Nach diesen Fotos wirst du Obst und Blumen nie wieder so sehen wie vorher

Fotografin und Ex-Model Lina Scheynius hält die kleinen Momente im Leben fest, die so viel über uns aussagen.

von Zio Baritaux; Fotos von Lina Scheynius
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07 März 2017, 8:45am

Die schwedische Fotografin Lina Scheynius veröffentlicht seit 2008 jedes Jahr einen Bildband, der poetische Bilder ihres Alltags zeigt. Alltagsmomente werden durch ihren Blick mysteriös, ein Schwarz-weiß-Foto von Wildblumen kann voyeuristisch wirken und das Porträt ihres nackten Torsos fühlt sich sensibel an. Aber im Vergleich zu 08, das melancholischer war, ist ihre neueste Veröffentlichung 09 "ihr glücklichstes" Buch.


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"Ich glaube, dass es eine Reflektion meiner Gefühle ist, als ich es zusammengestellt habe", erklärt Lina. "Ich habe letztes Jahr einiges in meinem Leben geändert." Sie hat mit dem Meditieren angefangen und hat aufgehört, zu viel Zeit im Internet zu verbringen. Statt Instagram liest sie jetzt und kocht mehr und hat Pflanzen auf dem Balkon angepflanzt. Diese einfachen Dinge haben den Ton für 09 gesetzt, eine verspielte Ergänzung zu ihrem Œuvre. Linas Lieblingsfoto ist die Pflanze im Licht. "Die Aufnahme war in meiner Ausstellung in Zürich zu sehen", erklärt sie uns, "auch wenn im ganzen Raum meine Arbeiten zu sehen waren, kam ich immer wieder auf diese Pflanze zurück. Das ist ein Bild der Hoffnung." Wir haben uns mit Lina Scheynius über ihre Bücher, ihren Körper und das Älterwerden unterhalten.

Warum hast du mit dem Modeln aufgehört und mit dem Fotografieren angefangen?
War das Fotografieren so eine Art Emanzipation? Du entscheidest jetzt, wie du aussiehst und nicht andere?
Ja, das war es. Ich hatte genug von dem Glamour. Mich haben die Arbeiten von Juergen Teller und Corinne Day inspiriert und kannte damals noch keine Kunstfotografen. Meine Referenzen kommen aus den Modemagazinen. Dann habe ich mehr Zeit in der Fotografie-Abteilung in Bücherläden verbracht, Modefotografie hat mich dabei immer weniger interessiert. Also habe ich mich irgendwann in japanische Fotografie verliebt. Der Prozess hat aber länger gedauert. Für viele Jahre habe ich einfach für mich fotografiert und die Bilder nur einer Handvoll Freunden gezeigt. Als ich dann genug Mut hatte, habe ich mich bei Flickr angemeldet, und von da an gab es kein Zurück mehr.

Warum hast du dich 2008 entschieden, pro Jahr ein Buch zu veröffentlichen?
Ich hatte Kontakt mit einem Verlag, aber das hat gedauert und nichts ist dabei herausgekommen. Ich habe es dann auf eigene Faust probiert. Ich hatte bereits ein paar Follower, deshalb dachte ich, dass es für das Buch einen Markt gab. Anfangs war ich mir noch nicht darüber bewusst, dass ich mal so viele davon herausbringen würde. Ich nehme an, dass ich mir dabei etwas gedacht haben muss, als ich das erste Buch 01 genannt habe, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Du führst seit deiner Kindheit Tagebuch, weil du damit deine Schüchternheit überwinden konntest. Fotografierst und veröffentlichst du aus diesem Grund die Aufnahmen als Bildband?
Es ist schwer für mich zu sagen, warum ich fotografiere. Eine einfache Antwort ist, dass ich es liebe und mir es gefällt. Manchmal ist es aber zu schmerzlich und dann greift die Erklärung wieder nicht.

Warum ist es schmerzlich?
Es ist schmerzlich, weil ich mir selbst hohe Ziele setze, die ich manchmal nicht erreiche.

Führst du immer noch Tagebuch? Kannst du uns den letzten Satz aus dem letzten Eintrag vorlesen?
Das tue ich, ja. "Denke dran, ein Sofa zu kaufen." Nicht wirklich spannend, sorry.

Hast du dich immer in deinem Körper wohlgefühlt? Oder musstest du dich daran gewöhnen?
Ich weiß gar nicht, ob ich mich jemals wohl darin gefühlt habe. Das wird aber definitiv besser, je mehr Zeit vergeht, aber es macht mir auch Angst.

Wäre es nicht toll, wenn sich die ganzen jungen Fotografinnen, wie du, weiterhin selbst dokumentieren würden?
Ich möchte mich selbst weiterhin fotografieren und mit anderen teilen. Das wäre toll. Es geht dabei gar nicht, darum, dass ich älter aussehe, sondern um den natürlichen Alterungsprozess. Der Jetleg nimmt mich heute mehr mit als noch in meinen Mittzwanzigern.

Wie würdest du die Stimmung in 09 beschreiben?
Das ist das glücklichste Buch seit Langem. Sehr farbenfroh, es bringt mich zum Lächeln.

Woran denkst du, wenn du an 01 denkst? Inwiefern hast du dich weiterentwickelt?
Ich mag das Buch, ich mag das Verspielte. Es gibt nur einen Bildband, den ich nicht mag, aber ich werde nicht sagen, welcher es ist. Aber auch das Buch ist mir auf eine gewisse Art und Weise wichtig. Auch dieses Buch hat seinen Platz in der Serie. Ich bin wahrscheinlich erwachsener geworden. Ich glaube, damals hat mir Fotografie mehr bedeutet. Ich war eine Weile sehr besessen.

"09" von Lina Scheynius kannst du hier kaufen.