Anzeige

Von Tekkno, Maydays und wilden Nächten im Frontpage-Office

Wir haben Ralf Niemczyk, Verfasser des i-D Archiv-Artikels „Germany: the past, the present and the future of techno music?“ aus dem Jahr 1988, gebeten 27 Jahre nach dem Erscheinen des Originals noch einmal in die damalige Zeit zurückzugehen.

von i-D Staff
|
23 September 2015, 10:00am

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene. 

Ich hatte das Teil komplett vergessen. Ein mehrseitiges Überblicks-Feature mit dem Titel „Germany - the past, the present and the future of dance music?" in der englischen i-D, The Trash Issue vom November 1988. Wir hatten den Text in einer Art deutsch-englischer Co-Produktion verfasst, Redakteur Matthew Collins recherchierte himself in der alten Bundesrepublik, ich steuerte meine Version in einem eher semicleveren Schriftenglisch dazu. Am Ende fusionierte die Londoner Redaktion beide Teile.

Es ging um die Anfänge von Techno in Frankfurt, Hamburg und Berlin. Von den Wurzeln mit Kraftwerk und Krautrock, welche bereits „the future of dance music" in ihrer DNA getragen haben, so die britische Analyse. Der große musikhistorische Bogen bis zur Clubkultur der späten Achtziger wurde also geschlagen. Kronzeugen waren etwa Sequenzer-Exzentriker Gabi Delgado von DAF oder DJ Klaus Stockhausen, Pionier der House Music in Hamburg, heute Privatier in Norddeutschland. Zum ersten Mal hatte sich die ansonsten sehr mit sich selbst beschäftigte London Hip-Popkultur der elektronischen Musik in Deutschland gewidmet. WOW! Wir sind wieder wer, ein Ritterschlag aus dem Westend. Und dabei stand die Entwicklung noch ganz am Anfang.

Die Mauer existierte noch und das spätere Mayday-, Love Parade- und Tekkno-Mekka Berlin hatte im Vergleich zu West-Deutschland eine eher unterentwickelte Dancefloor-Szenerie. Natürlich gab es die New-Wave-Eisdiele „Dschungel", Westbam in Metropol am Nollendorf-Platz und den Depeche-Mode-Verehrer-Laden „Linientreu" bereits Anfang/Mitte des Jahrzehnts. Doch ansonsten sumpfte in den Nischen von Schöneberg und Kreuzberg36 Heroin-getränkter Underground-Rock vor sich hin. Sven Regener sang bei Element of Crime noch auf Englisch (Try To Be Mensch), ansonsten war Berlin Ende 1988 eher Schnarch. Der Millionen-Bestseller „Herr Lehmann" beschreibt liebevoll diesen Muff. Doch zehn Monate später passierte die mittlerweile 6.598 mal erzählte Saga, in der sich eine politische Großwetterlage mit einer popkulturellen Strömung verschränkt. Sprich: Der Eiserne Vorhang zerfiel. Und die in aller Welt munter sprießende Elektromusik wurde mit enormem Wumms zum Soundtrack der Wende. Ich lebte damals im skeptischen Rheinland, genauer gesagt in Köln, wo die ganze Wiedervereinigungs-Arie mit mildem Desinteresse zur Kenntnis genommen wurde. Berlin, schon ok. Doch selbst das prosperierende Bussi-Bussi-München war mit seiner funky Soul- und Downbeat-Szene letztlich attraktiver als das Vergammelte-Altbauten-Sideseeing in Mitte oder Prenzlauer Berg.

Hier kannst du den Originaltext nachlesen.

Das änderte sich in den Jahren 1990/91. Das WMF, der Tresor und diverse andere Off- Clubs übertrugen das Prinzip der Do-It-Yourself-Gastronomie auf die Tanzfläche. Bei Besuchen in der Jetzt-Wieder-Hauptstadt fand ich die Trümmer- und Wummer-Schuppen eher architektonisch interessant. Die aus Industrial und EBM fortentwickelte Berliner Spielart von Detroit Techno (Derrek May und folgende), kurzzeitig auch Tekkno gerufen, war nicht meine Tasse Tee. Auf Dauer nur zu ertragen mit Strobo, Kunstnebel und massenweise Drogen. Sehr weit weg von Disco, kein Offbeat, nichts für Soulboys. Four-To-The-Floor-Marschmusik im ehemaligen Todesstreifen. Und die Mädels pinkelten sich in den nur rudimentär vorhandenen sanitären Anlagen dieser Folterkeller die Füße voll. Jaja, schon aufregend. Aber morgens um fünf Uhr dreißig am Alex auch irgendwie nervig-ernüchternd. Und drei Tage wach sollten andere machen. Wie gesagt: Ein Drogending. Wie so oft: Geschmackssache.

