boogie fotografiert die schattenseiten der street culture

Der serbische Fotograf Boogie will die Welt nicht verändern, sondern sie authentisch dokumentieren.

von Zeyna Sy
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17 April 2015, 6:20am

Seit seinem ersten Buch It's All Good verschafft uns Boogie einen seltenen Einblick in eine Welt, die von Gewalt, Armut und Chaos bestimmt wird. Seine intimen Bilder romantisieren nichts, sondern sie sind lebendige Großstadtporträts, von Brooklyn bis Belgrad - eine liebevolle Dokumentation der Street Culture. Für seinen sechsten Bildband A Wah Do Dem, der im September erscheint, war er in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston unterwegs und hat eine Welt festgehalten, die nur wenigen bekannt ist.

Wie war es, in Belgrad aufzuwachsen?
Belgrad hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin, und meinen Stil erheblich beeinflusst. Ich hatte eine tolle Kindheit; ich habe die ganze Zeit draußen gespielt, ich hatte keine Angst und die Kriminalitätsrate war niedrig. Es war ein einzigartiges Land. Dann begannen 1989 die Spannungen und ich leistete meinen Wehrdienst ab. Ich erinnere mich noch daran, dass ich über Kroatien zurück nach Belgrad kam und Angst davor hatte, mit einem serbischen Akzent zu sprechen. Wir waren dort nicht willkommen. Ein Jahr später fing der Krieg an.

Dein Thema über die Jahre hinweg ist immer dasselbe geblieben. Was findest du an Street Culture so spannend? Hat sich deine Neugier seit dem ersten Buch verstärkt?
Ich bin von der Straße. Wenn ich in eine neue Stadt komme, möchte ich das essen, was die normalen Leute essen, und das machen, was die normalen Leute machen. Es ist wie im Film; du siehst eine Realität, die nur wenigen zugänglich ist. Beim letzten Projekt hatte ich die Gelegenheit, Polizisten und Gangster zu treffen. Ich finde es wichtig, dass du beide Seiten festhältst, um das Thema aus allen Blickwinkeln verstehen zu können.

Hast du das Gefühl, dass du aufpassen musst, dass du deine Motive nicht ausbeutest?
Ich denke nicht wirklich darüber nach. Fotografen, die von sich behaupten, dass sie die Welt verändern wollen, denen sage ich: Wir sind nur Fotografen. Die Gründe, wieso wir das machen, sind ziemlich ichbezogen. Wir machen das, weil wir es machen wollen, es geht dabei nicht darum, die Welt zu verändern. Das ist Bullshit. Leuten, die Fotografie romantisieren, antworte ich immer: Du heilst nicht AIDS, du bist nicht im Krieg und du rettest auch niemanden. Du fotografierst nur.

Wie fühlst du dich, wenn du die Bilder nach dem Shooting noch einmal durchgehst?
Wenn du hinter der Kamera bist, nimmst du nicht wirklich am Geschehen teil. Du bist nur ein Beobachter. Doch dann werde ich meistens richtig depressiv und kann das Gesehene nur schwer verarbeiten. Du bemerkst erst später, wie nahe es dir geht. Ich habe Leute gesehen, die mehrmals Crack geraucht haben. Nach dem ersten Buch hatte ich Probleme, normale Fotos zu machen und von etwas inspiriert zu werden, das keine Waffe oder Nadel war.

Unsichtbar zu bleiben und trotzdem das Vertrauen der Leute zu gewinnen, klingt nach einem Job für sich. Wie gehst du vor?
Bevor überhaupt Worte gewechselt werden, nehmen die Leute deine Energie wahr, besonders wenn die Leute an den Rändern der Gesellschaft leben. Sie folgen und vertrauen ihren Instinkten mehr, als wir es tun. Sie können unterscheiden, ob du echt bist oder nicht. Ich hatte immer einen guten Draht zu Leuten an den Rändern der Gesellschaft. Wenn du sie respektierst, dann respektieren sie dich. Ich bin nicht furchtlos, weil ich mir wichtig bin. Ich bin auch nicht der Meinung, dass es Bilder gibt, für die es sich zu sterben lohnt. Auf der Straße sind deine Instinkte deine beste Waffe. Wenn mir meine Instinkte sagen, dass es brenzlig wird, dann gehe ich auch.

Du warst für dein neues Buch A Wha Do Dem in Kingston unterwegs. Wie war der Trip?
In der letzten Nacht unseres Urlaubs - ich war mit meiner Frau unterwegs - habe ich ein paar Typen mit Maschinengewehren fotografiert, die ich durch den Freund eines Freundes kannte. Sobald der Kontakt hergestellt war, war es an mir, ihr Vertrauen zu gewinnen, dort zu bleiben und etwas aufzubauen. Ich bin dann nach New York zurückgeflogen und konnte nicht aufhören darüber nachzudenken; zwei Monate später bin ich wieder hin. Jamaika ist so viel anstrengender als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Bei meinen anderen Projekten war die Oberfläche ruhig und normal, du musstest danach suchen, was du finden wolltest. Kingston war verrückt, laut und direkt in dein Gesicht.

Das ist dein erstes Buch mit Farbfotografien. Jamaika muss ein großartiger Ort dafür gewesen sein.
Ich dachte einfach, dass es traurig wäre, Jamaika in schwarz-weiß zu fotografieren. Es bot die perfekte Möglichkeit, ein Projekt in Farbe umzusetzen. Ich habe schon die letzten vier Jahre immer mehr in Farbe fotografiert. Das ist ein großer Schritt für mich.

Was kommt als Nächstes für dich?
Momentan arbeite ich an meinem DEMON Projekt: Kollodium-Nassplatten auf schwarzem Plexiglas. Das wird meine Arbeit, die der Kunst am nächsten kommt, vom Prozess bis zum finalen Foto. Von diesen Fotos gibt es keine Duplikate, mit dieser Technik sind einzigartige Arbeiten möglich. Je älter ich werde, desto mehr inspiriert mich. Als ich jünger war, war ich auf der Suche nach extremen Situationen - jetzt nicht mehr. Du musst für gute Fotos nicht in Kriegsgebiete reisen, sie sind überall möglich. Du willst doch nicht permanent denselben Scheiß fotografieren. Wenn du dich als Mensch veränderst, verändern sich auch deine Fotos.

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Credits


Text: Zeyna Sy
Fotos: Boogie

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