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chilly gonzales' essay über die geschichte der popmusik

Musikgenie Chilly Gonzales erklärt, warum uns „Shake it Off" von Taylor Swift einen Ohrwurm verpasst, und erläutert in seinem Essay für i-D, warum Kammermusik die Popmusik ihrer Zeit war.

von i-D Team
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19 Februar 2015, 9:20am

In seiner Serie Pop Music Masterclass für WDR 1Live analysiert Musikgenie Chilly Gonzales Pop Songs und erklärt, warum wir zum Beispiel von Taylor Swifts „Shake it Off" und Iggy Azaleas „Fancy" nicht genug bekommen können. Auf verständliche und lustige Art zerlegt er die Hits in ihre Einzelteile, zieht Parallelen zu Klassikern und spielt sie uns in einer eigenen Version am Klavier vor. 

Sein neues Album Chambers erscheint am 20. März. Aus diesem Grund hat i-D das Musikgenie gebeten, uns etwas über die Geschichte der Popmusik und die Verbindung zur Kammermusik zu erzählen: 

„Wir halten es für selbstverständlich, dass wir unseren eigenen Musikgeschmack haben. Unsere Lieblingssongs sind privat und gehen niemanden etwas an. Sie gehören uns und nur uns. Wie U2 feststellen musste, als sie sich selbst in unsere iTunes-Bibliotheken eingeladen haben, sind wir sehr empfindlich, weil es um unsere (möglicherweise idealisierte) Identität geht.

Musik begann als Untermalung öffentlicher Veranstaltungen, in Kirchen, auf öffentlichen Plätzen und an Adelshöfen. Zuhörer machten sich keine Gedanken über den Mehrwert der Musik, sie war einfach da. Das änderte sich mit der Kammermusik, die Musik zum ersten Mal in unsere Wohnungen brachte. Mit anderen Worten, ohne Kammermusik gäbe es keine Partykracher und Club-Kultur.

Kammermusik entstand, weil sie ein Bedürfnis befriedigte: Die aufkommende Mittelschicht des 18. und 19. Jahrhunderts ahmte dem Adel nach und wollte das Gefühl haben, eigene Musiker zu entdecken, die nur für sie in ihren vergoldeten Kammern auftreten. Sie kauften unzählige Notenblätter und Pianos waren so etwas wie Albumstreams, für deren Verständnis man jedoch ein bisschen Übung brauchte.

Gesangsstile spiegelten die Veränderung im musikalischen Raum wider, wie David Byrne en détail in seinem ansonsten kitschigen Buch „How music works" ausführt. Er erklärt, dass Operngesang wie Operngesang klingt, weil die fetten Ladys bis in die hinterste Ecke der Konzerthalle zu hören sein mussten. Als die Kammermusik aufkam, konnten Sänger intimere Performances geben. Das Ergebnis war das deutsche Lied (oder Kunstlied). Franz Schubert war sozusagen der Star dieses neuen Genres, das eine zweiteilige Struktur mit eingängigen Melodien vereinte. Die Pianoabschnitte waren musikalische Sinnbilder für Regentropfen, rennende Pferde oder was auch immer. Das waren die Popsongs der damaligen Zeit. 

Die Geschichte von Kammermusik ist also die Geschichte von Musik, die zugänglicher, intimer und demokratischer wurde. Heute macht mein 14-jähriger Neffe bessere Beats, als ich mit 25 gemacht habe. Der Raum, in dem sich Musik abspielt, wird immer privater. Mit seinem Laptop und Kopfhörern kann er seine Ideen sofort umsetzen. Wir erreichen die musikalische Singularität, die uns die Kammermusik versprochen hat.

Auf meinem Album Chambers versuche ich, Musik aus dem 19.Jahrhundert durch den Filter des 21. Jahrhunderts (und die Aufmerksamkeitsspanne) zu schicken. Mein Streichquartett („Kaiser Quartett") sehe ich als Sampler. Kammermusik war der Vorreiter der Musik von heute - sie WAR Popmusik. Kann sie es nicht wieder sein?"

Credits


Text: i-D Germany
Essay: Chilly Gonzales
Foto: Natasha Cox

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