Eine neue Dimension bekam die Sache erst, als gegen 1995/96 Geld ins Spiel kam. Viel Geld. Was in Köln, Hamburg und besonders in München immer schon dazu gehört hat, ein gewisser Champagner-Hedonismus, war anfangs in Tekkno-Berlin nicht en vogue. Das mussten queere Institutionen wie das 90 Grad in Schöneberg (mittlerweile abgerissen) oder das GayMF am WMF-Standort Hackescher Markt (heute wohnt dort der Bundesverband Deutscher Banken) übernehmen. Der aus Frankfurt zugezogene Multi-Impressario hatte aus seinem Schwarz-Weiß-Fanzine Frontpage in wenigen Jahren eine bunt glitzernde Marketing-Maschine gemacht, die von der Werbeindustrie mit großen Scheinen nur so zugepflastert wurde. Ich kannte Laarmann von einer Frankfurt-Techno-Reportage rund um den jungen Sven Väth und Konsorten für das Musikmagazin SPEX (der Grundstock übrigens auch für die i-D-Story). Seitdem waren wir stets in Kontakt geblieben, Laarmann schrieb zwischenzeitlich süffige EBM/Tekkno-Stories für SPEX.

Im Hauptquartier von Technomedia (so hieß die Dachfirma von Frontpage) in einem Eckhaus am Tauentzien wurden durchgeknallte Welteroberungs-Strategien erdacht. Und umgesetzt. Die Indoor-Sause Mayday etwa ging bereits in frühen Jahren auf Wanderschaft, wie Ende April 1993 ins Kölner Eisstadion an der Lentstraße. Die Aufmerksamkeits-Lokomotive war aber zweifellos die schnell in sechsstellige Dimensionen vorpreschende Love Parade. Vom Tauentzien-Office gab es Logenblick auf das bunte, durchgeknallte Gewoge, das nicht unerheblich zu einem neuen Deutschland-Bild draußen in der Welt mitgetragen hat. Die Detailschau war weniger prächtig: Buffalo-Klotzsohlen-Boots, Sonnenblumen-Tops, rosa Cowboyhüte, Müllmann-Westen, Megawasserpistolen und Piercing-Brustwarzen unterm Netzhemdchen.

Irgendwann wurden dann Quick-and-Dirty-Pornos im Tiergarten gedreht. Und die Bürgerwehr, die den Urin getränkten Park retten wollte, wurde von Jahr zu Jahr massiver. Irrsinn, Sex und Kohle ohne Ende waren im Steineschmeißer-Diskurs-Underground von Berlin angekommen. Mitgebracht von Dealmakern von außerhalb; was hinter den Kulissen selbstredend zu grotesken Graben- und Revierkämpfen geführt hat. Ein Wiederaufführung von „Gangs of New York" in der milden MDMA-Variante.

Poster einer i-D Party in Berlin

Der Konkurs der Technomedia GmbH im Frühjahr 1997 markierte in vielerlei Hinsicht nicht nur in Berlin eine Zäsur der Techno-Vermarktung. Marusha hatte zwischenzeitlich mit Somewhere Over The Rainbow allerbreitesten Mainstream-Erfolg. Das Westbam-Label Low Spirit sorgte für einige Jahre für Nachschub an emblematischen Crossover-Gestalten. Die Majolabels in Westdeutschland mischten munter mit. Es wurde viel (musikalischer) Müll an die Wand geklatscht, wovon einiges auch hängen blieb. Umsatzmäßig. Die Kölner Zigarettenmarke Camel schickte per „Airrave" die Party-Prominenz im umgebauten Flieger mit gummigelagerten Turntables vor den Sitzreihen nach Las Vegas oder Kreta. „Forward Ever, Backward Never" war nicht nur das Motto einer der Mayday-Nächte. Nicht umsonst entstand in dieser Zeit das amüsant größenwahnsinnige Manifest der „Ravenden Gesellschaft." Im April 1997 herrschte also ein gewisser Katzenjammer in der Berliner Motzstraße, der letzten Technomedia-Zentrale. Letztlich war es nur die Pleite einer mittelständischen Medien- und Veranstaltungsfirma, doch mit dem Zerfall der weit verzweigten Strukturen war zumindest die popkulturelle Nachwendezeit vorbei. Die Love Parade wuchs weiterhin, der in der Dortmunder Westfalenhalle etablierte Mayday war weiterhin ausverkauft. Doch so richtig aufregend und kickend schien das alles nicht mehr. Jedenfalls für die, die schon länger dabei waren. Nachwachsende Partypeople mussten versuchen, eigene Wege zu gehen. Die musikalische Subkultur zerfranste vom Drum´n`Bass ausgehend in zig Untergenres, die alle irgendetwas mit „Step" zu tun hatten, aber bald nur von äußerst Eingeweihten zu differenzieren waren.

