alexander wang spricht über selfies, kate moss und balenciaga

Er ist auf der Liste der 100 einflussreichsten Personen auf der Welt des Time Magazine, Alexander Wang gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Modewelt. Wir trafen den Designer und sprachen mit ihm über Selfies und das Promi-Dasein.

von Sarah Raphael
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02 Juli 2015, 10:50am

Kate wears all clothing Balenciaga.

Viele Interviews mit Alexander Wang (Alex für seine Freunde; ich wünschte, ich gehörte dazu) fangen damit an, dass er heißes Wasser mit Zitrone bestellt. Das tut er auch bei unserem Termin, aber was hat das mit dem Aufbau eines globalen Modeimperiums zu tun? Vielleicht damit, dass sich alles, was Alex macht, und alles, was Alex ist - von der Temperatur des Wassers über seine elegante Erscheinung bis hin zu seinen zum Kult gewordenen Kollektionen -, in Balance befindet. Von seinem glänzenden, schwarzen Haar bis zu seiner reinen Haut, er ist gleichzeitig wie aus einem Guss und doch so wunderschön unfertig. Alex Wang war immer das Label, weil das Label Alex Wang war. Mit dem Satz im Hinterkopf hätte man denken können, dass - als er 2012 im zarten Alter von 28 zum Creative Director des Luxus-Modehaus Balenciaga berufen wurde - er in eine Identitätskrise geraten würde. Aber dem war nicht so: „Ich denke nicht wie ‚Balenciaga - Wang'. Ich denke an die Kollektion und in welche Richtung wir mit einer speziellen Kollektion gehen."

Einige der besten Designer auf der Welt haben ihre Visionen bei Balenciaga verwirklicht - vom Gott Cristóbal höchst selbst bis zum langjährigen Vorgänger von Alex, Nicolas Ghesquière. Das ist eine einschüchternde Ahnenlinie und Alex ist bescheiden genug, das anzuerkennen. „Ich war sehr nervös. Man hört viele Geschichten von neuen Creative Directors und wie sie ihr neues Team mitbringen und alles einer Generalüberholung unterziehen. Für mich ging es vielmehr um einen Work in Progress. Es ging darum, dass Team kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen." Drei Jahre und doppelt so viele, bejubelte Kollektionen später hat er klare Ziele: „In meiner Zeit bei Balenciaga möchte ich Artikel und Produkte entwickeln, die sofort als typisch Balenciaga wiedererkannt werden. Artikel zu entwerfen, bei denen die Leute wissen, dass sie für etwas stehen. Status hört sich in diesem Zusammenhang so prätentiös an. Aber er hat den Vorteil sofortiger Wiedererkennbarkeit. Es ist die Fliege, die Feder oder der Anker und ich versuche, das wiederzubeleben und es relevanter zu machen und - schmutziges Wort - auch ein bisschen auszubeuten."

Ich höre vier Worte heraus - Wiedererkennbarkeit, Wert, Relevanz und Status - und ich frage Alex nach dem Trend von Prominenten in der ersten Reihe und Instagram-Posts von einflussreichen Stars im Feed des Balenciaga-Accounts und seinem eigenen. „Stars sind die neuen Medien", sagt er. „Ich bin ein großer Zeitschriftensammler, aber Zeitschriften sind eine aussterbende Kunst: ein Handwerk. Das Internet ist toll, aber alle wollen über Stars lesen oder ihnen folgen. Ob das nun gut oder schlecht ist - und ich denke, dass man es so und so sehen kann -, es ist nun mal die Realität. Ich glaube, dass man einfach einen Weg finden muss, damit umzugehen und es zu nutzen, weil es nun mal so ist. Ich denke nicht, dass sich das auch wieder so schnell ändern wird." Gepostet werden Leute, von denen man annimmt, dass sie Balenciaga-Leute sind, wie Julianne Moore oder Amal Clooney, aber auch die Pop-Elite wie Katy Perry, Rihanna, Lady Gaga und Kim Kardashian. Alex interessieren die negativen Kommentare, die unter diesen Bildern gepostet werden, nicht. „Es gibt Dinge, die wir tun, die wirklich polarisieren", sagt er. „Ich glaube, dass es darum in der Mode geht. Ich meine damit, dass Mode für Gesprächsstoff sorgt. Man kann nicht immer etwas machen, das alle lieben werden."

Dieser demokratische Modeansatz, den Alex verkörpert, macht Sinn bei seinem eigenen Label, aber scheint deplatziert bei einem elitären und exklusiven Label wie Balenciaga zu sein, dessen Show traditionell zu exklusivsten der Fashion Week in Paris zählt. Über die Stars sagt er: „Alles ist Mode. Es gibt High Fashion und Low Fashion, ob du oder ich jetzt denken, dass das eine gut oder schlecht ist, am Ende ist es nur Mode. Weil Mode ein Spiegel unserer Zeit ist und was Leute tragen." Statt für einem Instagram-Star entschied sich Alex für Kate Moss als Gesicht des Features. „Ich war schon immer ein großer Fan von [Kate Moss], aber ich habe mit ihr noch nicht für Balenciaga gearbeitet [dieser Artikel entstand, bevor die Autumn-/Winter-15-Kampagne enthüllt wurde]. Sie kam zur Show, diese Möglichkeit ergab sich und ich dachte, dass es lustig sein würde, etwas mit ihr und i-D zu machen, weil i-D immer eine interessante Herangehensweise an bekannte Persönlichkeiten in der Modebranche hat."

