Fotos: Stephen Hamel.

Ein seltenes Interview mit Keanu Reeves aus den 90ern

Wir sind mit deinem Lieblings-Internet-Boyfriend in das Jahr 1993 zurückgereist – und präsentieren dir ein Interview aus i-Ds Sound Issue, das nur so vor Nostalgie trieft.

von Stephen Hamel
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01 Juli 2019, 7:55am

Fotos: Stephen Hamel.

Ohne Zweifel: Keanu Reeves ist der unwiderstehlichste, männliche Jungschauspieler, den wir bewundern dürfen. Mal verkörpert er den Luftgitarre spielenden Typ bei Bill & Ted, den verdeckten Ermittler im Actionfilm Point Break oder den jungen Adligen im preisgekrönten Drama Gefährliche Liebschaften. Egal welche Rolle Keanu spielt, er wirft mindestens genauso viele Fragen auf, wie er uns in diesem Interview beantwortet.

Die erste Frage direkt vorweg: Warum finden Leute (ja, Frauen und Männer) Keanu Reeves so unglaublich anziehend? Er ist weder der typische Swayze-Traumtyp noch ein glatter Tom Cruise oder verträumter Jason Priestley. Im Gegenteil, Keanu präsentiert sich mit ungekünsteltem Charme, entspannt und unbefangen. Seine Persönlichkeit hat etwas Unberechenbares. Mit seinem tollpatschigen Glamour mimt er den Hollywood-Traummann der Dreißiger Jahre und lässt uns gleichzeitig vom Boy-Next-Door fantasieren.

Die zweite wichtige Frage: Kann Keanu wirklich schauspielern oder ist er nur ein mittelmäßig talentierter Typ, der immer wieder durch seichte Komödien stolpert? Die Meinungen gehen auseinander. Überzeugt hat er uns in der Rolle als eigensinniger Sohn eines Geschäftsmanns in Gus Van Sants My Own Private Idaho. Ein Update zu Shakespears Henry IV, in dem er ein Kind aus der Mittelklasse spielte. Für seine Darstellung in Francis Ford Coppolas Horror- und Liebesdrama Bram Stroker’s Dracula erntete Reeves allerdings viel Kritik – und ungewollte Lacher. Sein, sagen wir mal "laienhafter", britischer Akzent sorgte für großes Entertainment beim englischen Kinopublikum.

Keanu Reeves wurde 1964 in Beirut geboren und ist in New York und Toronto aufgewachsen. Mit 15 Jahren entdeckte er die Schauspielerei und feierte 1986 neben Rob Lowe und Patrick Swayze sein Debüt im unvergesslichen Eishockey-Streifen Youngblood. Als Punk-Liebhaber und Bassist bei der trashy Band Dogstar konnte man vermuten, dass seine Karriere besonders von einer Sache definiert wird: seinem Gesicht.

Doch scheint er dem Schicksal vieler seiner Zeitgenossen (Charlie Sheen, Kiefer Sutherland, Rob Lowe und Emilio Estevez) entkommen zu sein, das diese Schauspieler ab Mitte der 80er dazu verdammte in eher zweifelhaften Streifen mitzuspielen. Im Gegensatz zu Reeves: Er hat die Schwelle überwunden, jegliche Rollen annehmen zu müssen, die ihm angeboten werden. Am Ende wird er wahrscheinlich seine eigene Produktionsfirma gründen und nur noch ausgewählten Projekte zustimmen.

