Wie trans und nicht-binäre Communities von der Pandemie betroffen sind

Von auf unbestimmte Zeit verschobenen OPs bis zum drastisch reduzierten Zugang zu sicheren Räumen bringt der Coronavirus-Lockdown besondere Herausforderungen mit sich.

von Sara Radin
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13 Mai 2020, 12:25pm

The Gender Spectrum Collection

Mich Millers lebensbejahende Operation, der sechs Monate Therapie, Arztbesuche und Beratungsgespräche vorangegangen waren, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Sam, in leitender Funktion bei der New Yorker Transgender Advocacy Group tätig, wäre eigentlich im Mai dran gewesen, denkt aber nun, dass die OP abgesagt werden wird. “Ein Teil von mir ist sehr vernünftig und weiß, dass noch Zeit ist, um meine Operation machen zu lassen”, sagt Sam, unter 25 und darum noch bei den Eltern mitversichert. “Aber ein anderer Teil von mir findet das alles surreal, will es nicht wahrhaben.”

Überall auf der Welt haben soziale Distanzierung, Lockdowns und Hausarrest dazu geführt, solche lang erwarteten Prozeduren für trans und nicht-binäre Menschen aufzuhalten. “Der Zugang zu medizinischer und psychologischer Betreuung ist nicht länger gewährleistet, weil Versicherungen auslaufen oder das Geld für Untersuchungen, Hormontherapie und operative Eingriffe fehlt”, sagt Dr. Randi Kaufman, Psychologe in New York.

Viele, die auf eine Operation warten, werden auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, andere harren in ewiger Wartehaltung. “Das erzeugt nicht nur Stress – inklusive Dysphorie, zunehmende Depression und/oder Angstzustände sowie Gefühle von Hoffnungs- und Hilflosigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken und Selbstverletzungen –, sondern auch eine sehr unsichere Zukunft”, erklärt Randi. Obwohl diese Operationen im Moment nicht als akut oder lebenswichtig gelten, retten sie das Leben vieler. Dass sie als “entbehrlich” geführt werden, entwertet in Randis Augen das Leben von trans und nicht-binären Menschen.

Antía Gómez, eine Medizinstudentin im ersten Jahr, die ungefähr zum selben Zeitpunkt beschloss Ärztin zu werden als der Prozess ihrer Geschlechtsanpassung begann, sollte diesen Sommer ihre Neovagina bekommen. Aber da der Termin in einem engen Zeitfenster zwischen ihrem ersten und zweiten Studienjahr anberaumt war, fürchtet sie nun, dass die OP verschoben werden könnte und sie eine Auszeit von ihrem Studium nehmen muss. “Ganz ehrlich, die Angst wird vermutlich nie weggehen, bis zu dem Moment, wenn die Vollnarkose einsetzt. Es ist eine Angst, unter die sich Ärger und Traurigkeit mischen, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass es passieren wird, ich weiß nur nicht wann.”

Auch ohne Coronavirus kann es eine ganze Weile dauern, Zugang zu diesen Eingriffen zu erhalten. Manche stehen jahrelang auf der Warteliste des Chirurgen, während andere sich gezwungen sehen, in einen anderen Bundesstaat oder ein anderes Land zu reisen, um einen OP-Termin zu bekommen. “Viele Transmenschen sorgen sich, dass sie den einmal angefangenen Weg nicht problemlos weitergehen werden können, sobald die Pandemie nachlässt”, sagt Randi. “Es kann sein, dass sie wesentlich länger warten müssen, oder dass sie nicht länger imstande sind, für die Operation herumzureisen”. Mich Miller befürchtet, das ganze Verfahren womöglich nochmal von vorne anfangen zu müssen: “Ich arbeite dem nun schon so lange entgegen und habe vom Schnüren meiner Brust seit der Highschool Nervenschäden davongetragen. Es ist ein großer Schock für mich und sehr beunruhigend.”

Als Sam vor ein paar Wochen mit Coronavirus-Symptomen darniederlag, war es nicht einfach, an einen Test heranzukommen. “Ich rief die Rettung und flehte darum, getestet zu werden. Es war wichtig, das herausfinden, weil ich mit immungeschwächten Leuten zusammenarbeite.” Zum Glück nahmen medizinische Betreuer im Callen-Lorde Community Health Center die Symptome ernst und testeten Sam. Der Test war positiv, dennoch wartet Sam immer noch darauf, Zugang zum Patientenportal und zu Testosteron zu erhalten. “Ich habe viele Dosen verpasst, weil alles sich staut, während ich warte.”

Das Coronavirus erschwert den Zugang zu Testosteron: Die kontrollierte Substanz muss üblicherweise persönlich abgeholt werden. Das setzt Menschen, die es benötigen, der Gefahr einer Ansteckung mit COVID-19 aus und kann die Behandlung verzögern. “Ich nehme gerade Testosteron und muss darum jede Woche zum Arzt, um mir meine Injektion zu holen”, sagt Chris Jay. “Seit dem Ausbruch des Virus ist es schwierig geworden, meine Injektion zu bekommen, weil Hormontherapie als nicht-prioritär angesehen wird.” Normalerweise kann Chris einfach in der Apotheke vorbeischauen; jetzt ist es erforderlich, jede Woche einen Arzttermin einzuhalten, was im Endeffekt mehr Zeit und Geld kostet. Chris bräuchte außerdem Hilfe bei der Einnahme, aber Pflegepersonal ist keines verfügbar.