Das Time Magazin führte ihn in der diesjährigen Liste der einflussreichsten Personen der Welt an und das ganz zu recht. „Es ist so eine Ehre", sagt er und meint es auch so. „Es ist eine Erfahrung, die einen demütig werden lässt. Die Liste umfasst so viele und vor allem so verschiedene Branchen. Aus der Modeindustrie zu kommen und auf dieser Liste aufzutauchen, ist schon etwas, denke ich."

Für unsere 35th Birthday Issue haben wir Alex und zehn weitere Top-Designer gefragt, ob sie einen Special Edition-Magazinumschlag gestalten würden. Alex war der Einzige, der ein Selfie einreichte: zwinkernd mit einem Handy mit Balenciaga-Hülle. Sein Hinterkopf ist auf der Rückseite. Der Designer ist ein sehr bescheidener Mann, eines der offensichtlichsten Dinge an ihm. Es gibt kaum Selfies auf seinem oder Balenciagas Instagram-Account. Er setzt mit dem Cover ein Statement. „Ich mache nie Selfies, aber ich hatte das Gefühl, dass der Umschlag unsere Zeit widerspiegeln sollte. Anfangs wollte ich ein gespiegeltes machen. Wie ihr ja wisst, dreht sich bei i-D alles um Identität und Eigenwahrnehmung. Aber ihr habt gesagt, dass es das schon mal gab. Also wollte ich etwas machen, was wirklich unsere Zeit widerspiegelt. Die Leute sind besessen von Selfies." Ich frage ihn, ob er sich jemals unsicher fühlt. „Ja, natürlich", antwortet er. Und als Designer? „Nun, mir war immer wichtig, ohne Furcht arbeiten zu können. Es gibt Zeiten, in denen ich unter enormen Druck stehe oder zögere, weil ich mich frage, was diese oder jene Person denken könnte. Aber ich überwinde das jedes Mal wieder. Ich glaube, dass es besser ist, nichts von den Kritiken und Kommentaren mitzubekommen. Wenn sie gut sind, dann werde ich mich gut fühlen; wenn sie schlecht sind, dann werde ich mich schlecht fühlen. Ich bin auch nur ein Mensch." Was man einfach vergessen kann, weil er mit einer übermenschlichen Geschwindigkeit arbeitet und überall seine Finger im Spiel hat. Trotzdem scheint sein Privatleben nicht darunter zu leiden. „Wenn ich mich gestresst fühle, treffe ich meine Freunde und Familie. Ich hänge sehr stark an meinen Freunden", sagt er.

Noch offensichtlicher als seine Bescheidenheit ist der Grund, warum Alex Wang eine wirklich nette Person ist. Er macht einen schnellen Abgang, in der höflichen, aber bestimmten Art einer extrem beschäftigen, netten Person. Auf meinem Weg nach draußen bemerke ich das i-D Buch 100 Contemporary Fashion Designers von 2009 auf dem Tisch. Ich schlage es auf und entdecke auf Seite 662 einen jugendlichen Alex. Er duckt sich bei der Kopfaufnahme, was sehr viel über sein Verhalten aussagt, aber gleichzeitig auch im Widerspruch zu seinem Erfolg steht, weil er ja nicht durch Zufall da ist, wo er jetzt ist. Der letzte Satz im Text über ihn in dem Buch liest sich so: „Möge er noch lange Erfolg haben." Sechs Jahre später ist das kein angemessener Schlusssatz mehr, weil sein Erfolg der Erfolg eines Stars ist, bei dem es kein Ende in Sicht ist. 

@balenciaga 
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Credits


Text: Sarah Raphael 
Foto: Alasdair McLellan
Fashion Director: Alastair McKimm
Haare: Anthony Turner at Art Partner
Make-up: Lynsey Alexander at Streeters London
Nägel: Jenny Longworth at CLM verwendete Chanel SS2015 & Body Excellence
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Matthew Healy
Stylingassistenz: Katelyn Gray, Lauren Davis, Ianthe Wright, Bojana Kozarevic
Haarassistenz: David Hardorow
Make-up-Assistenz: Camila Fernandez
Executive Producer (Nicht am Set): Lucy Johnson
Producer: Lucie Newbegin at 10-4
Produktionsassistenz: Laure Liyombo, Harry Burner, Lyndon Ogbourne
Besonderen Dank an Jen Ramey
Nachbearbeitung: Output Ltd
Model: Kate Moss at IMG