Die allgemeine Jury der Filmwelt ist sich noch nicht über Reeves langfristigen Mehrwert sicher: bleibt er ein Verkaufsargument und schnappt sich immer wieder neue Rollen? Dieses Jahr wird er in Viel Lärm um Nichts mitspielen, was uns aber eigentlich nur als Übergang befriedigt, bis etwas noch viel Aufregenderes passiert: die Rolle des Siddhartha in Bernardo Bertoluccis Epos Little Buddha. Der Film ist ein zeitgenössisches Märchen und erzählt die Geschichte eines amerikanischen Jungen, der von einem buddhistischen Mönch für die Wiedergeburt eines verstorbenen Lama gehalten wird. Das Ganze dreht sich um den alten Mythos von Siddhartha, der in einer Mischung aus Legende und Wirklichkeit die zentrale Geschichte des Buddhismus erzählt. Keanu Reeves spielt Prinz Siddhartha, Sohn eines Fürsten nordindischen Adelsgeschlechts, der seine privilegierte Enklave ablehnt, um spirituelle Erfüllung zu suchen. Nach Jahren des Fastens und des Entzugs erreicht er während einer Meditation schließlich die Erleuchtung im Nirwana.

Für Reeves allerdings ist Siddhartha mehr als nur eine weitere Rolle. "Siddartha war ein großer geistiger, intellektueller und gesellschaftlicher Erlöser, er war radikal", erklärt der Schauspieler. "Zu Lebzeiten war er ein Befreier. Die Menschen übernahmen seine Praktiken, seine Lebensvorstellungen." Sobald du die buddhistische Lehren gelesen hast und dann in Nepal mit Lamas in Kontakt kommst, macht es innerlich etwas mit dir. "Sie geben dir Kraft", erzählt er über die Lamas. "Sogar jetzt, wenn ich Bücher darüber lese, fühle ich Energie von ihnen. Auf einmal richte ich mich auf beim Lesen, bleibe länger wach, bin aktiv."

Reeves wurde in Nepal vom Filmemacher, Fotografen und guten Freund Stephen Hamel interviewt, nachdem er die Dreharbeiten für seinen Teil in Little Buddha abgeschlossen hatte. Das Gespräch zeigt ihn nachdenklicher, als wir ihn normalerweise kennen. "Das war eine Riesending für ihn", erklärt Hamel. "Er war überwältigt von diesen aufwühlenden Erfahrungen. Sie beeinflussten ihn sehr und brachten ihn dazu, sich selbst zu hinterfragen."

Reeves scheint es ernst zu meinen. Vor fünf Jahren konntest du dir nicht nicht vorstellen, dass der Keanu aus Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit auf einmal über Dharma (dt. die Wahrheit) spricht. Von einem etwas einfältigen Typen zum Buddhisten? Vielleicht ist es noch zu früh, um Keanu Reeves auf eine einzige Rolle festzunageln ...

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i-D: Wie bist du an Bernardo Bertolucci und The Little Buddha geraten?
Keanu Reeves: Bernardo hat mich in My Private Idaho gesehen. Ich wusste damals nichts über Buddhismus. Meine Mutter hatte Zuhause ein paar chinesische Artefakte, deswegen kannte ich Buddha nur als diesen großen, dicken, lächelnden Typ. Mein Umfeld war nie christlich. Meine Mutter interessierte sich nicht für die Kirche und mochte keine westlichen Religionen. In meinem ganzen Leben suchte ich nach Gott. Als ich elf Jahre alt war, schloss ich mich einer Bibel-Gruppe an. Ich fand es langweilig.

Bernardo und ich trafen uns in New York in einem Hotel, dort präsentierte er mir das Drehbuch. Er sprach über die Lamas, die er getroffen hatte und dass auch er aus einem nicht-religiösen Umfeld stammte, ihn die religiösen Menschen dort aber beeinflussten, verstehst du? Während er mir die Geschichte erzählte, fing ich an zu weinen. Es war sehr rührend, diesen Mann so betroffen von der Geschichte zu sehen. Ich dachte, 'Mein Gott, er ist ein Held!'

