Photography Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

lack, leder, lust: warum wir heute punk mehr denn je brauchen

Die DIY-Publishing-Szene Amerikas ist spannender denn je. Was Cowgirls, Fetischfestivals und Punk gemeinsam haben, verraten uns die Macher von einem der spannendsten Underground-Fashion-Magazine im Interview.

von Emily Manning
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15 November 2016, 10:04am

Photography Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

Das Sedition Magazin hat im New Yorker Stadtteil Chinatown seine Launch-Party gefeiert, neben Asia-Restaurants und Läden für Kampfkunst-Zubehör. Die Wände waren mit Seiten aus dem Magazin bedeckt. Sedition Magazine ist eine überzeugende Mischung aus Modestrecken, Fotografien und subversiver, sexualisierter Collage Art. Im Hintergrund flimmerten über die guten alten Röhrenfernseher schwarz-weiße Zickzacklinien. Getanzt wurde zu den Nu-Wave- und Goth-Beats von DJ Sarah Abney, ein Favorit von Margiela.

Foto: Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

Die Gegend der Launch-Party steht dabei symbolisch für das, was Sedition so spannend macht: Es ist ganz bewusst als Anti-Establishment-Magazin konzipiert. Sie wollen nicht nur die Gegend, in der sie ihren Sitz haben, eine verschlafene Straße in Chinatown, sondern auch die Modebranche an sich verändern. Hinter Sedition stehen die beiden Gründer und Chefredakteure, Fotograf Tyler Kohlhoff und Fashion Director Lana Lackey. Das Magazin zeichnet sich durch seine Cut-and-Paste-Ästhetik aus, die Seiten wurden zusammengeheftet und geklebt, eben wahrer DIY-Style. In den Modestrecken werden Designerklamotten aus dem Archiv oder Vintage-Pieces gezeigt. Auf wunderschöne Art und Weise werden diese Kleidungsstücke in einem Anarchokontext einer neuen Bedeutung zugeführt. Das Magazin gehört zu den frechsten und spannendsten amerikanischen Printpublikationen in letzter Zeit.

Wir haben mit den beiden über Alexander McQueen, Cowgirls mit Zahnspangen und ihre Pläne für die zweite Ausgabe gesprochen.

Foto: Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

Warum habt ihr ein Magazin gegründet? Was sind eure Ideen oder gar Ziele damit?
Lana Lackey und Tyler Kohlhoff: Wir sind einfach Träumer! Wir wollen unsere Fantasien und Ideen, was Fotografie und Mode angeht, in einer Printpublikation zum Leben erwecken. Sedition bedeutet Aufruhr und Revolte gegen Autoritäten oder die Mächtigen. Diese Haltung steht dahinter und hat für uns eine Art roter Faden gebildet.

Foto: Lorenz Schmidl, Fashion Director Lana Lackey

Erzählt uns mehr darüber, wie die Geschichte und die Kultur von Punk euch zu Sedition inspiriert hat. Das Design ist mit Klebestreifen, Etiketten, Collagen, Zeichnungen und Prints so vielschichtig. Es hat mich an Zines wie Slash erinnert.
LL: Ich liebe Slash. Das Cover mit der schreienden Debbie Harry gehört, meiner Meinung nach, zu den besten Cover aller Zeiten. Wir kommen beide aus Portland in Oregon. Wir haben in unserer Jugend oft Zines getauscht. Auf jeder Toilette in einem Punkhaus gab es einen Stapel Zines. Sie waren billig oder zum Teil sogar kostenlos: mit Hand geschrieben und kopiert. Sie waren intim und cool. Ich mag es, wie das Haptische den Autoren näher an den Leser bringt. Ich habe die Collagen für Sedition ständig bearbeitet und verändert, ich wollte diese Erfahrung auch für die Leser ermöglichen. Ich hoffe, dass sich das fertige Produkt persönlich anfühlt.

