Wie diese Selbstporträts das Leben einer Plus-Size-Fotografin gerettet haben

Caroline Faheys Fotoserie "Silver Linings" über Body Positivity wurde von ihrer eigenen Nahtoderfahrung inspiriert.

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Mai 15 2017, 10:40am

Ob es nun ein Selfie oder ein Porträt von Ryan McGinley ist – die Art und Weise, wie wir unseren Körper darstellen, verrät ebenso viel über unser Inneres wie über unser Äußeres. Und genau aus diesem Grund ist Caroline Faheys Fotoserie Silver Linings so wichtig. Fahey, die sich selbst stolz als plus-size beschreibt, wurde von einer Nahtoderfahrung dazu inspiriert, ihren Körper zu fotografieren. Während ihres zweiten Studienjahres an der NYU wurde bei der Fotografie-Studentin ein Blutgerinnsel im Gehirn entdeckt, das durch "Übergewicht und der Pille" verursacht worden war. Dieses beängstigende Ereignis nutzte sie als Katalysator, um ihre Beziehung zu ihrem Körper zu erkunden.


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Die Fotos zeigen Fahey und die Höhen und Tiefen ihrer Selbstwahrnehmung, die wir wohl alle ziemlich gut kennen: an einem Tag extrem selbstbewusst, am nächsten eher unsicher; mal zeigt man alles von sich, dann wünscht man sich wieder, man könnte sich in ein Loch verkriechen. Doch wie Fahey mit ihren ehrlichen Fotos zeigen will, sollte Übergewicht nicht mit Scham oder einem negativen Körpergefühl gleichgesetzt werden.

Wann bist du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen?
Im Gymnasium habe ich meinen ersten Fotografie-Kurs belegt, in dem wir unsere eigene Lochkamera gebaut haben. Dann bin ich an die staatliche Schule in meiner Heimatstadt gewechselt und habe praktisch in der Dunkelkammer und Kunstabteilung gelebt – und nicht mal in der Cafeteria essen wollen.

Wie hat sich deine Beziehung zur Body Positivity mit der Zeit verändert?
Body Positivity ist etwas sehr Komplexes, selbst wenn sich das Konzept recht einfach anhört. Man sollte seinen Körper lieben und akzeptieren, aber dennoch versuchen, so gesund wie möglich zu leben. Das ist nicht so einfach, wenn sich viele Leute um einen herum unbewusst für einen schämen. Ich sage "unbewusst", weil ich es – anders als online – im echten Leben nie erlebt habe, dass mir jemand ins Gesicht gesagt hat, er würde mich nicht mögen, weil ich dick bin. Andererseits haben viele Freunde in meiner Anwesenheit gesagt: "Warum sollte er sie daten, sie ist so fett?" oder "Caroline, du bist überhaupt nicht dick." Vielen ist nicht klar, dass sie dickere Körper schlecht machen, wenn sie solche Sachen sagen. Übergewicht ist in unserer Kultur so negativ konnotiert, dass es oft als Synonym für "hässlich" und "faul" benutzt wird.

Was hat dich dazu bewegt, deine Selbstporträts für Silver Lining zu machen?
Im Oktober 2012, während meines ersten Jahrs an der NYU, wurde bei mir im Gehirn ein Blutgerinnsel entdeckt, dass durch mein Übergewicht und die Pille verursacht worden war. In der Woche, die ich deswegen im Krankenhaus verbringen musste, hat mir meine Mutter immer wieder gepredigt, dass das Blutgerinnsel ein Lichtblick sei. Ich konnte ihr das aber nicht glauben, weil ich in den kommenden sechs bis acht Monaten große körperliche und seelische Schmerzen hatte. Es fiel mir unglaublich schwer, optimistisch und glücklich zu sein, nachdem ich erfahren habe, dass ich eigentlich selbst für meinen Beinahe-Tod verantwortlich war. Fast zu sterben ist sehr beängstigend, aber es öffnet einem auch die Augen. Das Blutgerinnsel war das Beste, was mir je passiert ist. Meine Gesundheit musste endlich an erster Stelle stehen, und sie wurde tatsächlich zu meiner Priorität. Die Selbstporträts sind für mich zu einer Art Methode geworden, um mehr über meine Beziehung zu meinem Körper, meiner Gesundheit und meinem Wohlbefinden zu erfahren. So habe ich gelernt, mich selbst und meinen Körper zu lieben, und das ist mein Lichtblick.

Was hoffst du, anderen Leuten mit den Fotos vermitteln zu können?
Ich hoffe, dass die Leute sich durch meine Arbeiten dazu bewegt fühlen, mit anderen über ihre eigenen Körper und Erfahrungen zu sprechen. Im Endeffekt möchte ich, dass meine 13-jährige Schwester, Ella, und ihre Freundinnen selbstbewusst sind und sich schön fühlen. Je mehr wir über das Thema sprechen, desto mehr lernen wir über uns selbst und andere.

Mit welchen Vorurteilen bist du aufgrund deines Körpers konfrontiert worden?
Vor ein paar Wochen habe ich in einer Galerie mein Portfolio vorgestellt, und die erste Frage, die er hatte, war "Bist du mit deinem Körper zufrieden?" Ich antwortete: "Das wechselt von Tag zu Tag." Manchmal liebe ich meinen großen Bauch, an anderen Tagen wiederum wünsche ich mir, er würde einfach verschwinden. Ich denke, das ist OK und normal, solange man selbstbewusst ist. Meine Beziehung zu Body Positivity ist mit der Zeit gewachsen, und heute liebe und akzeptiere ich mich selbst und meinen Körper sehr viel mehr als früher. Ein Grund dafür ist, dass ich mich selbst dazu gezwungen habe, meine Unsicherheiten anzusprechen und nun mit Freunden und Mitschülern über meine Figur rede. Das habe ich mich früher nicht getraut, weil ich zu schüchtern war und mich geschämt habe. Mit den Selbstporträts konnte ich visuell den Schmerz ausdrücken, den ich mein ganzes Leben lang unterdrückt habe.

Es kann sehr persönlich sein, anderen unseren Körper zu zeigen. Die Art wie wir sie darstellen, sagt viel über unser Inneres aus. Warst du dir zu irgendeinem Zeitpunkt unsicher darüber, ob du Silver Linings der Öffentlichkeit zeigen solltest?
Nein, ich hatte keinerlei Vorbehalte. Silver Linings würde keinen Sinn ergeben, wenn es niemanden gäbe, mit dem ich die Fotos teilen könnte. Ein Teil meines Jobs ist es, Leute, die sich unwohl fühlen, dazu zu bewegen, selbstsicherer zu werden. Wir sind es nicht gewohnt, in diesem Kontext Körper wie meinen zu sehen, es ist aber höchste Zeit, dass das passiert!

Mit welchen anderen Motive willst du dich in deinen Arbeiten sonst noch beschäftigen?
Ich bin noch ganz am Anfang meines Projekts über Frustessen. Ich bin total gespannt darauf, weil es ganz klar ein Thema ist, über das mehr gesprochen werden muss und ein Problem, mit dem ich auch persönlich zu kämpfen habe.

@faheycaroline