Während du Viel Lärm um nichts in Italien gedreht hast, hast du dich mit Brian Blessed getroffen. Er half dir bei den Vorbereitungen für Little Buddha.
Ja, aus irgendeinem Grund dachte ich, dass Brian Blessed meditierte. Er ist Schauspieler und hat den Mount Everest bestiegen – etwas verleitete mich, mit ihm über Dharma (Wahrheit) zu sprechen. Also fragte ich, ob er Zeit mit mir verbringen und mir etwas über Meditation beibringen könnte. Dafür musste ich ihm erst beweisen, dass ich wirklich lernen wollte. Er brachte mir grundlegende, sehr einfache Meditation bei. Es war mein erster Schritt zu vielen weiteren Erfahrungen. Ich war wie magnetisch davon angezogen. Während der drei Monate begegnete ich oft zufällig irgendwelchen Buddhisten. Auf meinem Weg nach Florenz zu meiner Schwester fragte ich einen Tramper aus dem Nichts: "Bist du Buddhist?" Und ja, das war er. Das passierte mir oft. Es sind höhere Energien, glaube ich.

War es bei deinem ersten Besuch in Nepal, dass du ganz in den Buddhismus eingetaucht bist
Während ich bei dem Dreh von Viel Lärm um Nichts war, ließ ich mir Bücher schicken und fing an, darüber zu lesen, Haltungen zu üben und richtig zu sitzen. Die ersten Dinge, die ich gelernt habe, waren die vier edlen Wahrheiten: Leiden, die Ursache des Leidens, der Weg zum Leiden und wie sich Leiden anfühlt. Buddhisten glauben an kein 'Selbst'. Das 'Ich', was wir im Westen 'Ego' nennen, existiert im Buddhismus nicht.

Als ich in Nepal war, um die Kostüme anzuprobieren, traf ich einen 'Meister', einen Rinpoche (buddhistischer Lehrer), der mit Bernardo zusammenarbeitete. Ich absolvierte ein persönliches Training mit ihm. Er gab mir ein paar Meditations-Sitzungen und sprach darüber, wie man sich den Begriff "Selbst" neu erarbeitet. Du musst dich zuerst damit abfinden, dass es kein 'Ich' gibt, bevor du Mitgefühl, Weisheit und Glück erreichen kannst.

Es ist schmerzhaft, die Idee und Vorstellung vom 'Ich' aufzugeben. Der Rinpoche sagte mir, ich solle das, was er sagt, nicht als definitiven Glauben verstehen. Das ist die Stärke des Buddhismus: Er ist nicht missionarisch. Ein Buddhist bringt dich nicht dazu 14 Ave Maria abzusagen, bevor du etwas zu Essen bekommst. Mir ging es nicht um die Prinzipien hinter der Religion, sondern darum dass Buddhisten an der 'Wahrheit' interessiert sind. Daraus resultiert Liebe, Mitgefühl, Güte und Glück.

Du warst offensichtlich sehr von den buddhistischen Lehren inspiriert. Wolltest du Mönch werden?
Nein, obwohl es etwas in mir gab, das gerne Mönch werden wollte. Ein Teil von mir suchte nach solch einem Schwur, weißt du? Ich will mehr über den Buddhismus lernen.

Wie hat sich der Buddhismus auf dich als Schauspieler ausgewirkt?
Die letzten zehn Jahre sammelte ich meine Erfahrungen als Schauspieler: Ich beobachte mich selbst, reflektiere meine Gefühle, lerne mich körperlich auszudrücken und versuche, mich mit den emotionalen und intellektuellen Aspekten von Beziehungen auseinanderzusetzen. Das hat mir echt geholfen. Es war in gewissem Sinne therapeutisch – ich habe meinen Geist trainiert.

Die erste Szene, die du für den Film gedreht hast, war Siddharthas Erleuchtung. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Ich habe versucht, in mir selbst ein Gefühl der Ruhe und Weite hervorzurufen. Bernardo zeigte mir ein Bild mit einem bestimmten Gesichtsausdruck, den er sehen wollte. Daran versuchte ich mich zu orientieren und es nachzustellen.

Und was war mit der Szene, in der Siddharta nackt und hungernd im Wald ist? Dafür musstest du eine strenge, begrenzte Diät halten …
Wir beide wissen, dass ich Essen liebe – es ist eine der großen Freuden des Lebens! In den letzten Wochen musste ich für diese Szene allerdings extrem fasten. Ich aß eine Orange und trank zehn Liter Wasser am Tag. Es ist verrückt, plötzlich werden dir Dinge klar. Siddhartha war ein Mensch, der versuchte, sich von Alter, Leid und Tod zu befreien. Er kämpfte gegen seinen Körper, gegen seine Gelüste und sein Verlangen – er testete sich. Siddartha dachte: "Wenn ich über mein Begehren hinweg komme, werde ich frei sein."

