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Mit seiner emotionalen Chanel-Show hat uns Karl Lagerfeld in der sich verändernden Haute-Couture-Welt daran erinnert, wer die wahren Stars sind.

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Juli 7 2016, 10:20am

Die Haute-Couture-Schauen waren bisher, zwischen Prêt-à-porter-Einflüssen und Merkwürdigkeiten aller Art, doch eher unaufregend. Karl Lagerfeld hat dem aber—wie so oft davor—ein Ende gesetzt, in dem er die Aufmerksamkeit auf die Leute gelenkt, ohne die es gar keine Haute Couture geben würde: die Damen in den Chanel-Ateliers. Im Grand Palais wurden die Ateliers nachgebaut. Die Näherinnen wurden Teil der Show, arbeiteten an ihren Puppen, während die Models ihre Runden drehten. Die Kollektion war ausgesprochen 80er: Mit gerafften Stiefeletten, breiten Schultern, nur unterbrochen von Rüschenkleidern und Power Dressing, das Alexis Colby stolz gemacht hätte. Der normalerweise so zukunftsgewandte Lagerfeld scheint in letzter Zeit eine gewisse Nostalgie zu fühlen. Erinnern wir uns an die Präsentation der neuesten Prêt-à-porter-Kollektion im März, für die er das Grand Palais in eine traditionelle Salon-Show verwandelte. Es gab nur Plätze in der ersten Reihe. Ein brillanter Schachzug, ist doch im Instagram-Zeitalter sowieso jeder durch sein Smartphone in der Lage, alles aus der ersten Reihe mitzubekommen. Gleichzeitig war es eine Erinnerung daran, dass wir doch viel von den guten, alten Tagen lernen können—eine Zeit, in der Hype und Hysterie noch nicht alles kontrolliert haben.

Mit der Haute-Couture-Show knüpfte er an diese Gedanken an und zeigte sein Verständnis von Haute Couture: dass es dabei immer noch um die hohe Schneiderkunst geht. In einer Modelandschaft, in der jede zwei Prêt-à-porter-Kollektion halb als Haute Couture durchgeht, ist die Definition, was Haute Couture heutzutage eigentlich noch ist, schwieriger denn je. Karl Lagerfeld schien mit der liebevollen Präsentation seinen Respekt für die Leute, die in diesen Ateliers arbeiten, zum Ausdruck zubringen. Die Show war auch ein Zeichen gegen die Respektlosigkeit, die diese Frauen von Leuten, die das Label Haut Couture missbrauchen, entgegenschlägt. 

Vetements, die mit ihrer Show den Auftakt am Sonntag bildeten, machten von Anfang an klar, dass sie keine Haute Couture machen und dass die Entscheidung, in diesem Rahmen zu zeigen und nicht in den Prêt-à-porter-Wochen mit den Umwälzungen des Modekalenders zu tun haben. Bei Brioni zeigte Justin O'Shea eine Mischung aus handgefertigten Stücken und Ready-to-Wear, nannte es aber auch nicht Haute Couture. Es war keine Spitze gegen die respektlosen Newcomer im Schauenplan, sondern eine Erinnerung daran, dass trotz der ganzen Umbrüche bei den Modewochen und den Schauenplänen, eines sich nicht verändert: der Wert dieser hohen Handwerkskunst.

Am Ende verbeugte Lagerfeld sich mit den Leiterinnen seiner Ateliers. Das sind Frauen, mit denen er seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. Sie mit auf die Bühne zu bringen, war eine bewegende Geste des dienstältesten Designers, der trotz seiner Berühmtheit und Rockstar-Persönlichkeit, sehr genau weiß, dass Mode ein Teamsport ist. In der Gerüchteküche wird seit einiger Zeit gemunkelt, dass sein Freund Hedi Slimane seine Position bei Chanel übernehmen könnte, wenn er sich dann fürs Aufhören entscheidet. Das sind natürlich alles Spekulationen, aber das Ende einer Chanel-Haute-Couture-Sow war selten so emotional wie dieses Mal. Es war persönlich für Lagerfeld und seine Gäste, die sich Chanel—oder überhaupt die Modeindustrie—ohne ihn gar nicht vorstellen können. Lagerfeld steht für alles, wie Mode sein sollte: eine Kombination aus Fantasie und Realität, aus Vergangenheit und Gegenwart und natürlich sehr viel Zukunft. 

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Courtesy of Chanel