„dieses gefühl, dass das leben gerade erst beginnt“

Die Reihe „All dressed up“ zeigt, wie junge Tennagerinnen in der Einöde zwischen ihrer ersten Liebe, ersten Enttäuschungen und unerwarteten Schwangerschaften aufwachsen.

von Matthew Whitehouse
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30 September 2016, 1:05pm

Die Side Gallery in Newcastle öffnet diesen Samstag nach einer knapp einjährigen Renovierungs-Pause mit einer Ausstellung, die sich mit der komplexen Welt der Kindheit befasst, wieder ihre Türen. Mit einer Mischung aus aktuellen Arbeiten und Werken aus dem Amber-Archiv—dem Film- und Fotografie-Kollektiv, das 1977 die Galerie erstmals eröffnet hatte—führt CHILDHOODS die Tradition fort und zeigt Fotos sowohl aus dem Nordosten Englands als auch aus anderen Regionen: Kai Wiedenhöfers Fotoreihe von Flüchtlingskindern, Forty Out of One Million, hängt direkt neben Dean Chapmans Set Shifting Ground aus Südwest-Durham der späten 1990er Jahre.


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Eine weitere Fotoreihe der Ausstellung, die Szenen aus dem Nordosten Englands zeigt, ist Karen Robinsons All Dressed Up. Mit Fotos von Teenagerinnen, die in den einst vom Bergbau geprägten Dörfern East Durhams langsam erwachsen werden, erforscht die Fotografin ihre Leben und die komplexen sozialen Themen, die sie umgeben, abgelegene Landschaften und vergessene Gemeinschaften. Doch es ist weit mehr als dieser Gedanke—es ist eine Liebesgeschichte. Eine Geschichte über Verantwortung, Freundschaften und das Muttersein. „Dieses Gefühl", so Robinson, „dass das Leben gerade erst beginnt."

Wann ist die Fotoreihe entstanden?
Side Gallery hat mich 2005 damit beauftragt, das Leben in den ehemaligen Bergbau-Gemeinschaften in East Durham zu dokumentieren. Ich wollte mich auf die Teenagerinnen konzentrieren, die dort aufwachsen; erfahren, wie sie ihre Welt sehen und wovon sie träumen.

Wie hast du deine Motive ausgesucht?
Auf gewisse Weise war es ganz klar, auf wen ich den Schwerpunkt legen würde—die Mädchen, dessen Leben besonders interessant waren und die kein Problem damit hatten, dass ich sie eine Zeit lang begleitete. Wie zum Beispiel das junge Mädchen, das ich eines Abends kennenlernte und das im dritten Monat schwanger war. Sie hatte keine Ahnung, wer der Vater war, und musste schnell erwachsen werden.

Waren die jungen Leute vor deiner Kamera misstrauisch? Du kamst ja immerhin aus London. Wie hast du ihr Vertrauen gewonnen?
Obwohl es schwierig war und eine Weile gedauert hat, begannen sie allmählich, mir so weit zu vertrauen, um mir einen kleinen Einblick in ihr Leben zu gewähren—mit all seinen Widersprüchen und seiner Komplexität. Jede einzelne Geschichte war faszinierend. Ihre Leben waren chaotisch, veränderten sich ständig, blieben immer gleich. Jede Mädchengruppe hatte ihren Lieblingsort, an der sie sich immer treffen würden. Zuerst fanden sie es merkwürdig, dass ich sie in ihrem Alltag fotografieren wollte, aber andererseits war es auch etwas Neues. Vielleicht gefiel ihnen der Gedanke, dass sich jemand für sie interessierte. Später vergaßen sie aber oft, dass ich da war.

Wovon träumten sie für ihre Zukunft? Hatten sie bereits Vorstellungen, was sie später mal machen wollten?
Das Leben in diesem wirtschaftlich benachteiligten Gebiet ist nicht leicht, es gibt viel Armut und Arbeitslosigkeit. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber die Teenager hatten tatsächlich keine großen Zukunftsträume, sie lebten eher von Tag zu Tag. Es wurde nicht viel über die Pläne nach der Schule oder über Unis geredet.

Was hat dir an ihnen gefallen?
Ihr Sinn für Humor, sie brachten mich sehr oft zum Lachen und machten sich auch oft über mich lustig. Manchmal war ich von ihrer Ahnungslosigkeit geschockt, andererseits haben sie mich auch oft mit ihrer Lebenserfahrung und den Erlebnissen, mit denen sie bereits zurechtkommen mussten, überrascht.

Was sind deine Erinnerungen an den Abschlussball?
Es war eine sehr große Sache für alle Beteiligten, für die Vorbereitungen wurde so viel Geld ausgegeben und noch mehr Zeit investiert. Es war dieser Augenblick, in dem sie einen Abend lang jemand anders sein konnten. Sie haben sich so besonders gefühlt und ich fand es toll, dass sie sich durch die Tatsache, dass ich sie an diesem Tag fotografiert habe, noch toller gefühlt haben.

Hast du ein Lieblingsfoto aus der Reihe?
Gemma und Tony waren schwer verliebt. Er wurde von der Polizei gesucht, nachdem er während seines Wehrdienstes einfach geflohen und direkt in ihre gemeinsame Wohnung gegangen war, weil er Gemma sehen wollte. Ein wunderschöner Moment inmitten eines schwierigen Lebens.

Weißt du, was die Mädchen jetzt machen?
Es war schon schwierig genug, während das Projekt noch lief, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Und es war noch schwieriger, danach mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Aber mit einem meiner Lieblingsmädchen, Aimee, habe ich bis heute Kontakt.Sie hat sich immer sehr für Kunst interessiert und zeigte mir ihre Zeichnungen. Sie arbeitet jetzt in einem Tattoostudio, sie zeichnet also ständig.

Und meine letzte Frage … wird die Jugend an Teenager verschwendet?
Leider muss ich sagen ja. Sie sind viel zu ängstlich und unsicher. Man will sie schütteln und ihnen sagen „nur zu, du schaffst das."

Childhoods ist vom 1. bis zum 27. Oktober in der Side Gallery, Newcastle upon Tyne zu sehen.

Credits


Text: Matthew Whitehouse

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