Photography Lotte Andersen

Was macht eigentlich ein Art Director?

Du willst so richtig in der Fashionwelt durchstarten, bist dir aber nicht sicher, welcher Weg der richtige ist? Lotte Anderson erklärt es dir.

von Lotte Andersen
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14 September 2016, 8:49am

Photography Lotte Andersen

Schon seitdem sie klein ist, war Lotte Anderson eine Regelbrecherin und ist ihren eigenen Weg gegangen. Ihr Mentor war der legendäre John Pearse, der Schneider des Swinging Londons der 60er. Früh war ihr klar, dass sie Kunst, Mode, Musik und Kultur liebt. Diese Liebe ist es auch, die sie dahin gebracht hat, wo sie heute steht: Sie veranstaltet eine erfolgreiche Partyreihe und sie bringt ein dazugehöriges Zine heraus. Ihre Cut-and-paste-Skills sowie ihre Fähigkeiten als Kuratorin haben längst auch die großen Marken für sich entdeckt: für das House of Vans hat sie Workshops organisiert, in denen sie gezeigt hat, wie man coole Poster gestaltet. Sie war für das Artwork bei den Musikvideos von Mount Kimbie und i-D Fav Tyrone Lebon verantwortlich. Sie hat mit Adidas an einem Zine für deren Stella Sport-Kollektion gearbeitet und war auch für das Artwork zuständig. Momentan arbeitet sie an ihrem Buch Problem Child, in dem Fotos von Jesse Jenkins und Phoebe Collings-James zu sehen sein werden. Uns hat sie ihre Geschichte erzählt.

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Foto: Cassie Machado

Was ich tue und warum ich das tue
Ich bin Art Director und Partyveranstalterin, weil ich es liebe. Ich arbeite mit Regisseuren und Fotografen zusammen, um das Bild, den Vibe, die Ästhetik und das Gefühl zu erschaffen, von dem ich glaube, dass sie es wollen. Ich höre ihnen gut zu, gebe ihnen Denkanstöße und weise sie in die richtige Richtung. Wir bestimmen die Location, das Casting und das Styling zusammen. Dann folgt der Schnittprozess. Ich arbeite daran, dass die Bilder, der Vibe und der Look stark und klar sind.

Ich wusste auf eine gewisse Art und Weise schon immer, was ich machen wollte, ich habe nur eben viele Umwege genommen. Ich habe mir Zeit genommen, um herauszufinden, was ich eigentlich will. Dieses Ausprobieren im Styling, beim Casting und am Setdesign hat mir dabei geholfen, meinen Output als Art Director zu verbessern. Ich habe nach einem Jahr das Modestudium geschmissen. Mein Freund Tyrone fand das cool und sagte mir, dass er mir meinen ersten Job als Art Director geben wird. Wir haben dann das Musikvideo von Mount Kimbie zu „Carbonated" gedreht.

Meine Partyreihe Maxilla ist meine größte Inspiration. Wenn du eine Party veranstaltest, machst man im Grunde genommen Artdirektion. Du suchst dir einen Ort (das Location Scouting), du lädst Leute ein (das Casting), du bestimmt das Licht (das ist die Stimmung), du dekorierst (das ist das Setdesign) und du gestaltest Poster (das Layouten und Grafiken). Alles, was ich mit Maxilla getan habe, kann ich auf das anwenden, was ich jetzt mache. Ich pflege immer zu sagen, dass Events, Installationen und Partys wie Live-Artdirektion sind. Eine Party ist ein komprimiertes Zusammenarbeiten, als ob man für eine Nacht mit einem Regisseur oder Fotografen zusammenarbeitet.

Ein Tag in meinem Leben
Wenn ich an dem Tag ein Shooting habe, dann muss ich sehr früh raus und zur Location fahren. Wenn es aber ein Tag ist, an dem ich Fotografen und Regisseuren Ideen pitche, ist es eher ein langes Telefongespräch. Ich höre mir ihre Ideen an und stelle dann viele Fragen, um die Gefühle und Emotionen, die sie transportieren wollen, besser verstehen zu können. Ich schlage dann Ideen vor und wir reden über Locations, Filme und Castingoptionen, bis das Konzept steht. Wenn es ein Layout-Tag ist, dann versuche ich zu klären, ob der Kunde eine Collage oder ein digitales Layout will. Gedruckte Bilder haben eine andere Bedeutung. Deshalb steht das ganz am Anfang des Prozesses. Dann beginne ich damit, eine Geschichte zu erzählen. Ich arbeite lieber analog statt digital, wenn ich die Wahl habe.

