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fotograf mauro d’agati dokumentiert das leben in den slums von sizilien

Acht Jahre lang hielt der italienische Fotograf das Leben von Marzia und ihrer Familie fest. Durch das Langzeitprojekt entstand ein faszinierender Einblick in die verborgene Welt der Gemüsehändler von Palermo.

von Rory Satran
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30 Oktober 2015, 2:35pm

Der in Palermo geborene Fotograf Mauro D'Agati traf sein Model, die sechsjährige Marzia, 2007 in Termini Imerese. Man muss schon einen besonderen Blick haben, um an diesem Ort Schönheit zu entdecken. Die Gegend ist eine Industriedeponie, die von Öl- und Chemiefabriken und einem Kraftwerk umgeben ist. Arme Familien aus Palermo campen den Sommer über illegal am verdreckten Strand und auf dem Parkplatz des nahen Fiat-Werkes - Sommerferien in Italien abseits aller Klischeevorstellungen wohlhabender Mitteleuropäer.

Alle Fotos: © 2015 Mauro D'Agati / Courtesy of Steidl Verlag

„Ferien, si!", sagt Mauro D'Agati. „Sie entspannen, essen, schlafen und sie haben hier einfach Spaß. Das Wasser ist nicht sauber, alles ist ein bisschen so wie in einem Katastrophenfilm, aber ihnen gefällt das." Es war diese Freude, die ihn an Marzia faszinierte, deren Familie zum Thema des fünfteiligen Bildbandes Marzia's Family wurde, der diesen Herbst bei Steidl erschien. Jedes Buch steht dabei für einen Sommer im Leben der Familie. Er plant das Projekt bis zur Hochzeit der jungen Italienerin weiterzuführen.

Wieso hat er ausgerechnet Marzia ausgewählt? „Sie ist natürlich, spontan, süß und sie hat ein hübsches Gesicht", antwortet er ohne Zögern auf die Frage. „Sie posierte wie ein Model. Modemagazine interessieren sich für ihre Art von Schönheit nicht."

Familien wie die von Marzia sind nicht nur in Modezeitschriften unsichtbar, sondern auch so ziemlich für fast jeden anderen. Marzias Vater ist Gemüsehändler in Palermo, wo die Familie in einem Slum ohne Gas, Elektrizität oder herkömmlichem Badezimmer lebt. Auf meine Frage, ob die Bewohner von Palermo diese Community und ihre Urlaubsgewohnheiten kennen, lacht er nur und sagt: „Nein". Mauro D'Agatis Bilder zeigen nicht nur eine lachende Marzia am Stand, bei der Kommunion oder mit ihren Freunden auf Motorrädern, sondern dokumentieren auch eine Seite von Sizilien, die bisher verborgen war.

Das treibt ihn als Fotografen an und bisher hat sein Schaffen nicht die Anerkennung bekommen, die es verdient. Er gewährt durch seine Bilder Einblicke in die Leben von Leuten, die unter dem gesellschaftlichen Radar existieren. Besonders haben es ihm die Geschichten der Bewohner seiner Heimatstadt angetan. Nach dem Jurastudium fotografierte er für das Jazzfestival der sizilianischen Hauptstadt, die berühmt-berüchtigten Verbrecherfamilien und als Frauen verkleidete männlichen Prostituierte. Außerhalb Italiens dokumentierte er ähnlich abgeschottete wie die Freimaurer in Kuba und die Ghettos von Mexiko City.

Verbindet seine Motive etwas? „Das Menschliche", sagt Mauro. „Das Verbindende ist die Beziehung, die sich zwischen diesen Leuten und mir entwickelt. Am Ende entstehen daraus Freundschaften."

Jeden Sommer sieht er Marzia wieder. Die Bilder kommen bei ihr und ihrer Familie an. „Für sie stellt es eine Art Familienalbum, an dem wir gemeinsam arbeiten", sagt er. Auch wenn die Zusammenarbeit im Laufe der Jahre schwieriger geworden sei, weil aus dem jungen Mädchen mit dem kindlichen Vertrauen eine vorsichtigere Jugendliche geworden ist. „Es ist nicht mehr so einfach", erklärt der Fotograf. „Sie ist schüchterner geworden und möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen. Diese Leute wollen unsichtbar bleiben." Mauro hofft, dass das Projekt der Familie auch finanziell zugute kommt. Er möchte der Familie etwas von den Erlösen der Bilder abgeben.

Das Spannungsfeld zwischen Unsichtbar-Bleiben und Erkannt-Werden ist dem Fotografen nicht neu. So hat er kaum mit Zeitschriften oder Galeristen zusammengearbeitet, sondern nur für sich selbst fotografiert. „Mich interessiert das Konventionelle nicht", erklärt er seine Vorgehensweise. Gerhard Steidl und er sind im engen Kontakt. Im Steidl Verlag sind bisher alle Bildbände erschienen und dieses Jahr kuratierte der deutsche Verleger eine Retrospektive zu Mauro D'Agatis Arbeiten in Neapel. „Unsichtbar zu sein, ist OK", sagt er mir abschließend.

Marzia's Family von Mauro D'Agati erschien bei Steidl und ist im Handel erhältlich.

Steidl.de

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Credits


Text: Rory Satran
Alle Fotos: © 2015 Mauro D'Agati / Courtesy of Steidl Verlag