Links: Beyoncé, Antwerp, Belgium, 2015. Rechts: The Flowers, Aburi, Ghana, 2018. 

So sieht das Privatleben von Sexarbeiterinnen aus

"Die Sexarbeiterinnen spiegeln uns als Gesellschaft wider: unsere Tabus rund um das Verständnis von Sexualität und den weiblichen Körper."

von Sarah Moroz
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15 Juli 2019, 11:31am

Links: Beyoncé, Antwerp, Belgium, 2015. Rechts: The Flowers, Aburi, Ghana, 2018. 

Schaust du die Fotos von Ulla Deventer an, versteht man nicht sofort, was dahinter steckt. Bilder von pinken Wänden, Blumenstillleben und schimmernder Lidschatten. Der deutschen Fotografin geht es um das Leben der Sex Worker, um ihre Gedanken und Gefühle. All das, was sich im Inneren abspielt und leider kaum Beachtung geschenkt wird.

Die Serie Butterflies Are A Sign Of A Good Thing umfasst ihre Zeit in Brüssel, Athen, Paris und Accra, die zwischen 2013 und 2019 entstand. Die Lebenslage für Sex Worker an diesen Orten könnte unterschiedlicher nicht sein: Der Beruf ist in bestimmten Ländern legal (Deutschland, Belgien, Holland, Griechenland), in manchen werden die Kunden bestraft (Schweden, Frankreich) und illegal, jedoch weit verbreitet, ist sie in Ghana. Es ist eine Unterwelt und trotzdem bringt der Beruf die Wahrnehmung des weiblichen Körpers als Ort der Fantasie und Verachtung an die Oberfläche. Deventer stützt sich vor allem auf die Erinnerungen der Frauen und steht mit ihrem Projekt für "alternative Formen des klassischen Porträts". Dazu gehören viele Audio-Stücke und Texte, Zeichnungen und Textilien – und sogar Liebesbriefe der Kunden.

i-D hat sich mit Ulla Deventer über die persönlichen Geschichten der Sexarbeiterinnen unterhalten.

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Sandra, Paris, France, 2016. "Sandra kam mit ihrem Abschluss in Englischer Literatur nach Paris. Sie spricht fließend Französisch, doch ohne Staatsbürgerschaft und mit einem russischen Pass wurde sie für die Berufe, die sie eigentlich machen wollte, nicht zugelassen. Deswegen hat sie sich dazu entschieden, in einer Striptease Bar zu arbeiten. Heute arbeitet sie als Kellnerin und gibt manchmal Englisch- und Russischunterricht."

Hast du dich bereits in deinen Bildern mit Sexarbeit beschäftigt oder war es das erste Mal?
Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Menschen damit konfrontiert werden, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, bestimmten Normen nicht zu entsprechen. Zwischen Beziehungen zu unterscheiden, in denen du komplett du selbst sein kannst und Situationen in der Gesellschaft oder Familie, in denen du verstecken musst, wer du wirklich bist.

In Russland habe ich eine Dokumentation über eine Entzugsklinik für drogensüchtige Frauen gemacht. Zum ersten Mal habe ich mit den Teilnehmerinnen zusammengelebt – wir haben eine Woche lang im selben Raum geschlafen. Das hat die Art und Weise verändert, wie ich Menschen begegne. Ich habe verstanden, dass ich Teil ihrer Leben sein möchte, um sie wirklich verstehen zu können. Anstatt die Fotografin zu sein, die von außen kommt, etwas aufnimmt und dann wieder geht.

Einen ähnlichen Zugang hattest du auch bei der Serie Butterflies Are A Sign Of A Good Thing. Wie hat alles angefangen?
Als ich für meinen Master nach Belgien gezogen bin, wollte ich mir Frauen anschauen, die von der Norm abweichen. In Belgien ist Sexarbeit sehr liberal. Ich bin in der Nähe von Hamburg aufgewachsen, dort ist es auch sehr liberal, aber es gibt trotzdem bestimmte Straßen, die du meiden solltest, weil sie nur für Freier sind. In Belgien und Holland gehört Sexarbeit zum Alltag. Die Leute laufen auf der gleichen Straße, Kinder spielen dort. Ich mochte das Zusammenwirken mit der Gesellschaft. Die Frauen wirken unabhängig: sie mieten ihre eigenen Zimmer und dekorieren sie sehr persönlich.

