Autosexualität: Wie es ist, sich selbst zu daten

"Meine sexuelle und romantische Orientierung macht ungefähr jede banale Aktivität zu einem ausgewachsenen Date."

von Mahoro Seward
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02 April 2019, 8:29am

"If you can't love yourself, how in the hell you gonna love somebody else?!" ist zusammen mit dem Ausruf "YAAAAASS KWEEN" nicht nur in queeren Kreisen zum popkulturellen Phänomen geworden. Es rollt gekonnt von der Zunge all der Menschen, die im Bestfall zumindest eine Folge von RuPaul's Drag Race gesehen haben. Doch schaut man hinter das omnipräsente Gekreische, scheint es, dass Mama Rus Wunsch nach kompromissloser Selbstliebe langsam ernstgenommen wird. So ernst, dass es mittlerweile Hochzeitsagenturen für Menschen gibt, die lediglich sich selbst heiraten wollen. Für eine solche Zeremonie, die das 'sologame' Leben zelebriert, zahlen manche Beteiligte bis zu 3000 Euro.

Während man diese Hochzeiten mit sich selbst vielleicht eher als eine extreme Form von #selfcare sehen kann, gibt es tatsächlich Menschen, die eine größere sexuelle und romantische Anziehungskraft gegenüber sich selbst verspüren. Versteht mich nicht falsch, dann und wann betrachte ich mich auch im Spiegel und denke mir: "Damn!" Doch meist liegt es dann an meinem Outfit.


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Zuerst dachte ich, Autosexualität würde bedeuten, dass durchschnittlich gut aussehende, weiße, homosexuelle Männer ihren Doppelgänger daten. Ich lag offensichtlich falsch. Das Ganze ist ebenfalls nicht zu verwechseln mit Autoromantik, was bedeutet, dass du den Wunsch hast, mit dir selbst eine romantische Beziehung zu führen. Zugegeben, die feinen Unterschiede zwischen beiden Bedeutungen zu verstehen, war für mich nicht leicht. Aber das änderte sich, als ich mir mein eigenes Liebesleben als eine Art Mengendiagramm vorstellte: Ein Kreis (in diesem Fall Autosexualität) steht für all die Leute, mit denen ich mir rein physische Interaktionen wünsche. Der andere symbolisiert die Menschen, mit denen die potentielle Beziehung tiefer geht und nicht auf demselben triebgesteuerten Verlangen basiert – wenn du dich beispielsweise in einen engen Freund verknallst. Natürlich gibt es zwischen beiden Kreisen viele Überschneidungen, dennoch bleiben einige Personen ausschließlich in einem Kreis.

Die in New York lebende Autorin Ghia Vitale ist wahrscheinlich die lauteste Stimme, wenn es um dieses nahezu unbehandelte Nischenthema geht. Sie definiert sich sowohl als autosexuell, als auch autoromantisch, was heißt, dass sie sich von ihrem eigenen Körper sexuell angezogen fühlt und ein romantisches Verlangen gegenüber sich selbst hat. In einem Artikel für Medium schreibt sie, ihre Beziehung mit sich selbst sei das Gleiche, wie eine Beziehung zwischen "konventionellen" Liebhabern. Dabei betont sie, wie sich diese Art der Liebe auf ihre Umwelt auswirkt: "Das ist mir heilig. Wenn ich mir gegenüber eine gute Liebhaberin bin, dann kann ich im Gegenzug auch eine gute Liebhaberin für alle anderen in meinem Leben sein."

Jetzt höre ich förmlich eure verwunderten Ausrufe: "Moment mal, ist sie nicht in einer Beziehung mit sich selbst? Hat sich auch etwas mit anderen?" Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, die Formalitäten zu klären: Sexuelle Identifikation und Beziehungsmodelle können und dürfen und sollen unabhängig voneinander existieren. Genau wie es monogame non-binary Menschen gibt und polyamore Hetero-Girls. Autosexuelle Menschen können Nicht-monogame Beziehungen führen, so wie alle anderen auch. "Meine Anziehung zu mir selbst hat nie meinen Wunsch nach anderen Partnern eingeschränkt", sagt Ghia. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die einzige hier draußen bin, die so fühlt. Ich bin nicht nur polyamor, sondern seit über einem Jahrzehnt auch gleichzeitig in einer stabilen Beziehung."

Aber wie sieht das aus, wenn man sich selbst auf ein Date ausführt? Ich meine, ich habe mir auch schon allein ein schönes Dinner gegönnt und hatte dabei eine wundervolle Zeit – war das etwa ein Date? Würde ich mich selbst als autoromantisch definieren, dann wahrscheinlich schon. Angefangen beim Tanz vorm Spiegel in deiner feinsten Garderobe, hin zum teuren Wein oder der entspannten me time mit einem guten Buch in deinem Lieblingscafé. Was nach (oder während) des Dates passiert, bleibt dem Einverständnis zwischen dir und ... dir überlassen. Wie Ghia sagt: "Meine sexuelle und romantische Orientierung macht ungefähr jede banale Aktivität zu einem ausgewachsenen Date. Ein Spaziergang über einen Friedhof ist mehr als ein netter Bummel. Mal bewundere ich die Grabsteine, dann mich selbst."

Ein wundervoller Aspekt der Autosexualität ist ihre integrierte Funktion als Katalysator fürs Selbstvertrauen – alle, die sich als autosexuell identifizieren, haben automatisch das Bewusstsein, dass ihre Körper begehrenswert sind. So hat Ghia in einem Essay für das Quail Bell Magazine geschrieben, dass "autosexuell, autoromantisch und gleichzeitig fett zu sein, allen toxischen Auffassungen trotzt, die ich über das Dicksein gelernt habe. Ich verdiene die Liebe von mir, von anderen. Ich darf meinen Körper respektieren, egal welche Größe er hat. Ich darf mich selbst attraktiv finden, in jedem nur denkbaren Zustand." Ihre sexuelle Identität hat auch etwas mit Selbstakzeptanz zu tun. Ein Akt, der Befreiung gegenüber medial kreierter Schönheitsidealen, die häufig Körper wie ihren ausklammern, wenn es darum geht, was als attraktiv gilt. Das alles klappt für sie so gut, dass Ghia kürzlich ihre Verlobung bekannt gab – mit sich selbst.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.