Andreja wears jacket Richardson. Hoodie Carhartt. 

andreja pejic: all about that girl

​Andreja Pejic hat ihn ihrer Karriere schon viele Maueren eingerissen - und das war erst der Anfang. Im Gespräch mit Paris Lee.

von Paris Lees
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24 September 2015, 9:55am

Andreja wears jacket Richardson. Hoodie Carhartt. 

Top: Purelime. Hose: Gypsy Sport. Hut: Huf. Ohrringe: Topshop.

Bodysuit: Baja East. Hose: Richardson. Schuhe: Nike.

Pullover: Slow and Steady Wins the Race. Hose: Eckhaus Latta. Hut: Stylist's own. Ohrringe: Topshop. 

„Du wirst nicht mehr besonders sein. Du wirst einfach eine Frau sein, die keine Kinder haben kann." Das war die charmante Reaktion eines ehemaligen Lovers, als Andreja Pejic ihm mitteilte, dass sie eine Geschlechtsumwandlung plant. Andrejas Antwort? „Frauen sind keine Babymaschinen. Frausein bedeutet viel mehr. Du bist wirklich ekelhaft. Und wenn ich jetzt so speziell bin, warum habe ich dann noch nicht deine Freunde und Familie kennengelernt?" Die nouveau femme der Modewelt verschwendet heutzutage keine Zeit mehr mit Männern, wie diesem hier. Sie ließ das Negative gehen und behielt sich ihre starke Stimme. 

Also ich zum ersten Mal 2010 auf Andreja aufmerksam wurde, war die weltweite Diskussion über Transgender eine ganz andere als im Jahr 2015. Viel kann in fünf Jahren passieren. Trans, zum Beispiel, wurde vom Tabu zum offen diskutierten Thema. Laverne Cox kann vom Cover der TIME lächeln. Caitlyn Jenner kann Obamas Rekord brechen und in nur vier Stunden eine Million Twitter-Follower bekommen. In dieser starken neuen Welt finden wir Transgender in jedem Berufsfeld, aber wenn es um Mode geht, ist Pejic eindeutig die Vorreiterin schlecht hin. Gaultier liebt sie. 

Ihre Schönheit lässt ihr Geschlecht in den Hintergrund rutschen. Die Öffentlichkeit wurde auf sie aufmerksam, da sie auf den Menswear- UND Womenswear-Catwalks zu sehen war. „Androgynität war für mein junges Ich ein Mittel, um mich weiblicher zu fühlen. Dann habe ich mit dem Modeln begonnen. Der Grund dafür war sicher, weil ich speziell aussah." Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt: „Um ganz ehrlich zu sein, habe ich das Geld gebraucht, um zu überleben und meine Mutter zu unterstützen. Sie hat mich alleine groß gezogen und hat immer hart gearbeitet." Andreja hat vielleicht in der Genlotterie gewonnen, aber man darf nicht glauben, dass sie ein unkompliziertes Kind aus gutem Hause ist. 

Geboren wurde sie 1991 in Bosnien. Mit nur sechs Monaten flüchtete ihre Mutter aufgrund des Kriegs nach Serbien. „Ich habe in einem Flüchtlingscamp gewohnt. Dann sind wir nach Australien gezogen. 2010 bin ich zum ersten Mal zurückgekommen. Ich will bald wieder hin. Es wird wahrscheinlich sehr emotional sein, meinen Vater wiederzusehen." Sie stehen sich sehr nahe und sind ständig via Mail in Kontakt, obwohl er seine eigenen Probleme mit Andrejas Umwandlung hat: „Er sagt Andreja, aber auf Serbisch und nicht auf Englisch - er hat Probleme mit den weiblichen und männlichen Wörtern. Auf der anderen Seite sieht er mich nie. Du musst Menschen, die dich dein ganzes Leben lang schon kennen, zeigen, wie du dich verändert hast."

Veränderung ist ein zu kleines Wort. Andreja ist momentan das Gesicht von Make Up For Ever und der erste Trans-Brand-Ambassador. Ich bezweifle, dass viele Flüchtlingskinder ihr Gesicht überall in New York auf Postern sehen, lassen wir das Geschlecht mal zur Seite. „Manchmal fühle ich mich deswegen schlecht", sagt sie. „Aber ich denke, dass es eine dieser Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten ist. Ich fühle mich privilegiert, aber ich weiß auch, dass ich viel Glück gehabt habe." 

