„tangerine“ ist der überraschungserfolg mit und über transgender-prostituierte, der mit dem iphone gedreht wurde

Wir trafen den Regisseur Sean Baker und sprachen mit ihm über die Dreharbeiten zu dieser Low-Budget-Indie-Produktion, die uns aufgrund ihrer lustigen dennoch immer wahren Darstellung von Freundschaft überzeugt.

von Emily Manning
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06 August 2015, 10:10am

Sean Baker hat bereits Regie bei Filmen über Fälscher im New Yorker Flatiron District und verschuldete chinesische Lieferanten geführt. Aber in seinem aktuellsten Film Tangerine geht es um etwas ganz anderes: der Film erzählt die fiktionale Geschichte der beiden afro-amerikanischen Prostituierten Alexandra und Sin-Dee, die sich an Sin-Dees Freund rächen wollen, nachdem sie herausgefunden haben, dass er Sin-Dee an Heilig Abend betrogen hat. Cisgender-Regisseur Bakers ernstgemeinte Zusammenarbeit mit den Frauen aus dem inoffiziellem Rotlichtviertels von L.A. wurde zu einem schwarzhumorigen Überraschungserfolg, der sowohl von Filmkritikern wie auch von der LGBT-Community hochgelobt wurde. Der Film feierte Anfang diesen Jahres auf den Sundance Film Festival seine Weltpremiere und wird jetzt in ausgewählten Kinos auf der ganzen Welt gezeigt. Wir trafen Sean und sprachen mit ihm über den Dreh, welche Rolle dabei das iPhone gespielt hat und über die Lage von Transsexuellen.

Wie müssen wir uns deinen Rechercheprozess vorstellen?
Der Prozess dauerte ungefähr acht Monate in dieser Gegend mit Frauen aus dieser Gegend. Chris Bergoch [der Co-Drehbuchautor] und ich - zwei weiße Cisgender-Männer - wussten, dass wir einen Kollaborateur finden mussten. Wir wollten mit keinem Script oder Plot dort hineingehen, also hatten wir am Anfang gar nichts. Wir haben Leute angesprochen, wir haben uns vorgestellt und wir haben ihnen unsere Absichten, die wir mit dem Projekt verfolgen, erzählt. Aber erst als wir Mya Taylor vom Los Angeles LGBT Center gefunden hatten, kamen die Dinge so richtig ins Rollen. Sie war unsere Eintrittskarte.

Wie half Mya bei der Story?
Wir haben uns regelmäßig im Burgerladen Jack in the Box getroffen und sie erzählte uns Geschichten und Anekdoten, die sie selbst erlebt hatte oder von Freunden aus dieser Gegend kannte. Eines Tages brachte Mya Kiki mit. Als ich die beiden zusammen sah, wusste ich, dass es eine Geschichte über Freundschaft werden musste. Wir brauchten aber immer noch eine Handlung. Ein paar Tage später hatte Kiki eine Idee. Sie erzählte uns von dieser Mission, den „Fish" [amerikanischer Slang für eine Cisgender-Frau] zu finden und ich bat sie, uns mehr zu erzählen. Als wir begriffen, worüber sie sprach, fiel uns die Kinnlade runter. Die Geschichte dachte sich eines der Mädchen aus, als sie herausfand, dass sie von ihrem Freund betrogen wurde. Aber der Plan wurde nie in die Realität umgesetzt. Der Film basiert auf keiner wahren Begebenheit, sondern auf Gedanken.