Welche Bedenken hattest du, Sexarbeit zu thematisieren?
Ich habe mich eigentlich nur gefragt, wie ich es ohne Klischees darstellen, darüber hinausgehen kann. Es war entscheidend für mich, das Rotlichtmilieu zu verstehen – die Machtstrategien, wer wen kontrolliert, wer Kollege und wer Konkurrenz ist. Ich habe sie gefragt, wie sie dargestellt werden möchten. Welche Art von Foto ich von ihnen machen soll, um ihre Geschichte zu erzählen. Ich bin den Frauen sehr nahe gekommen, wir sind Freundinnen geworden. Ich habe ihr Zuhause fotografiert und ihren Arbeitsplatz – sie haben mich sogar mit in die Kirche genommen.

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The Fruits, Accra, Ghana, 2017

Wann hast du dich dazu entschieden, den Rahmen des Projekts zu erweitern?
Nach einer Weile habe ich so viel Material in Belgien gesammelt, dass ich nicht mehr wusste, was ich dem noch hinzufügen könnte. Ich fand es spannend, mir noch andere Regionen und Städte anzusehen. Also bin ich nach Athen gereist, weil die Flüchtlingskatastrophe sehr dominant dort war. Die Arbeitssituation für die Frauen war hier um einiges schlimmer. Viele osteuropäische Frauen aus Bulgarien und Rumänien wurden von ihren Zuhältern strikt kontrolliert. Die Bordelle sind versteckt. Wenn du nicht nach ihnen suchst, würden sie dir nicht mal auffallen. Dir würde nicht auffallen, wie gegenwärtig Sexarbeit hier ist – dabei ist sie überall. Du hast kein Rotlicht, aber kleine weiße Lampen, die auf die Aktivität hinter den schweren Türen hinweisen. Wenn du erst ein Auge dafür hast, findest du sie überall. Die Frauen arbeiten mit sogenannten Madams zusammen – das sind meistens ältere Frauen, die zuvor als Krankenschwestern gearbeitet haben. Sie entscheiden, wem sie die Tür öffnen und welche Freier eintreten dürfen. Ich musste immer erst mit ihnen verhandeln, sie haben kaum Englisch gesprochen, deswegen war es so schwierig. Die psychische Situation der Sexarbeiterinnen ist grauenhaft. Zwar war es die Entscheidung der Frauen nach Griechenland zu gehen, aber sie stehen unter der Kontrolle der Zuhälter. Diese wollen, dass die Frauen herumziehen, damit sie nicht von der Polizei bemerkt werden. Ich konnte deswegen mit keiner wirklich in Kontakt bleiben. Ich würde nie auf die gleichen Frauen treffen, wenn ich zurückkehre.

Ich war drei Wochen in Athen. Dort gibt es eine riesige Mafia und viel Kameraüberwachung. Ich bin zu den drei gleichen Bordellen gegangen. Die Madams haben mir gesagt, wann ein guter Zeitpunkt ist, zu kommen, und wann besser nicht. Ich habe meinen Freunden immer gesagt, wo ich hingehe. Die Frauen sitzen irgendwo wartend im dunklen Keller. Sie sehen kein Tageslicht und auch nicht, wenn die Freier hereinkommen. Sie entscheiden nicht, welchen von ihnen sie nehmen, sondern sie Madam. Wegen der Krise haben sie fast jeden mit ein bisschen Geld hereingelassen. Manchmal waren sie betrunken oder haben gestunken. Das ist völlig anders in Belgien, dort sitzen Frauen hinter Fenstern und haben Augenkontakt. Viele der Frauen meinten sogar zu mir, dass sich ihr Selbstvertrauen bestärkt hat, weil die Männer ihnen den ganzen Tag Komplimente gemacht haben.

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The Cat, Brussels, Belgium, 2014. "Das ist Carola mit ihrem Kater Snowflake. Sie hat ihn vor einigen Jahren von der Straße in Brüssel gerettet."

Warum bist du nach Paris weitergezogen?
Wegen des Gesetzes, das die Klienten bestraft – das machte es zu einem schwierigen Arbeitsort für mich. Die Frauen waren alle undercover. Barbesitzer meinten immer wieder, Sexarbeit existiere nicht mehr – das ist natürlich gelogen. Was in Folge dessen passiert? Frauen werden weggestoßen, und zwar an wirklich gefährliche Orte: Autobahnen, in den Bois de Boulogne Park. Sie haben keinen Platz zum Leben, weil sie keine offiziellen Jobs haben, deswegen bleiben sie auf der Straße oder teilen sich Hotelzimmer. So konnte ich sie finden – Typen, die in Hotels gearbeitet und mir mir von den Frauen dort erzählt haben. Ich war rund um Pigalle unterwegs und habe viele Menschen in Striptease Bars getroffen. Offiziell praktizieren sie dort Striptease, aber sie nehmen auch Freier an. Das Problem ist, dass es keine Safe Spaces gibt, keinen Schutz für diese Frauen. Dieses Gesetz ist wirklich nicht der richtige Weg, um sie zu empowern.

