Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

Dieser Fotograf hat alle Männer fotografiert, die er gedatet hat

Im Interview hat uns Ryker Allen verraten, warum.

von Hannah Ongley; Fotos von Ryker Allen
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07 August 2017, 9:00am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

Who run the world? Für Ryker Allen sind es nicht Girls, sondern Boys. Einer hat bei dem Fotografen alles verändert. Mit senfgelben Shorts und in Sonnenlicht getaucht hatte es das Model dem jungen Kreativen angetan. "Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, hat mich seine Präsenz umgehauen. Ich fande ihn so attraktiv", erinnert sich der mittlerweile 20-Jährige. "Wir haben uns nach dem Shoot gedatet. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, ihn zu fotografieren, weil ich so auf ihn fokussiert war. Ab diesem Zeitpunkt musste ich die Boys fotografieren, die ich attraktiv fand oder die Ersatz für Verflossene waren." Die Ergebnisse sind seiner Fotoreihe "Boys" zu bestaunen, mit der er queere Maskulinität erkundet.


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Ursprünglich kommt Ryker aus dem texanischen San Antonio, lebt aber mittlerweile in New York und arbeitet als Fotograf und Associate Producer für das Magazin Hello Mr. Texas gehört zwar im Moment nicht zu den LGBT-freundlichsten Orten, doch ihn zog es trotzdem wieder in seine Heimat. Er wollte sich wieder so fühlen, wie er sich mit 14 dort gefühlt hat: einsam. "In New York ist jeder schwul", sagt er lachend. Außerdem sei das Sonnenlicht so unglaublich gut.

Wann bist du mit queerer Kunst zum ersten Mal in Berührung gekommen?
Ich war 14 und habe noch in San Antonio gewohnt. Ich war bei Barnes & Noble und sah im Regal das Magzin Hello Mr. Ich habe es mir nicht angesehen und gedacht 'Oh, ein Schwulenmagazin', es hatte einfach ein gut gemachtes Cover. Ich habe die Zeitschrift durchgeblättert und sah queere Menschen wie mich, deren Arbeiten vom Queer-Sein handeln. Ich wusste davor nicht, dass es so etwas überhaupt gibt.

Erinnerst du dich an das erste Foto, das du von jemandem gemacht hast, den du gedatet hast?
Ich habe mit dem Fotografieren angefangen, als ich zehn Jahre alt war. Mein Bruder war Sportler und wir sind immer für die Wettkämpfe rumgereist. Meine Eltern haben mir eine Kamera gekauft, damit ich etwas zu tun habe. Ich habe jeden Knopf ausprobiert und so viele YouTube-Tutorials geschaut, wie ich nur konnte. Neben der Schule habe ich als Hochzeitsfotograf und Porträtfotograf gearbeitet. Mir fiel es schwer, über meine Gefühle zu reden und meine Verletzlichkeit zu zeigen. Durch die Bilder konnte ich mich als junge queere Person ausdrücken. Deshalb habe ich die Jungs, die ich gedatet habe, fotografiert. Ich habe natürlich Fotos von meinen Boyfriends auf der Schule gemacht, aber damals habe ich sie nie als Models gesehen.

Wie reagieren die Jungs, wenn du sie fragst, ob du sie fotografieren kannst?
Ich habe drei Ansätze. Der eine ist naheliegend: Wenn ich jemanden date, habe ich meistens eine Kamera dabei und sie werden früher oder später fotografiert. Der zweite Weg ist das Internet. Ob durch mein eigenes Netzwerk an anderen jungen queeren Menschen oder andere Boys, die ich mal gedatet habe. Anfangs war das gar nicht so einfach, weil ich kein Portfolio hatte, um ihnen zu zeigen, woran ich arbeite. Viele zögerten und waren verwirrt, weil sie nicht verstanden haben, was ich da tue. Manchmal sagten sie mir "Ich sehe aber nicht schwul aus", "Ich passe nicht in die Schublade" oder "Ich bin kein Model". Das hat viel mit verinnerlichter Homophobie zu tun. Diese Jungs haben nicht das Gefühl, dass sie für Queer-Sein stehe. Aber jede queere Person verfügt über ihre ganz eigene Erfahrung. Und der dritte Ansatz ist Casting. Nachdem immer mehr Leute verstanden haben, worum es mir in meinen Arbeiten geht, wurde es immer einfacher, Models zu finden.

Wie hilft die Mode dabei, mit Maskulinität zu spielen?
In letzter Zeit habe ich viel mit Modefotografie experimentiert. Das ist für mich ein neues Fotografie-Konzept. Das läuft meistens so ab, dass ich mich bei den Stylisten melde, die ich gut finde und wir arbeiten zusammen. Sie sind selbst queer und nicht-binär. Bei den Porträts lasse ich mich von Hal Fischers Gay Semiotics inspirieren. Er hat in den 70ern die Schwulenkultur in San Francisco und die Kleidung von schwulen Männern dokumentiert. Ich zitiere diese Outfits als Hommage an die queeren Fotografen, die vor mir kamen und weil meine Fotografien eine Vintage-Qualität haben. In den 70ern gab es noch kein Internet, durch das schwule Männer kommunizieren konnten, also haben sie durch Mode kommuniziert.

Für die LGBTQi-Community sind die Zeiten alles andere als sicher. Was stimmt dich dennoch optimistisch für die Zukunft von junger queerer Kunst und Repräsentation?
Viele junge Menschen - ob nun queer oder nicht - machen sich ernsthafte Gedanken darüber, dass sie ignoriert werden. Was gerade politisch passiert, betrifft meine Generation und noch jüngere wahrscheinlich am meisten. Dank des Internets können junge Kreative theoretisch ein Millionenpublikum erreichen. Jede Person hat ihre eigene queere Erfahrung, aber so kann man auch die der anderen sehen. Es gibt immer mehr queere Künstler unter 25. Jüngere Kreative schreiben mich an und sie erinnern mich an die Zeit, als ich 14 war und mir Hello Mr. Im Regal angeschaut habe. Junge Menschen sind wütend und sie äußern sich.

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