Ich liebe alle Aspekte am Job, weil man vieles gleichzeitig beherrschen muss. Man langweilt sich nie. Ich habe das Glück, das zu tun, was ich liebe. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Mich interessiert, was Leute motiviert oder abstößt, ihre Motivation dahinter. Ich bin detailverliebt. Ich bin von einem Look besessen und ich möchte, dass das Ergebnis gut aussieht. Das richtige Projekt muss nur kommen und ich bin angefixt. Der erfüllendste Aspekt des Jobs ist, wenn der Betrachter das Gefühl entsteht, das ich erreichen möchte.

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Foto: Jesse Jenkins

Studieren oder nicht?
Ich bin mir über die Ausbildung an den Kunsthochschulen nicht so sicher. Woran ich aber glaube, ist es richtig zu Lernen. Gute Lehrer an den Kunsthochschulen bringen einem das bei.

Ich habe Mode studiert. Davor habe ich ein Praktikum bei McQueen gemacht, zu der Zeit seiner letzten Kollektion. Im Studio Tom Dixon habe ich gelernt zu schweißen, bei Bill Amberg habe ich eine LotteBag designt, bei Georgina Goodman Schuhe entworfen und bei Ross Menuez in New York habe ich mehr über Textildruck erfahren. Die Praktika waren entscheidend. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es am meisten zählt, wenn du die Ästhetik einer Person respektierst, unter der du arbeitest. Ich habe die Uni gehasst. Ich habe mich wie ein riesengroßer Loser gefühlt. Ich hatte keine Freunde. Nachdem ich für Kommunikationswissenschaften einen Vortrag über Trendvorhersagen gegeben hatte, habe ich mein Studium abgebrochen. Meinen Lehrern und Mitstudenten habe ich gesagt, dass ich nicht verstehe, warum sie so tun, als ob sie sich nicht auskennen, dabei sind doch alle Information im Internet abrufbar. Ich habe danach für einen Schneider gearbeitet, der mir alles darüber beigebracht hat, was ich wissen muss, um zu verstehen, was ein Kunde will. Dieser Prozess, herauszufinden, welchen Anzug der Kunde eigentlich will, ist auf meinen jetzigen Job übertragbar.

Was ich mir damals gewünscht hätte, das ich heute weiß.
Die größte Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass man an unerwarteten Orten nach Inspirationen suchen muss. Recherchiere selbstständig. Jeder kann sich Fotos aus dem Web ziehen. Der beste Rat, der mir gegeben wurde: „Mach es einfach. Warte nicht darauf, bis dich jemand fragt. Glaube an deine Ideen. Scheue dich nicht davor, nein zu sagen."

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Foto: Lotte Andersen

Ich freue mich auf morgen, weil …
Das ganze letzte Jahr über habe ich am Buch Problem Child gearbeitet. Das war eine neue Erfahrung. Nachdem ich mit meinem Adidas-Projekt fertig war, wollte ich den Begriff Problemkind auseinandernehmen, was er genau meint. Wie unangenehm man sich dabei fühlt, wenn man immer etwas zu viel ist oder nicht in Schubladen passt. In dem Buch werden Fotos von Jesse Jenkins, Tyrone Lebon, Genevieve Garner und Phoebe Collings-James gezeigt werden. Ich bin auf der Suche nach Geldgebern für das Buch, damit es zum Leben erweckt werden kann und damit ich die Geschichte erzählen kann. Nach dem Ende von Maxilla plane ich eine neue Party MISSWORLD mit Naomi Shimada und Lynette Nylander. Ich liebe es einfach, Partys zu veranstalten. In meinem Studio gibt es viele Notizbücher voller Partyideen. Mit Künstlern und anderen Leuten möchte ich sie zum Leben erwecken. Es soll mehr sein, als einfach nur eine Box in einen dunklen Raum zu stellen. Am Ende kommt es darauf an, meine Ideen zu verfeinern, neue Dinge auszuprobieren und mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich respektiere.

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