Die Geschichte hinter den nackten, muskulösen Männern von Fire Island

Die braun gebrannten und muskulösen Männer auf den Polaroids des amerikanischen Fotografen Tom Bianchi sind legendär. Im Interview erklärt er uns, was das Besondere an der Schwulen-Community auf Fire Island war.

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Aug. 4 2017, 9:05am

Viele kennen die braun gebrannten und muskulösen Männer von Fire Island. Doch nur wenige kennen die Bedeutung dahinter. Schwule Männer und ihre Freunde konnten in der Zeit vor dem Ausbruch von Aids auf Fire Island, unweit von New York, ohne die Zwänge einer heterosexuellen Gesellschaft das Leben feiern. Es war ihre Form des Protests gegen eine Welt, in der der nackte männliche Körper als obszön galt und Freizügigkeit verpönt war. Der damals noch als Anwalt arbeitende Tom Bianchi verbrachte mit Freunden seine Sommer-Wochenenden auf Fire Island.


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Mit seiner SX70-Polaroid-Kamera, die er sich auf einer Geschäftsreise besorgt hatte, hielt er in ungestellten und natürlichen Aufnahmen die Momenten in den Pines fest. "Als Fotograf dokumentiere ich die Realität. Viele fotografieren nur um des Fotografierens willen und inszenieren die männliche Form. Mich hat das nie interessiert. Das ist nicht mein Stil. Ich finde den natürlichen Ansatz viel interessanter", erklärt er seinen fotografischen Ansatz. Mittlerweile lebt Tom Bianchi zwar den Großteil des Jahres in Palm Springs, fährt aber immer noch regelmäßig in dieses weltbekannte Schwulenparadies. Was die Pines auf Fire Island so speziell gemacht hat und warum es wichtig ist, sich von den sozialen Netzwerken nicht alles gefallen zu lassen, verrät er uns im Interview.

Was war das Besondere an Fire Island?
Das Besondere an Fire Island war, dass es eine diskrete Community aus Kreativen war und es nach wie vor ist. Es gibt ungefähr 600 Häuser, die Zahl kann sich auch nicht ändern. Viele Leute lebten normalerweise in einer Hetero-Kultur, in der Dinge wie der Status und der eigene Job das Maß aller Dinge waren. So etwas spielt in der Badehosen-Kultur auf Fire lsland keine Rolle. Gezählt hat das eigene Talent. Wenn du eine interessante Person warst, hast du da einen Platz gefunden. Wenn du eine spirituelle und großzügige Person warst, hast du einen Platz gefunden. Wir haben uns in der Community das Gefühl vermittelt, dass wir OK sind; dass wir schön sind; und dass wir stark sind. Wir haben auf uns gegenseitig geachtet.

Wie war der Vibe damals?
Das ist eigentlich immer noch so. Die Einwohner sind natürlich älter geworden, aber es kommen auch ständig junge Leute am Wochenende. Der einzige Unterschied zu damals ist nur, dass es heute teurer ist. Als ich zum ersten Mal hier war, konnte man sich ein Haus für 4.000 Dollar mieten und es sich mit Mitbewohnern teilen. Ein Zimmer einen ganzen Sommer lang für 1.000 Dollar. Heute bezahlst du 1.000 Dollar für ein Wochenende.
Und durch PrEP ist das Leben wieder sexuell freizügiger geworden als zu den schlimmen Zeiten von Aids in den 80ern, wo die Leute mit der Angst davor gelebt haben. Heutzutage ist Fire Island wieder entspannter und zu dem freigeistigen Zustand zurückgekehrt, der in den 70ern geherrscht hat.

Dein Buch ist auch vier Jahre nach Erscheinen immer noch beliebt. Den wenigsten dürfte bewusst sein, dass du um die Erscheinung kämpfen musstest.
Ich wusste, dass es irgendwann erscheinen würde. Es hing nur davon ab, wann die Welt für die Bilder bereit sein würde. Ich war mir auch deshalb sicher, weil sie so schön sind und einen wichtigen Teil unserer Kultur zeigen. Diese Menschen auf Fire Island waren Pioniere, weil sie ein Leben ohne sexuelle Scham geführt und sich als körperliche Wesen zelebriert haben.

Wenn ich so durch das Buch blättere und mir die Fotos anschaue, erinnern sie mich an eine zum Leben erweckte Tom-of-Finland-Zeichnung. Hat dich seine Arbeit beeinflusst?
Auf gewisse Weise schon. Ich fand seine Zeichnungen immer sehr schön, aber sie sind etwas anderes als Fire Island. Tom of Finland hat eine erotische Fantasiewelt gezeichnet, wir waren real. Viele haben versucht, in Toms Welt zu leben und haben ihre Körper dementsprechend geformt. Aber mehr als das war es nicht.

Wonach hast du die Fotos ausgesucht?
Die Auswahl sollte zeigen, wie sich die Kultur angefühlt und wie sie ausgesehen hat. Ich wollte die Zuneigung zeigen, die schwule Männer füreinander empfunden haben. Wir leben in einer queeren Welt, die anders aussieht als die Hetero-Welt. Meine Fotos sind eine Kritik an dieser Welt. Deshalb gibt es im Buch auch Bilder von Diskokugeln, Kartons und von der Fähre. Das sind Dinge, die man sonst nicht sehen würde.

Was fasziniert dich als Fotograf und Künstler am männlichen Körper?
Für mich ist der menschliche Körper das Schönste. Ich mag athletische Männer. Sie sehen so aus wie die Männer aus meiner Jugend, als die schwulen Männer die Sportstudios für sich entdeckt haben. Heute gibt es nur mehr Bärte als damals.

Facebook und Instagram scheinen keine großen Fans von männlichen Genitalien zu sein. Viele deiner Bilder wurden zensiert und gelöscht.
Es gab Zeiten, da zensierte der Staat Aktaufnahmen, besonders die von Männern. Der Supreme Court entschied [1962], dass die staatliche Zensur gegen die Verfassung verstößt und nackte Männer nicht obszön sind. Die Vorstellung, dass einige Körperteile nicht in die Öffentlichkeit gehören, ist meiner Meinung nach ein Beispiel dafür, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt. Dass Unternehmen wie Facebook, die Geld mit Werbung verdienen, sich heutzutage wieder Unterdrückungsmechanismen bedienen, um so viel Menschen wie möglich zu erreichen, ist doch irre. Wenn sich jemand an solchen Fotografien stört, dann soll er einfach weiterklicken. Es gibt keinen Grund für Zensur. Wir werden als Gesellschaft nicht heilen, wenn wir das nicht beseitigen. Mich macht das wütend, weil es unmenschlich ist.

Was können wir dagegen tun?
Sprecht darüber, kämpft dagegen. Erklärt immer wieder, dass das Kranke nicht das Nackte, sondern die Angst ist.

@tombianchi

Tom Bianchi: Fire Island Pines Polaroids 1975 - 1983 kannst du dir noch bis zum 16. September 2017 in der Galerie Throckmorton Fine Art in New York anschauen. Das Buch ist bei Damiani erschienen.

Credits


Text und Interview: Michael Sader
Fotos: Tom Bianchi