Wie werden Buddhisten auf diesen Film reagieren?
Ich weiß es nicht. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Ursprünglich war der indische Regisseur Satyajit Ray dagegen, einen Film über die Geschichte Buddhas zu drehen. Es gibt sicher auch andere Leute, die das denken. Aber der Film handelt nicht von der Geschichte Buddhas, es ist eine Darstellung von Siddhartha und seinem Leben. Bernardo ist sich seiner Verantwortung bewusst. Tradition, Ritual und Praxis spiegeln sich akkurat im Film wider. Die Lehre des Dharma wird subtil, reich und mit Tiefgang vermittelt, das wird helfen.

Wie ist es für dich, nach den Dreharbeiten wieder nach Los Angeles zurückzukehren?
Ich habe gemerkt, wie grotesk Amerika eigentlich ist. Hier in Nepal ist mir klar geworden, wie toll unsere Abwasseranlagen in Amerika sind, wie gut wir uns um unserer Scheiße kümmern. Die Technologie ist großartig, die Industrie schön. Da siehst du ein unglaubliches Versprechen: das Potenzial eines Landes, das wirklich allen mit seinen Erfindungen und Maschinen helfen kann und soll.

Als ich in Nepal angekommen bin, erlebte ich einen richtigen Kulturschock. Überall Kühe, Leute, die sich auf der Straße die Zähne putzen und nackte Füße. Wie war es für dich?
Ich habe mich hier sofort sehr wohl gefühlt, gar nicht komisch oder befremdlich. Es machte alles irgendwie Sinn. Ich mag Kühe! Eine der beeindruckendsten Erfahrungen war ein Abend auf einem heiligen Friedhof, auf dem sie die Toten verbrennen. Die Sonne ging unter. Auf der einen Seite befand sich ein Hindu-Tempel mit einigen Affen und Hunden. Auf der anderen beteten die Leute und bereiteten sich auf die Einäscherung vor. Kinder spielten und verkauften Essen, die Affen spielten mit den Hunden. Ich bin nicht auf dem Dorf, sondern in der Stadt aufgewachsen. Als bürgerlicher, weißer Junge kann man manchmal nicht 'das Ganze' sehen – den Morgen, die Freuden, die Kinder, den Anfang und das Ende, den Respekt und die Heiligkeit. Ich hatte das Gefühl, ein Teil davon zu sein und betrachtete all diese verschiedenen Menschen. Das war für mich der ergreifendste Moment..

In zwei Tagen fährst du zurück nach Los Angeles.
Whoo hoo! Ich hatte schon Visionen von mir: Ich in meiner Badewanne auf meinem Rasen, wie ich mir Rotwein über meinen Kopf schütte. Ich freue mich auf meine Freunde und meine Familie, Fahrrad zu fahren, abzuhängen, zu lesen, Krabben zu essen und mich zu entspannen. Ich habe alle meine Bücher nach Hause geschickt, weil ich mehr über die Lehren erfahren will. Vielleicht werde ich Buddhist. In der Welt, in der ich lebe, willst du meistens nur mit deinen Freunden reden, rumhängen und dich zurücklehnen. Es ist manchmal schwer, bedeutende Dinge zu erkennen. Alles, was wir wollen, ist glücklich sein und ein Gefühl von Leichtigkeit, Komfort und Freude haben. Die meisten von uns suchen nichts darüber hinaus. Wir alle möchten aber zu etwas beten, weil wir glauben, dass es da draußen 'mehr' gibt. Zumindest weiß ich, dass ich es tue.


Credits

Text und Fotos: Stephen Hamel.
Research: Matthew Collin, David Eimer und Stephanie Dosunmu.

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus unserer The Sound Issue, no. 115, 1993.

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