die frauen der 70er-rockszene in l.a.

Die Fotografin Donna Santisi teilt mit uns unveröffentlichte Aufnahmen ihrer Freunde Patti Smith, Joan Jett und Chrissie Hynde – und die wildesten Geschichten aus durchzechten Nächten im Whisky in Los Angeles.

von i-D Staff
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16 Oktober 2015, 6:41am

Donna Santisi hat 30 Jahre lange nicht in ihr Fotoarchiv geschaut. „Ich bin einfach ein großer Rockfan. Ich habe nie an mein Fotografentalent geglaubt", gesteht sie. Eine grauhaarige Katzenliebhaberin sitzt vor mir auf dem Sofa in ihrem bescheidenen, mit Souvenirs gefüllten Haus. Für mehrere Monate hat sie sich durch ihre Kisten gewühlt und sich dabei jedes einzelne Foto angeschaut - noch nie in Magazinen abgedruckte, noch nie gesehene Fotos der Rockszene in L.A aus den 70ern. Jedes Bild ist mit Erinnerungen und persönlichen Anekdoten verbunden. 

Auch wenn Donna eng befreundet mit Patti Smith, Joan Jett und Chrissie Hynde war, wurde sie nie so bekannt wie andere Fotografen der Rock 'n' Roll-Szene. Sie war eine loyale Freundin und sie interessierte weder das Geld noch der Ruhm. Als schüchterne Tochter aus einer italienischen Arbeiterfamilie aus New Jersey führte sie bis in die 80er Jahre ein Doppelleben: tagsüber arbeitete sie als Buchhalterin und nachts war sie die BFF der Rockstars und Fotojournalistin. Sie konnte es kaum fassen, als die UCLA ihr letztes Jahr anbot, ihr Archiv aus 10.000 Fotos zu verwalten und zu pflegen: „Es soll den Namen Donna Santisi Collection tragen. Wie cool ist das denn?".

Zum verspäteten 30-jährigen Jubiläum ihres Kultbuches Ask the Angels veröffentlichte Donna 2010 eine zweite Ausgabe mit mehr Bildern, hauptsächlich aus der Anfangszeit, als die Punkszene der amerikanischen Westküste explodierte und gleichzeitig auch implodierte. In den 80ern und 90ern fotografierte sie auch weiterhin amerikanische und britische Bands auf Tour, aber nur noch als Aufträge. Letztlich hörte sie ganz auf und heutzutage fotografierte sie die Natur in Kalifornien, die Pelikane am Redondo Beach und den Baum in ihrer Straße. Wir haben sie noch ihren schönsten Anekdoten gefragt: 

Der Tag vom Telefonat mit Janis Joplin
„1969 war ich zwölfmal auf einem Janis-Joplin-Konzert. Sie war der Grund, wieso ich mir eine Mamiya-Sekor-Kamera kaufte. Sie gab ein Konzert in meinem College, dem Rider College in New Jersey und übernachte im Howard Johnson Motel in Lawrenceville. Meine Freundin und ich sind ihr in dieser Nacht gefolgt. Ich wollte ihr etwas erzählen, aber sie war so am Ende, dass sie von ihrer Band ins Zimmer gebracht werden musste. Am nächsten Morgen rief die Rezeption an - ich wollte einfach nur herausfinden, ob sie noch da ist - und sie stellten mich sofort durch. Sie sagte ‚Hallo'. Ich habe Panik bekommen und einfach gefragt ‚Ist Susan da?'. Ich war nicht darauf vorbereitet, mit ihr zu sprechen! Ich war 19. Sie antwortete ‚Du hast die falsche Nummer'.

Ich habe mich weder verabschiedet noch danke gesagt, ich habe einfach aufgelegt. Dann sind wir zum Motel gefahren. Sie checkten gerade aus. Das Motel war bekannt für seine 21 Eissorten und Janis gönnte sich grad eines. Sie sind ins Auto gestiegen und wir sind ihnen auf dem Highway in Richtung Manhattan gefolgt, bis ich mich dabei blöd fühlte und wir umdrehten. Sie saß auf dem Beifahrersitz und hat ihr Eis gegessen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Ich sah sie drei Monate später auf einem Konzert. Ich bekam dann im Studentenwohnheim den Anruf, dass sie gestorben sei. Ich war am Boden zerstört. Ich legte meine Kamera weg und erst als Patti Smith kam, nahm ich sie wieder in die Hand."

Patti Smith hat für meine erste Veröffentlichung gesorgt
„Im Januar 1976 spielte sie für zwei Nächte im Roxy auf dem Sunset. Sie hatte gerade Horses veröffentlicht. Ich sah sie und ihre Band zweimal hintereinander, das zweite Mal mit meiner Kamera. Ein paar Tage später hatte ich einen Brunch im Dukes, das Cafe beim Tropicana Motel. Ich hatte vier oder fünf Abzüge bei mir. Wir gingen rein und da war sie mit Lenny [Kaye]. Ich stellte mich vor und zeigte ihr meine Fotos. Sie fragte mich, ob sie die Abzüge behalten könne. Ein paar Wochen später war ich im Tower Records Store auf dem Sunset. Ich sah das Fanzine Back Door Man mit ihr auf dem Cover. Ich schlug das Magazin auf und da waren sie: zwei Fotos von mir, mit meinem Namen. Sie gab den Machern des Magazins an diesem Tag im Tropicana ein Interview und gab ihnen meine Fotos mit. Das war meine allererste Veröffentlichung, im April 1976."