Foto: Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

Lasst uns über das Thema der ersten Ausgabe A Riot in Paradise reden. Was heißt das genau und wie habt ihr das in den Geschichten und Fotostrecken umgesetzt?
LL: Das ist relativ einfach: Das System wachrütteln. Ich stelle mir vor, dass Menschen auf einer einsamen tropischen Insel gefangen sind, im Kreis laufen, verrückt werden und ihren Verstand verlieren.
TK: Der Titel ist eine Metapher für New York. Wenn New York das Paradies ist, dann wollen wir der Aufstand sein. Wir wollen die Wahrnehmung dessen, was ein Mode- oder Fotografiemagazin sein kann, verändern. Wir waren einfach nur direkt und haben es gerade auch gesagt. Einige Geschichten gehen mehr in die Richtung Paradies und andere in Richtung Aufstand. Genauso geht es aber auch darum, mutig und absurd zu sein sowie ein Statement zu setzen.

Foto: Devin Doyle

Es gibt Elemente, die sich sehr nach New York anfühlen, und dann wiederum welche, von denen man das Gefühl hat, sie kämen von einem fremden Stern: die Cowboy-Story der Los Charros, Fotos vom Folsom Straßenfestival und die Fotos von Sam Rock. Wie entscheidet ihr über die Motive und die Szenen, die ihr abbildet?
TK: Uns faszinieren einfach Menschen aus der echten Welt. Dokumentarfotografie ist einfach wichtig und gehört auch zu unseren größten Inspirationen. Das wollen wir in jeder Ausgabe zum Ausdruck bringe. Um auf No Mag oder Slash zurückzukommen: Denen ging es darum, mit der Mode, der Kunst oder Musik die Norm herauszufordern oder sie auf den Kopf zu stellen. Das war und ist sehr idealistisch, ich weiß, aber wir stehen drauf. Das war alles echt, das war keine Fiktion oder Fantasie. Uns hat das mehr, oder mindestens genauso interessiert, wie der Modeaspekt.
LL: Wir haben uns für Los Charros, das Folsom Straßenfestival und die japanischen Punks entschieden, weil mich die Charaktere und ihre Outfits interessiert haben. Sie sind alle so inspirierend: Wie sie ihre Träume und ihr Wünsche ausleben. Die Cowgirls sind eine Form davon. Ich liebe Subversion und Tabus. Benjamin Fredrickson dokumentiert die sexuell Subversiven auf so wunderschöne Art und Weise.

Foto: Benjamin Fredrickson

Die Modestrecken sind voll mit Vintage- und Archiv-Pieces. Wie kam es dazu?
LL: Meinen Eltern gehörte eine Marke für Lederaccessoires und der Kleiderschrank meiner Mutter war voll mit Sachen, die sie auf Flohmärkten gefunden hat. So habe ich Mode kennengelernt. Sie hat mir einen Sinn für Design vermittelt. Daraus hat sich eine große Leidenschaft entwickelt, ich habe mich intensiv mit Vintage-Mode beschäftigt und ein Archiv aufgebaut. Ich liebe einfach die Vorstellung, dass Pieces aus dem Archiv eine neue Wertschätzung erfahren und ein Publikum finden, vielleicht sind es ja auch Kleidungsstücke, die der Leser vorher noch nie gesehen hat. Für die „Heavenly Creatures"-Strecke haben wir mit einem grauen Anzug von Alexander McQueen aus dem Byronesque Vintage gearbeitet. Im Jackett wurde ein Plastikbeutel mit einer Locke aus dem Haar Alexander McQueens verarbeitet. Ich finde einfach toll, dass er einen Teil von sich selbst in seinen Kollektionen verarbeitet hat. Es ist so wichtig, dass diese Kleidung am Leben gehalten wird.

Foto: Jeff Bark, Fashion Director Lana Lackey

Was erhofft ihr euch für die Zukunft von Sedition? Und könnt ihr uns schon etwas mehr über die zweite Ausgabe verraten?
TK und LL: Wir freuen uns darauf, dass wir die Arbeiten von Leuten drucken können, von denen noch nicht so viele gelesen haben, darunter auch Arbeiten von Künstlern, die nicht in New York leben. Wir können schon so viel verraten: In der zweiten Ausgabe werden Werke von Künstlern zu sehen sein, die uns überhaupt erst zu diesem Magazin inspiriert haben. Diese Leute waren mit ihrer Mischung aus Kunst und Dokumentarfotografie ihrer Zeit schon immer voraus. Wir bewundern sie schon seit Langem.

Foto: Sam Rock

Foto: Barett Sweger, Fashion Director Lana Lackey

Photography Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

Photography Tyler Kohlhoff, Fashion Director Lana Lackey

@seditionmagazine

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: aus Sedition Issue 01: A Riot in Paradise

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