das „what’s underneath project“ zeigt dir, wie individuell nacktsein ist

Wie man auch nackt Style und Individualität haben kann, lernt man am Besten, wenn man sich einfach vor fremden Menschen auszieht.

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29 März 2016, 12:50pm

Image via Instagram

Elisa Gookind und Lily Mandlebaum produzieren Filme von Frauen (und gender-nonkonformen Menschen), die sich ausziehen. Auch wenn man jetzt viel mutmaßen könnte, sagen wir es gleich: dem Mutter-Tochter-Gespann geht es darum, Style und Individualität zum Thema zu machen. Das in New York lebende Duo hat dazu die Website StyleLikeU ins Leben gerufen, wo sie Dinge wie etwa Beauty oder Fashion aus alternativen Blickwinkeln betrachten.

2014 wurde dann die bis heute laufende Videoreihe „The What's Underneath Project" gelauncht, bei der sich inspirierende Menschen ihrer Klamotten entledigen und dabei von ihren Ängsten und Erfolgen erzählen. Beide Projekte kamen zustande, nachdem sowohl Gookind als auch Mandlebaum jahrelang in der Modeindustrie gearbeitet hatten und ihnen irgendwann das Gefühl überkam, dass sie sich selbst und andere Leute nicht mehr einkleiden wollen.  In anderen Worten: Die Videos sind ein Versuch, eine Kultur zu verändern, in der sich jeder aufgrund seines Aussehens scheiße fühlt. 

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Warum habt ihr mit dem „What's Underneath"-Projekt angefangen?
Elisa: Kreativ gesehen hat uns schon immer viel daran gelegen, das zum Thema zu machen, was für das Auge vielleicht nicht sofort sichtbar, aber dennoch für unseren Style verantwortlich ist. Das gilt vor allem für die Menschen mit einem absolut authentischen Stil. Früher habe ich Lily immer mit in russische Badehäuser genommen und dort konnten wir auch ohne Kleidungsstücke als Anhaltspunkte gleich erkennen, wer cool und interessant war und sich gut kleiden konnte. Seitdem machen wir immer Witze darüber, dass man auch nackt Stil haben kann.
Lily: Man erkennt sofort, wenn sich Menschen in der eigenen Haut wohlfühlen, denn das macht sie für ihr Umfeld sofort inspirierend—und letztendlich ist es das, worum es beim Thema Style geht. Die Meinung, dass gute Kleidung von Geld, Trends oder einem gewissen Schönheitsideal abhängig ist, muss aus den Köpfen verschwinden. Mit unseren Videos wollen wir zeigen, dass richtiger Style eine gefühlvolle Darstellung des Inneren ist und einen dazu bringt, selbstbewusst und zufrieden aufzutreten. Indem wir unsere Protagonisten und Protagonistinnen ausziehen, ergibt sich für uns eine metaphorische Möglichkeit zu zeigen, dass es beim individuellen Geschmack nicht um materielle Dinge gehen muss. Dabei hat dann jeder Geschichten erzählt, die nicht nur unglaublich berührend und ehrlich waren, sondern auch noch eine Menge über die Ideale unserer Kultur sowie über den Einfluss vom Marketing und den Medien auf das Selbstbild der Menschen verrieten.

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Glaubt ihr, dass wir irgendwann an einem Punkt ankommen, an dem man nicht mehr über die mediale Darstellung der Frau reden muss?
Lily: Das ist ein komplexes Thema, aber meiner Meinung nach existiert inzwischen ein unglaublich mächtiges kollektives Bewusstsein, weil das Internet und die sozialen Medien vielen neuen Stimmen eine Plattform geben. Deshalb ist die Industrie fast schon gezwungen, sich zu ändern—selbst wenn sie das gar nicht will. So viele Leute zeigen uns neue Perspektiven auf. Von der „Body Positive"-Bewegung bis hin zur Transgender-Identität gibt es derzeit eine ganze Menge an Dingen, die man nicht mehr länger unterdrücken kann. Ich weiß allerdings auch nicht wirklich, ob diese Veränderungen wirklich von Herzen kommen oder in manchen Fällen vielleicht einfach auch nur als eine neue Möglichkeit angesehen werden, Geld zu machen.
Elisa: Für mich ist das Ganze unumgänglich und eine Sache der Menschlichkeit. Meiner Meinung kann man den Wunsch der Menschen nach Individualität einfach nicht unterdrücken. 

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Hat das Projekt euch als Menschen verändert?
Lily: Als wir damit anfingen, fühlte ich mich in meiner Haut nicht wirklich wohl. Ich wollte eigentlich wie ein abgemagertes Model aussehen, schaffte das trotz aller Anstrengungen jedoch nie. Ich konnte mich einfach nicht akzeptieren und war so gesehen ein richtiges Opfer der Dinge, gegen die wir nun ankämpfen. Jetzt fühle ich mich allerdings total befreit und deswegen war es mir möglich, meinen eigenen Style zu finden und dabei auch meinen Körper mit einzubeziehen.
Elisa: Ich war rund 25 Jahre lang immer mal wieder als Moderedakteurin und Stylistin aktiv—meine Liebe für Kleidung, Individualität und Ausdruck ist also schon immer da gewesen. Das, was wir da derzeit machen, verkörpert das, was ich während dieser Zeit, in der sich vieles um Individualität drehte, herausgefunden habe. Ich wollte einfach eine Art Antwort auf eine Industrie erschaffen, in der alles so exklusiv, unkreativ und kommerziell geworden ist. Vor dem Projekt kam ich mir vor wie ein schwarzes Schaf und fühlte mich von einer Sache ausgeschlossen, die ich einst so geliebt habe. Jetzt geht es mir nur noch darum, allen anderen schwarzen Schafen dieser Welt eine Plattform zu geben.
Lily: Ich hatte schon so eine Ahnung, dass es da draußen noch etwas Anderes geben muss. Grund dafür waren meine Mutter und die interessanten Menschen, mit denen sie sich umgab. Ich wusste, dass das, was ich fashion-mäßig konsumierte, und das, weswegen ich mich nicht wohl fühlte, nicht das Gleiche sein konnten. 

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In welche Richtung werden sich StyleLikeU und das „What's Underneath"-Projekt im Laufe der kommenden Jahre entwickeln?
Lily: Mich würde interessieren, wie sich diese Bewegung der Selbstakzeptanz noch weiter verbreiten lässt und wie wir abgesehen von mir, meiner Mutter und unseren Interview-Partnern und -Partnerinnen auch noch andere Leute in das Projekt mit einbeziehen können.
Elisa: Das ultimative Ziel des „What's Underneath"-Projekts besteht darin, das sich das Ganze zu einer Sache entwickelt, die konstant wächst und für eine merkbare Veränderung in unserer Kultur sorgt. 

@stylelikeu

Credits


Text: Sabina McKenna