Jungsein im Vorstadt-Amerika durch die Augen der deutschen Fotografin Claudia Grassl

Alexandra Bondi de Antoni

Alexandra Bondi de Antoni

Die deutsche Fotografin Claudia Grassl erforscht in ihren Bildern aus der amerikanischen Einöde, was es bedeutet, jung zu sein.

Nichts ist so schön, wie jung zu sein. Den ganzen Tag mit seinen Freunden abhängen, auf Konzerte gehen, die Zeit tot schlagen und einfach nur das Leben genießen, bevor das Erwachsenwerden immer mehr zur Realität wird und der Ernst des Lebens beginnt. Jugend ist das schönste Geschenk, das wir haben, und Jugend ist das, was unsere Gesellschaft voranbringt.


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Die Fotografin Claudia Grassl lebt zwischen Deutschland und Texas und lernte bei einem Konzert eine Gruppe Jungs kennen, die sie seit diesem Abend fotografiert. Dylan und Casey sind zwei normale Teens aus der amerikanischen Einöde, die das tun, was Teens nun mal tun. Die Bilder sind ehrlich und intim. Sie zeigen die Jugend von Heute in ihrem natürlichen Umfeld. Daraus entstanden ist das Projekt P sychic Highway, das durch Bilder ein klares Porträt von Teenagern im Jahr 2015 zeigt. Zusätzlich filmte Grassl zusammen mit der Filmemacherin Dom Jones die Boys. Wir haben den beiden ein paar Fragen gestellt, wollten wissen, welche Unterschiede es zwischen Amerika und Deutschland gibt; und haben uns von den Boys erklären lassen, was es für sie bedeutet, jung zu sein.

Dylan darüber, depressive Schübe überstanden zu haben: "Es beeinflusst alles, was ich tue. Mit jeder Person, mit der ich interagiere, da benehme ich mich so wie ein Hund, der seinen Schwanz einzieht. Sie kommen einfach. Als ob ich mir das selbst antue."

Wieso fotografierst du die Boys?
Claudia: Ich hatte diese Idee schon länger. Für mich war es wichtig, mit authentischen Leute zusammenzuarbeiten, die voller Energie stecken - Jugendliche, die noch Ecken und Kanten haben und ehrlich sind. Die entwickeln sich noch und versuchen herauszufinden, wer sie sind. Damit wollte ich in Amerika beginnen. Als Europäerin nimmt man die kulturellen und politischen Unterschiede zwischen beiden Kontinenten anders wahr.

Wie hast du die beiden getroffen?
Claudia: Ich traf Dylan und seine Freunde auf einem Konzert in Dallas. Sie waren auf Acid und haben sich die Musik angehört. Ich fing an, mich mit ihm zu unterhalten und er schien ganz interessant. Er willigte in ein Treffen ein und lud auch noch ein paar Freunde ein. Am Pool haben wir dann den ersten Teil fotografiert.

"Ich glaube, dass mein Intellekt ein soziales Konstrukt ist. Mein Ego ist ein soziales Konstrukt. Mein gesamtes, empfindsames Erwachsenenleben habe ich versucht, das zu unterlaufen und eine Identität zu finden, die wahrhaftig unabhängig und autark ist. Ich habe aufgehört, den Leuten gefallen zu wollen. Mir ist das egal. Wenn man sich von diesen sozialen Konstrukten verabschiedet, bleiben diese primitiven Instinkte übrig." - Casey

Die Fotos sind so nah dran und ehrlich. Wie entstand so viel Vertrauen zwischen euch?
Claudia: Ich bin eine sehr kontaktfreudige und direkte Person. Das interessanteste und spannendste an meiner Arbeit ist die Kommunikation. Ob es sich um ein Projekt wie Psychic Highway oder Modefotografie handelt, ich baue gerne eine persönliche Bindung während meiner Arbeit auf. Ich traf dann Dom, die Kamerafrau / Videographer, die eher dem Alter der Boys entspricht. Das Projekt war echte Teamarbeit.
Dom: Es geht darum, ob die Chemie stimmt, offen zu sein und sich auch von seiner verletzlichen Seite zu zeigen. Ich komme aus Texas und habe mich mit den Boys angefreundet. Wir haben zusammen abgehangen, gegessen und getrunken, während Claudia in deren natürlicher Umgebung fotografierte. Aus den Jungs wurden echte Freunde und wir passen aufeinander auf, ich finde sie klasse. Sie haben mir gezeigt, dass es bei Intimität nicht nur um Körperlichkeit geht, sondern auch um Emotionalität und dass man diese Offenheit teilen und festhalten kann.

Erzählt mir mehr über Dylan und Casey.
Claudia: Dylan lebt in einer typischen Vorstadt in Texas. Casey ist unglaublich gut in Mathematik. Durch Musik und Mathe wurden sie enge Freunde. Was sie für uns so interessant macht, ist ihre Offenheit. Sie haben sich uns gegenüber geöffnet und wir haben uns gegenüber ihnen geöffnet. Das war besonders, weil es für beide Seiten ein Wagnis ist. Die Jungs machen das Projekt überhaupt erst möglich. Jede Person erzählt eine Geschichte und jeder ist auf seine Weise einzigartig.

Haben sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Claudia: Casey hat seinen Master in Mathematik gemacht und kürzere Haare bekommen. Dylan muss noch zwei Jahre studieren. Beide sehen sich aber immer noch und verbringen Zeit miteinander. Sie wollen auch dort bleiben, im Gegensatz zu den meisten jungen Leuten.