Und dann bist du nach Ghana gegangen.
Ich wollte das unbedingt machen, weil ich vielen afrikanischen Frauen in Europa begegnet bin. Es war mir wichtig, Feedback von Einheimischen zu bekommen – und wirklich zu beobachten, anstatt zu versuchen, Situationen zu kontrollieren. Wenn sie dich als weiße Frau kommen sehen, denken sie, du seist von einer NGO und bringst ihnen Geld oder Möglichkeiten, damit aufzuhören. Ich habe ihnen von Anfang an klar gemacht, dass ich ihnen nicht helfen kann. Dass ich als Einzelperson komme, an ihren Geschichten und Leben interessiert bin und ihnen eine Plattform geben möchte. Ich habe nie meine Kamera zum ersten Treffen mitgenommen, auch nicht zum zweiten. Ich wollte die Menschen erstmal kennenlernen. Es geht um Respekt und darum, wie man selbst behandelt werden möchte. Ich wollte, dass sie wissen, was es für mich bedeutet, sie zu porträtieren.

Die Arbeit thematisiert ein globales Problem, das überall passiert. Und wir sind alle daran beteiligt. Ich will es niemals auf ein Problem herunterbrechen, das lokal passiert. Ich will, dass meine Arbeit als etwas gesehen wird, das du keinem Ort zuordnen kannst.

Was erhoffst du dir, dass die Menschen aus der Serie mitnehmen?
Es geht um die Einsamkeit, die sich Frauen stellen müssen. Um das Verlangen, akzeptiert zu werden. Ich hoffe, dass ich eine gewisse Empathie für diese Frauen erzeugen kann und Leute reflektieren lasse, warum sie sie verurteilen. Die Sexarbeiterinnen spiegeln uns als Gesellschaft wider: unsere Tabus rund um das Verständnis von Sexualität und den weiblichen Körper. Die Leute fragen mich immer: "Wie gehst du auf diese Frauen zu? Hast du keine Angst? Ist das nicht gefährlich?" Ich habe mich nie bedroht gefühlt und es hat sich auch nicht komisch angefühlt, mit diesen Frauen zu reden. Sexarbeit ist so präsent. Ich wünschte, Leute mit verschiedenen Backgrounds würden miteinander reden. Sie haben Angst ... vor was auch immer.

@ulladeventer

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Bianca, Athens, Greece, 2016. "Bianca kam von Rumänien nach Athen als sie 19 war. Als ich sie das erste Mal traf, war ich geschockt, wie kindlich sie wirkt. Auch wenn sie es mir nicht erzählte, wusste ich sofort, dass sie unter der Kontrolle eines Zuhälters steht. Sie wurde immer mit dem Taxi hin- und zurückgebracht. Als sie einmal einen Kaffee mit mir trinken gehen wollte, war sie komplett verloren, weil sie sich sonst nie aus dem Bordell bewegte."
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The Tiger, Brussels, Belgium, 2014. "Caroline traf ich in ihren 50ern. Sie ist eine unglaublich attraktive Frau. Sie hat langes schwarzes Haar und trägt elegante Kleider. Caroline saß immer hinter ihrem Fenster und malte. Heute hat sie nur noch ein paar wenige Kunden und vermietet ihren Arbeitsplatz an andere Sexarbeiterinnen. Manchmal habe ich die ein oder andere Nacht in ihrem Apartment verbracht, ihr Partner hat uns immer leckeres Essen gekocht."
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Ramona, Paris, France, 2016. "Als ich dieses Porträt von Ramona geschossen habe, war sie im vierten Monat schwanger. Zusammen mit einem anderen Mädchen hat sie sich ein Hotelzimmer in Paris geteilt. In der Nacht haben sie im Bois de Boulogne gearbeitet, hier wird viel mit Drogen gehandelt, aber es findet auch illegale Sexarbeit statt. Die meisten Frauen bekommen Schutz von ihren Zuhältern, was oft zu Kontrolle und Abhängigkeit führt."
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Lizzy, Accra, Ghana, 2017. " Ich habe Lizzy (Elizabeht) 2017 zum ersten Mal getroffen, als sie in einer geschlossenen Gemeinschaft mit einigen anderen Frauen gearbeitet hat. Sie wurde mehrere Male geschlossen aufgrund illegaler Prostitution. Lizzy war sofort begeistert, Teil meines Projekts zu werden und wurde zu einer sehr engen Freundin, mit der ich auch meine Wohnung in Accra teile."
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