In der Zeit, in der Andreja und ich aufwuchsen, war Trans noch eine große Schande. Nun Jahre später würde ich sogar so weit gehen und sagen, das Trans cool ist. „Ich denke, dass das viel mit der jüngeren Generation und Tumblr zu tun hat. Als ich mit dem Modeln begonnen habe, war das Thema in der Mode präsent und sonst verpönt. Viele glaubten, dass es nur ein Trend sei. Nun ist es eine wirkliche Bewegung", sagt sie. Wie viele von uns war Andreja anfangs nicht stolz auf sich. „Ich wurde in die Öffentlichkeit gedrängt und hatte nicht wirklich eine andere Wahl. Ich habe bemerkt, dass noch viel Arbeit getan werden muss, ich jedoch offen und erfolgreich sein kann."

2014 beschreibt sie als ein „schwieriges Jahre in ihrem Leben". Dieser Teil ihres Lebens wurde auch in der bald erscheinenden Dokumentation Andrej(A) ausführlich besprochen. Sie hatte nicht genug Zeit, um sich vollständig von ihrer Geschlechtsumwandlung zu erholen und machte sich „direkt vom Krankenhausbett aus" an ihr nächstes Projekt: „Ich wusste nicht, ob es eine Zukunft in der Mode für mich gibt. Kann ich so weitermachen? Oder soll ich studieren?" Moment! Uni? Keine Zukunft? „Du weißt doch, wie es läuft. In einer Minute lieben sie dich, dann lassen sie dich wie eine heiße Kartoffel fallen. Deshalb musste ich herausfinden, wo ich stehe. Alles hat dann doch gut funktioniert." 

Sie behielt ihr Pläne geheim, nur ihr Menswear-Agent wusste bescheid. Sie ließ es ihn auch erst zwei Wochen vor der Operation wissen: „Ich wollte nicht, dass irgendwer versucht, mich davon abzuhalten. Ich musste es einfach machen. Karriere hin oder her. Von früheren Unterhaltungen mit meinen Agenten wusste ich, dass es Karriere-technisch eine schlechte Entscheidung war. Das werden einige nun komisch finden, weil die Mode sehr schwulen-freundlich ist, aber es gibt eine gewisse Ignoranz in der Industrie, die ich nun ändern werde."

Ich glaube, dass Andreja genau die richtige Person ist, um diese Änderung zu erzielen. Durchhaltevermögen und Intelligenz sind zwei Attribute, mit denen sie schon von ihrer Kindheit an gesegnet war. Also Teenager recherchierte sie viel über die Trans-Community und kaufte sich online weibliche Hormone: „Google hat mir die Welt gezeigt. Viele Transgender finden online die Community, die sie immer gesucht haben." Wie fühlt es sich an, dass jeden, den sie kennenlernt, ihr gesamtes Leben nachgoggeln kann? „Es ist schon komisch. Aber es ist irgendwie auch ein Filter. Es filtert die schlechten Menschen heraus und die guten bleiben."

Sie ist unglaublich stark: „Freiheit bedeutet, dass du akzeptierst, wer du bist, bist zu dem Punkt, an dem dir niemand mehr etwas anhaben kann. Vor meiner Umwandlung war ich gefangen. Ich musste gewisse Teile meiner Persönlichkeit so lange verstecken und ich will so etwas nie mehr erleben." Sie blickt auch voller Zuversicht in die Zukunft: „Ich verstehe, dass es viel Diskriminierung gibt, vor allem in Amerika. Aber ich denke auch, dass sich die öffentliche Meinung entwickelt. Bestes Beispiel ist die Schwulenehe." 

Und noch etwas anderes: Andreja Pejic ist vielleicht - vielleicht - verliebt: „Wir hatten das Gespräch noch nicht, aber es läuft gut." Sie hat sich von den Männern, für die sie nur eine sexuelle Fantasie war, weiterentwickelt: „Er ist offen und will lernen. Er war am Anfang schockiert, aber dann lernst du die andere Person kennen und merkst, wie viel ihr gemeinsam habt. Dein Gegenüber versteht, dass du auch nur ein Mensch bist und du witzig bist. Ich habe sehr lange gebraucht, um dieses Selbstvertrauen zu haben, aber ich bin ein ziemlich guter Fang!" Man muss nur die ersten Vorurteile überwinden, meint sie: „Wenn sie das Erstaunen überwunden haben, dann merken sie, dass es da eine Person gibt, mit der sie eine wirkliche Verbindung haben. Du weißt, wie es ist, Girl. Du musst es der Welt nur zeigen!" 

@andrejapejic

Credits


Text Paris Lees
Fotos: Cass Bird
Styling: Stella Greenspan
Haare: Rolando Beauchamp / The Wall Group
Make-up: Yumi Mori / The Wall Group verwendet Oribe Haircare
Fotoassistenz: Jon Heller, Diane Russo
Stylingassistenz: Derek Ezra Brown
Produktion: Ashley Scott
Produktionsassistenz: Welsey Torrance
Model: Andreja Pejic / The Society