Was hat dich an ihnen fasziniert?
Claudia: Ihre Jugend, ihr einzigartiger Style und wie sie sich darstellen. Die kleineren Geschichten, die sie uns über ihr Leben erzählen. Als Europäerin finde ich es faszinierend, wie sie tatsächlich im Vorstadt-Amerika leben.
Dom: Sie sind ungefähr gleich alt, es gibt eine Art Kameradschaft. Wir unterstützen uns gegenseitig dabei, um das Erwachsenwerden zu verstehen. Die meisten Leute in unserem Alter können es kaum abwarten, von zu Hause auszuziehen. Aber die beiden sind anders.

Wie entstand der Name?
Claudia: Ich habe den Namen in einem schrägen Buch gelesen, das ich mittlerweile aber nicht mehr habe. Psychic Highway konnte ich aber nicht vergessen. Ich hielt ihn für eine passende Beschreibung für meine Vorstellung, durch Amerika zu fahren und unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen dabei zu dokumentieren, wie sie erwachsen werden.

Casey über die „Nicht-Beziehung" mit einem selbst ernannten „asexuellen Girl": Ich mag es, dass ich sie küssen kann, dabei nicht komme und das OK finde. Wenn es nichts für mich wäre, dann würde ich es nicht tun. Ich gehe trotzdem noch ins Bad und hole mir einen runter. Aber das reicht mir. Wenn ich Chance hätte, dann würde ich auf jeden Fall Sex haben."

Du fotografierst als Deutsche in Amerika. Wieso?
Claudia: Amerikanische Kultur hat mich schon immer interessiert. Die schiere Größe, das Licht und die abwechslungsreiche Landschaft machen es aus Fotografensicht einfach spannend. Meine Abschlussprüfungen als Fotografin habe ich in Texas gemacht. In Dallas habe ich dann einen Musiker kennengelernt und deshalb fing ich dort an.

Was sind die Unterschiede, die du ausmachen konntest?
Claudia: Zwischen Deutschland und Amerika bestehen große kulturelle Unterschiede. Die USA sind viel jünger als Deutschland, das Land ist erst ein paar Jahrhunderte alt. Das Leben läuft auch anders ab. In Deutschland haben Leute ihr Leben lang denselben Job und das reicht ihnen auch. Die Amerikaner sind daran gewöhnt, mit ihren Familien die ganze Zeit umzuziehen.

Die Gesellschaft insgesamt ist von einem höheren Tempo geprägt. Das kann positiv und negativ sein. In Amerika streben die Leute nach Erfolg. Sie brauchen ihn, um zu überleben. Deutschland bewegt sich auch langsam darauf zu, ob das gut ist, weiß ich nicht. Für Amerikaner kann der Alltag ziemlich mühsam sein. Sie müssen die ganze Zeit arbeiten, um zu überleben. Die Mittelklasse verschwindet immer mehr.

"Auf der Highschool habe ich keine Drogen genommen. Aber ich war schwer depressiv und habe jeden Tag getrunken. Nachdem ich anfing, Drogen zu nehmen, hörten die Depressionen nicht auf, sie veränderten sich nur." - Casey

Und bei den jungen Leuten? Siehst du da einen Unterschied?
Claudia: Was die Jugendlichen angeht, besteht einer der größten Unterschiede im Bildungssystem. Das US-System beruht im Wesentlichen auf Geld, was echt traurig ist. Mir geht es darum, etwas Authentisches und Echtes zu finden, das uns alle auf dasselbe Level stellt, egal woher wir kommen. Zukünftig wird es nicht darum gehen, was die Leute haben, sondern ob sie sich öffnen und andere teilhaben lassen. Deshalb ist es wichtig, zu zeigen, dass Amerika authentisch und vielfältig sein kann. Dazu braucht es Künstler. Wir müssen mit unseren Arbeiten eine bedeutungsvolle Message mitliefern. Es kann nicht nur um Schönheit, Mode und Geld gehen.

Von deinen Erfahrungen: Wie unterscheidet sich Erwachsenwerden / Jung-Sein von der Zeit, in der du so jung warst? Womit haben die Jugendlichen heute zu kämpfen? Was ist vielleicht leichter? Was schwerer?
Claudia: Der größte Unterschied sind die Medien und die damit einhergehenden Auswirkungen. Einerseits können sie einsam machen, andererseits haben sie Barrieren beseitigt und Menschen miteinander verbunden. In meiner Jugend haben wir in Europa über politische Fragen gestritten und waren entweder im linken oder rechten Lager. Heutzutage wird auch um Politisches gestritten, aber es geht dabei eher um innere Freiheit, um Sexualität und um das Recht auf persönliche Entfaltung.

Man muss aber immer noch erwachsen werden und sich entscheiden, wer man sein möchte. Heute hat man scheinbar mehr Möglichkeiten und mehr Wissen als zu meiner Zeit. Das macht es aber nicht notwendigerweise einfacher. Je nachdem wie man es sieht, kann die Palette der Möglichkeiten sogar überwältigend sein. Aber die jungen Leute können viel freier reisen und ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen formen. Das ist Fortschritt.

Ihr habt auch einen Film zu den Bildern gedreht? Was trägt Film zur Geschichte bei?
Dom: Als Visual Artist denkst du einfach immer dreidimensional. Leute und Plätze sollen lebendig werden. Die Körperbewegungen, wie Leute atmen, das alles trägt zur Geschichte bei. Leute existieren nicht als bearbeitete Bilder. Film ist das Medium, was der Realität am nächsten kommt. Wenn wir Menschen auf dem Bildschirm sehen, bauen wir sofort eine Verbindung auf und suchen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Genauso laufen menschliche Interaktionen auch im wahren Leben ab. Film fügt dem Projekt noch eine Schicht Menschlichkeit hinzu. Um Leute so real wie möglich darzustellen, braucht es Bewegung und Sound. psychic-highway.com