Cover von Frontpage 

Natürlich ging das popkulturelle Leben auch nach 1997 weiter. In der Bildenden Kunst etwa ging die Sause in Berlin ab 1999 mit zugezogenen Großgalerien aus Köln, London oder New York erst richtig los. Der parallel stattfindende Regierungsumzug brachte CSU-Abgeordnete, Establishment und Sterne-Restaurants. Und noch waren die Mieten in Neukölln, Wedding und Friedrichshain weit unter Alte-Bundesrepublik-Niveau. In den Jahrzehnten nach der Milleniums-Feierei - die in Berlin wie anderswo auch ein übel aufgeblasener Hype mit einem monatelangem Kater danach waren - ist es keiner (deutschen) Stadt mehr gelungen, Berlin die Funktion als popkulturelles Las Vegas streitig zu machen. Natürlich gab/gibt es die Großfamilie um das Kölner Elektrolabel Kompakt, in Frankfurt/Offenbach ging es nach dem Ende des Omen weiterhin mit dem Robert Johnson oder dem (mittlerweile wieder geschlossen) Cocoon, off Hanauer Landstraße, weiter.

Auch München leuchtet jenseits der Allianz Arena. Doch in einer Ära, wo die etablierten DJs locker die 50 übersprungen haben (Hell, Westbam, Väth, DJ T, Hans Nieswandt etc.), herrscht natürlich keine naiv-hungrige Aufbruchsstimmung wie noch in den Neunzigern, als das Smartphone noch fern und Tinder eine Spezialität der sprengstoffverarbeitenden Industrie war. Die heutige U-25-Generation muss sich irgendwie in dieser Retro-Schlaufe zurechtfinden und trotzdem ein eigenes Ding machen; was nicht so einfach ist, denn die Neunziger-gestählten Pioniere sind ja fast alle noch da.

Jugendkultur ist zu einer äußerst breit aufgestellten Angelegenheit geworden. Da wirkt der Exzess der Bar 25 (R.I.P.) oder die notorische Dauerfeierei im Ketamin-Tempel Berghain mit seinem nervenden Schlangesteh-Zirkus wie ein sehr langer Nachhall von anno Pief. In vielen europäischen Großstädten herrscht sicherlich das breiteste Angebot an Musik und Popkultur, das es jemals zuvor gegeben hat. Es ist aber auf der anderen Seite auch um einiges beliebiger geworden, als damals, als es noch kein Spargeleis oder Craftbeer mit Ingwergeschmack gegeben hat. Mit heutigem Blick gelesen, wirkt der Deutschland-Bericht aus der i-D 1988 eher putzig. „For the first time Britain has started taking the Teutonic Beats seriously" hieß es damals. Heute ist London so teuer geworden, dass über Jahrzehnte gewachsene popkulturelle Strukturen im Mahlstrom des Kapitalismus zerrieben werden. In der Millionärsmetropole New York sieht es noch schlimmer aus. Kaum vorstellbar, dass Subkultur-Phänomen wie HipHop oder House wie in der Paradise Garage oder in der Sound Factory sich dort noch entwickeln können. Gab es früher „Eurotrash" in Manhattan, also SelbstverwirklicherInnen aus Europa, die in der Lower Eastside aus Madonnas Spuren wandelten, so nerven heute bebrillte Brooklyn-Hipster-Karrikaturen auf der Neuköllner Weserstraße. Berlin brummt, Deutschland geht es gut. Stellt sich die Frage, wie lange noch. 

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

Credits


Text: Ralf Niemczyk
Fotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org
In Kooperation mit Converse

Tagged:
Musik
i-D goes Techno
tekkno kultur
tekkno musik