warum blow up immer noch der ultimative modefilm ist

Manchmal ist die Realität die seltsamste aller Fantasien - Glenn O’Brien erklärt das Geheimnis hinter Antonionis Meisterwerk.

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Jan. 26 2015, 8:55am

Photography courtesy of Warner Brothers

Ich war vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, als Blow Up in die Kinos kam und zu sagen, dass der Film mein Leben verändert hat, wäre eine Untertreibung. Ich würde ihm genau so einen Stellenwert wie meinen ersten Stones oder Velvet Underground Alben geben. 1966 war das Jahr von Dylans Blonde on Blonde und „I would not feel so all alone … everybody must get stoned." Und das taten wir. Wir wurden zu Hipstern und dann zu Hippies. Wir lebten nach Timothy Learys Slogan „Turn on, Tune in, Drop out!" und wir waren überwältigt. Und das war erst der Anfang.

Michelangelo Antonioni machte bereits seit 1950 Filme und landete 1960 mit Die mit der Liebe spielen seinen ersten internationalen Arthouse-Hit. Danach folgten die Klassiker Die Nacht, Liebe 1962 und Die rote Wüste. Ich habe diese und andere Filme ein bisschen später gesehen, aber ich kannte ihn durch seinen ersten englischsprachigen Film Blow Up, den Carlo Ponti produziert hat.

Meine Freunde und ich schauten uns damals den Film nur an, weil die Yardbirds darin zu sehen waren - und wir liebten die Yardbirds, vielleicht noch mehr als die Stones. Dieser Auftritt in Blow Up ist legendär, zeigt er doch einen der wenigen Auftritten bei dem sowohl Jeff Beck als auch Jimmy Page zusammen spielten. Für uns war der Song zur Nachtklubszene „Stroll On" sehr vertraut, weil es im Prinzip eine energiegeladenere und schnellere Version ihres Covers von Howlin Wolfs „Smokestacks Lightning" war. Doch etwas war anders. Die Lieder waren von Rückkopplung geprägt, etwas davor noch kaum da gewesenes.

Die Hauptfigur des Films, der ultracoole Fotograf Thomas (David Hemmings), betritt den im Stil der Op-Art designten Londoner Beat Club und findet ein highes, immer noch langhaariges Swinging-Sixties-Publikum vor, das teilnahmslos den Yardbirds dabei zuschaut (lediglich ein Model und ein Schwarzer tanzen), wie sie ein wahnsinniges Konzert spielen. In der Mitte des Songs hat Jeff Beck Probleme mit seinem Verstärker und schrottet Kaugummi kauend und genervt seine Gitarre. Er schmettert sie gegen den Verstärker und trampelt dann auf den Einzelteilen herum. Beck schmeißt danach den Gitarrenhals in das träge Publikum und zettelt einen Aufstand an. Thomas kraxelt mit dem begehrten Gitarrenteil davon und entkommt auf die Straße, wo er es in den Müll wirft.

O.K., das ist Geschichte - Rückkopplung und Gitarren 1966 zertrümmern - wer war davor? Entweder Jimi oder The Who, nehme ich an. Aber genau diese Szene beschreibt die Coolness, auf die wir gewartet hatten. Der restliche Soundtrack stammt von Herbie Hancock, damals 26 Jahre alt.

Die Figur des Fotografen Thomas basiert offenbar auf David Bailey, der Fotograf des Swinging London. David Bailey erzählte mir, dass Antonioni versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, die Rolle selber zu spielen. Aber auch Hemmings macht seinen Job gut. Modefotografie wurde cool und jeder dachte daran, auch zu fotografieren, wenn er mal groß ist. Dieser Typ kennt sich nicht nur mit Mode aus. Zu Beginn des Films kommt er aus dem Gefängnis, wo er verdeckt Fotos geschossen hat und fährt in seinem Bentley nach Hause.

Dort fotografiert er Veruschka in der heftigsten Modefotografie-Szene aller Zeiten, totales Sex-Kopfkino. Danach macht er Bilder von ein paar außergewöhnlich aussehenden Pop-Art-Mädchen, inklusive der berühmten Peggy Moffitt. Zum Abschluss hat er super drauf eine Casting-Couch-Session mit zwei nackten Möchtegern-Models (die 20-jährige Jane Birkin und die 21-jährige Gillian Hills), die in zerrissenem Papier ringen.

Es war klar, dass Modefotograf neben Rockstar bald in einem Atemzug als Traumjob genannt wurde.

Blow Up war noch in anderer Hinsicht bahnbrechend. Ich erinnere mich an die Partyszene, in der Hemmings auf Veruschka trifft und zu ihr sagt: „Du sollst in Paris sein". Vera einen Joint rauchend antwortet darauf: „Ich bin in Paris". Es war Antonionis erst zweiter Farbfilm, aber seine Palette war damals bereits besonders ausgereift. Z.B. war das Gras in den Schlüsselszenen im Park für den Maestro nicht grün genug - also wurde es angestrichen. Alles wirkte wie ein Symbol oder ein versteckter Hinweis auf etwas Größeres.

Die Handlung, der ich hier nicht vorweggreifen will, dreht sich um ein Rätsel, über das der Fotograf in einem Park stolpert. Skurrile Dinge passieren hier. Einmal erhaschen wir z.B. einen Blick von etwas, was so aussieht wie ein Neon-Reklameschild in der Form einer Waffe. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe oder wie viele Stunden wir über die Bedeutung dieses kleinen Hinweises diskutiert haben. Wir hinterfragten alles und jeden und waren auf der Suche nach der unverfälschten Hipness. Durch das Schauen des Films fühlten wir uns, als ob wir in die Geheimnisse des Existenzialismus eingeweiht wurden. Wir wussten vielleicht nicht, wonach wir wirklich suchten, aber wir erkannten es, wenn wir es sahen.

„Manchmal ist die Realität die seltsamste aller Fantasien. Antonionis Kamera zuckt niemals vor der Liebe ohne Bedeutung oder vor Mord ohne Schuld zurück. Das Durcheinander und der Wahnsinn von London heutzutage. Werden sie Augenzeuge davon was in einer Welt passiert, wo das Schöne und das Bizarre neue Formen annehmen und neue Faszinationen auslösen.", verkündete der Trailer 1966.

Oft wünsche ich mir, so was würde heute noch mal passieren!

glennobrien.com

Credits


Text: Glenn O'Brien
Fotos: Courtesy of Warner Brothers