Welche Rolle spielt Humor in dem Film?
Comedy war schon immer Teil dessen, was ich mache. Aber meine älteren Filme sind eher Dramedys und ich konnte mir nicht ausmalen, wie ich den Film witzig machen könnte. Schon ganz am Anfang gab ich meine älteren Arbeiten an Mya und Kiki, die sich mit ihnen identifizieren konnten und meine Sensibilität verstanden. Mya sagte: „Ich bin dabei, wenn du mir zwei Dinge versprichst: Erstens sollst du es realistisch darstellen. Du musst zeigen, wie schwer es diese Frauen da draußen haben und ich möchte nicht, dass du Dinge ausblendest. Aber ich möchte auch, dass der Film lustig ist, weil er für sie auch Unterhaltung sein soll." Darüber habe ich mehrere Tage nachgedacht und mir den Kopf zerbrochen. Dann begriff ich, dass das, was sie von mir verlangt, mich in vielerlei Hinsicht rettet.

In früheren Interviews hast du gesagt, dass der Film aus Budgetgründen mit iPhones gedreht wurde, was im Nachhinein total Sinn für einen Film macht, in dem die Polizei eine unrühmliche Rolle spielt und die Interaktionen mit dieser auch mit dem iPhone festgehalten werden.
Einige Kritiker haben bereits geäußert, wieso sie denken, dass das iPhone das perfekte Tool war, um diesen Film zu drehen - aus so vielen Gründen. Den Punkt, den du gerade angesprochen hast, dass das Telefon auch für Leute ohne viel Geld bis zu einem gewissen Grad erschwinglich ist - Leute in dem Film haben kaum Geld - macht es für die Straße interessant. Ich hasse es, selbst meine Filme zu analysieren, das sollen andere übernehmen. Ich denke dennoch, dass uns das iPhone geholfen hat, etwas zu erreichen, was wir ohne das i-Device nicht hätten schaffen können. Unser Budget war so knapp, so dass wir uns nicht mehr leisten konnten. Trotzdem waren wir auch sehr offen gegenüber dem, was für Vorteile wir dadurch bekommen können und wir haben davon wirklich profitiert.

Der Film wurde vor anderthalb Jahren gedreht. Der Kinostart fällt in eine Zeit, in der viel über Transgender-Rechte geredet wird und Transgender immer sichtbarer werden. Aber schwarze Transgender im Besonderen werden immer noch Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Wie hast du das während der Dreharbeiten und danach erlebt?
Ich habe aus erster Hand die Diskriminierung miterlebt: Die Restaurants, in denen wir während der Dreharbeiten essen wollten, haben ganz schnell ihre Haltung uns gegenüber geändert, als wir mit Mya und Kiki reinkamen. Ich habe auch während der Post-Produktion Diskriminierung miterlebt, als ich versuchte, vor dem Kinostart einen Job für Mya zu besorgen. Ich habe nur einen Ausschnitt gesehen, aber diese Frauen müssen mit dieser Diskriminierung die ganze Zeit leben. Die Aufmerksamkeit und die Sichtbarkeit sind toll: Es ist doch wunderbar, was Laverne Cox, Caitlyn Jenner und Präsident Obama machen. Das Problem ist aber, dass die Mordrate gestiegen ist. Letztes Jahr gab es in den USA 12 gemeldete Morde, die zu Ermittlungen geführt haben. Das sind aber nur die gemeldeten Mordfälle. Dieses Jahr gab es bereits allein 10 Morde an Transgender in den USA. Die ganze Aufmerksamkeit hat noch nicht zu einer allgemeinen Akzeptanz geführt. Das muss sich noch ändern.

Der Film erzählt nur eine von vielen Geschichten, die hoffentlich für diesen Wandel sorgen werden. Ich denke, dass der Wandel von Leuten ausgeht, die nie gedacht hätten, dass sie irgendeine Verbindung mit den Leuten aus der Welt, die ich darstelle, haben - also zu der Welt von schwarzen Transgender, die anschaffen gehen müssen, um zu überleben. Meine Hoffnung ist, dass das Publikum in den amerikanischen Vorstädten mit Alexandra und Sin-Dee eine Verbindung aufbaut, dann an ihre Computer gehen und mehr darüber lesen. Diese Aufmerksamkeit wird hoffentlich zu mehr Akzeptanz führen.

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Credits


Text: Emily Manning
Alle Fotos: Courtesy of Magnolia Pictures

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