Zugang ist nicht das einzige Problem, viele in der Community fühlen sich im Krankenhaus unsicher. “Das Krankenhaus, besonders die Notaufnahme, davon krieg ich richtig Angstzustände”, sagt Chris. “Ich habe Angst, mit dem falschen Namen angesprochen zu werden, vor Diskrimination, Homophobie, Fettphobie, Transphobie etc. Alles Dinge, die in der Vergangenheit vorgefallen sind. Was wenn ich erkranke? Würde ich genauso behandelt wie jemand, der weniger marginalisiert ist?” Chris sorgt sich, dass trans oder non-binäre Menschen, die vom Coronavirus erwischt werden, womöglich nicht die richtige Behandlung erhalten, falls ihnen die falschen Ärzte und Pfleger zugewiesen werden.

Randis trans Klienten sind extrem mitgenommen, dysphorisch und deprimiert. Manche sind sogar suizidal oder fügen sich selbst Verletzungen zu. “Sie sind sehr besorgt und beunruhigt, weil sie sich fragen, wie und wann sie ihre Geschlechtsangleichung fortsetzen werden können.” Etliche fürchten, dass der momentan geltende rechtliche Schutz wegfallen könnte, fügt Randi hinzu, andere sind schockiert, verärgert oder beängstigt über die Tatsache, dass die Krankenhauszelte im Central Park von der anti-schwulen evangelikalen Organisation Samaritan’s Purse betrieben werden. Ihnen wird bang bei dem Gedanken, dass sie im Notfall auf deren Hilfe angewiesen sein könnten.

“Wenn man bedenkt, dass viele Transmenschen bereits medizinischen Missbrauch erlebt haben – medizinische Dienstleister, die sie nicht anfassen oder behandeln wollen, unangebrachte oder schmerzliche Fragen stellen, die nichts mit dem vorliegenden Problem zu tun haben, sie mit dem falschen Geschlecht ansprechen etc. –, ist es nicht unüblich, dass sie ausführliche Nachforschungen anstellen und gezielt nach Anbietern suchen, die ihre Erfahrung verstehen”, erklärt Randi. “Sie suchen Anbieter, die Bescheid wissen, um die Wahrscheinlichkeit, in irgendeiner Form Schaden zu nehmen, zu reduzieren.”

Randall Leonard, ein klinischer Sozialarbeiter in einem queeren Gesundheitszentrum in Baltimore, Maryland, musste auf Ferngespräche mit den Klienten umstellen, von denen viele nicht mit Technologie umgehen können, was das Kontakthalten verkompliziert. Manche Klienten, so fiel Randall auf, die andere Traumata durchlitten haben, sind komplett abgestumpft gegenüber der aktuellen Situation. Einige waren bei den Protesten nach der Ermordung von Freddie Gray anwesend; andere mussten zusehen, wie ihre Trans-Geschwister auf offener Straße ermordet wurden. Schon davor mussten sie mit viel Isolation und Unbehagen umgehen, weshalb die aktuelle Krise nur noch eine weitere Schicht ist. Zudem hat Randall mit Klienten zu tun, die Binden und Korsagen verwenden, was zu Atemwegsstörungen führen kann. Da das Coronavirus die Lungen angreift, können sie sich rasch in einer gefährlichen Situation wiederfinden.

Jetzt wo die Schulen geschlossen sind, sorgt sich Randi, dass Trans-Teens auf ihre Familien zurückgeworfen sind, die sie nicht immer unterstützen, während sie weniger Hilfe von ihrem Umfeld erhalten. “Ich denke, dass muss richtig hart sein im Moment für viele junge Transmenschen im Land, die in ihrer Community Unterstützung und Anerkennung suchen, die sie zu Hause entbehren müssen.”

“Als trans und schwarzer Mensch ist mir sehr bewusst, dass Epidemien wie HIV/AIDS meine Community stärker als andere betreffen, weshalb es mich ängstigt darüber nachzudenken, wie die COVID-Pandemie bereits marginalisierte Communities wie meine eigene betreffen wird”, erklärt eine Transfrau namens Felina. Nachrichtenmeldungen zufolge sind schwarze Communities besonders gefährdet durch das Coronavirus. Laut Randi erleiden Transmenschen, besonders People of Colour, ungleich häufiger finanzielle Instabilität, Mangel an familiärer Unterstützung, Arbeitslosigkeit und häusliche Gewalt. “Viele haben keine Familie, an die sie sich wenden können, wenn sie emotionale oder finanzielle Unterstützung benötigen, und können, solange der Lockdown währt, nicht unter ihresgleichen sein – ob in LGBTQ-Zentren, mit der Wahlfamilie oder an sicheren Orten, die ein queeres und trans Publikum adressieren”, sagt die Ärztin.

Angst ist allgegenwärtig und Randall beobachtet einen Anstieg an Cisgender-Orten, die Transmenschen ausschließen, weil sie sich bedroht fühlen. Dennoch sagt der Therapeut gegenüber i-D: “Ich habe viele junge Leute gehört, die meinten ‘So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen’. Zum Glück gibt es queere Stammesälteste, die die AIDS-Epidemie erlebt haben und ihnen sagen ‘wir schon… und so haben wir es überlebt’. Das ist ungemein motivierend.”

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