bei ANAD ­– ein Versorgungszentrum bei Essstörungen. Beratungstelefon: 089/2199730 - Mo-Do 9.00-17.00 Uhr, Fr-So 9.00-16.00 Uhr oder online auf www.anad-dialog.de.