Ich fing an, mit Joan Jett rumzuhängen
„Meine Freundin Marcy war mit Vicki Blue befreundet, die Jackie Fox als Bassistin bei den Runaways ersetzen sollte. Joan lebte schrägt gegenüber vom Whiskey auf dem San Vincente Boulevard, und später hingen wir dann in ihrer Wohnung ab. Wir wurden gute Freunde. Ich sah mit ihr zusammen ihr Lieblings-Roller-Derby-Team - die L.A. T-Birds - im Olympic Auditorium in Downtown. Manchmal besuchten wir das Team sogar beim Training im Monterey Park und wir skateten mit ihnen. Joan liebte das."

Ich war dabei, als sich die Runaways trennten. Sandy [West] und Lita [Ford] wollten in die Metal-Richtung gehen und Joan wollte das nicht. In dieser Zeit war sie voller Zweifel. Wir wurden enger. Ich machte die Backstage-Fotos während der Dreharbeiten zum Film über die Geschichte der Runaways (er kam 1984 als Du-beat-e-o heraus). Joan wurde krank und landete im Cedars Hospital. Ich habe sie oft besucht. Eines Tages wollte sie sich herausschleichen. Ich nahm sie mit zum Hollywood Boulevard und wir sind in ein indisches Restaurant gegangen, das hat ihr gefallen. Bevor ich sie zurück ins Krankenhaus brachte, besuchten wir noch den Hollywood Carnival, den wir zufällig fanden."

Die Nacht, in der ich Chrissie Hynde Joan Jett vorstellte.
„Ich traf Chrissie im April 1980. Die Pretenders gaben ihr zweites Konzert im Santa Monica Civic. Ich war bereits ein großer Fan. Es war auch Joans erstes Auftritt mit den Blackhearts im Whisky. Ich ging zum Hotel der Pretenders und brachte ein Buch mit meiner Telefonnummer vorbei. Chrissie rief mich noch in der Nacht an. Ich sagte ihr, dass ich sie und ihre Musiker auf die Gästeliste für Joan schrieb. Nach dem Konzert nahm ich Chrissie mit nach oben, um Joan zu treffen. Als wir den Raum betraten, saß sie vor einem großen Mülleimer und hatte schweres Lampenfieber. Nach dem Konzert sahen wir Joan dann wieder und Chrissie kümmerte sich schwesterlich um sie und gab ihr Tipps. Einmal zogen sie ihre Hosen aus und verglichen ihre blauen Flecke, die sie von ihren Gitarren bekamen. Joan ließ mich alles, was ich wollte, fotografieren. Aber ich kannte Chrissie noch nicht so gut und sie war zurückhaltender. Sie gab mir nicht das Einverständnis, das Foto zu machen."

Als Debbie Harry auf der Bühne herumalberte
„Ich wurde zu keiner engen Freundin von Debbie Harry, aber sie war ehrlich. Ich habe sie sehr gemocht. Im Februar 1977 spielte Blondie im Whisky, mit Tom Petty und den Heartbreakers. Tom sprühte „TP" auf das Hochzeitskleid, das Debbie trug. Sie riss es beim zweiten Konzert an diesem Abend zum Song „Rip her to shreds" in Stücke. Als ich sie im Dukes traf, fragte sie mich nach einem Abzug vom Foto. Das Bild hing lange in der New Yorker Wohnung von ihr und Chris [Stein], bis sie abbrannte. Bei einem anderen Konzert lud Debbie, Joan auf die Bühne ein. Sie spielten „I wanna be your dog". Debbie kroch auf dem Boden rum, streckte ihre Zunge raus und hechelte wie ein Hund, während Joan mit einem schwarzen Handschuhe Gitarre spielte.

Über die Ausgabe aus dem Jahr 1978 von Ask the Angels
„Nachdem ich mehrere Jahre die Punkrockszene in L.A. fotografierte, bot mir meine Freundin Marcy Blaustein an, ein Buch herauszubringen. Ich widmete dieses Buch Patti, weil sie der Grund war, wieso ich überhaupt mit dem Fotografieren anfing. Es wurde in lokalen Plattenläden für fünf Dollar verkauft, wie zum Beispiel im Licorice Pizza. Patti Smiths Mutter -Beverly - bot an, Promoflyer mit Pattis Unterschrift zu verschicken. Ich hatte keine Ahnung, dass Ask the Angels Kult werden würde, bis ich es letztes Jahr für rund 10.000 Dollar auf Amazon sah. Ich wollte das 30-jährige Jubiläum im Jahr 2008 mit einer neuen, veränderten Ausgabe feiern. Ich erweitere diese Ausgabe um Fotos aus den 80ern: von den Bags, Alley Cats und den Go-Gos. Der Preis für die Ausgabe aus dem Jahr 2010 erreicht mittlerweile Werte von 250 Dollar. Ein Tipp: Wenn du es über den Verlag Kill Your Idols kaufst, kannst du es immer noch für 29 Dollar kaufen)".

Donna Santisis Ausstellung läuft vom 20. November 2015 bis 31. Januar 2016 im Evil Rock 'n' Roll Cat in Los Angeles.

sorellipresents.com

Credits


Text: Carole Sabas
Fotos: Donna Santisi

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