Diese Serien werden deinen Blickwinkel aufs Leben verändern

Können ausgewählte Serien die Moralvorstellungen unserer Gesellschaft beeinflussen? Ja, sagen wir – und haben die wichtigsten für dich zusammengestellt.

von Viola Funk
|
03 November 2016, 3:25pm

Serien gehören inzwischen zu unserem Alltag wie Popcorn zum Kino. Von brutalen Fantasy-Shows wie Game of Thrones, über gruselige 80er-Mysterys wie Stranger Things bis hin zu anregenden Gedankenspielen über die Zukunft wie Black Mirror ist der Reichweite an Fantasy-Szenarien keine Grenze mehr gesetzt. Doch auch fernab der fiktiven Welten tut sich etwas. Das Spektrum der Shows über das ach so langweilige echte Leben wird immer breiter und—vor allem—immer besser.

Serien sind immerhin nicht nur da, um unsere Bedürfnisse nach Unterhaltung zu stillen, uns dabei zu helfen, aus der Realität zu flüchten, oder dem „Endlich mal wieder sehen, wie ein blutrünstiges Monster jemandem den Kopf abreißt"-Verlangen nachzugehen. Serien können auch das Gegenteil bewirken, nämlich uns zurück in die Realität verhelfen, wo wir neue Erkenntnissen über das Leben erlangen, neue Blickwinkel auf Situationen finden und uns subtil belehren lassen. Je weiter das Szenario dabei an unser Leben angenähert ist, desto mehr Eindruck hinterlässt es.


Auch auf i-D: Wir haben mit dem provokativen Regisseur Nicolas Winding Refn ("Drive") und Elle über den Film "Neon Demon" gesprochen


Dass es derzeit einen neuen Real-Real-Life-Trend in der Serienlandschaft gibt, ist nur der konsequente und logische Schritt, den routinierten und übersensibilisierten TV-Gucker auf neue Ebenen der Identifizierung zu heben. Insbesondere Shows wie Girls, aber auch Netflix-Kreationen wie Love, sind dabei so schamlos ehrlich, dass es manchmal sogar weh tut, sich selbst darin wiederzuerkennen. Die scheinbar banalen, alltäglichen Szenen am Frühstückstisch oder unter der Dusche sind oft so langsam und unaufgeregt wie das echte Leben selbst. Doch die Banalität trügt und die Szenen wirken nur im Kontext unseres gewohnten Unterhaltungsangebot trivial (siehe Fantasy-Serien). Für das echte Leben sind eben genau diese Momente alles andere als banal—und im richtigen Kontext sind sie gar moralisierend und therapeutisch.

Obwohl Serien in erster Linie zur Unterhaltung produziert werden, heißt das nicht, dass die Macher keine Hintergedanken und übergeordnete Motive haben. Als wichtiger Teil der aktuellen Popkultur können Serien viel mehr ausrichten als nur unterhalten. Die Popkultur als Abbild einer Generation, als Reflexion der Wertevorstellung und Einblick in die zentralen Themen der Zeit wirkt nicht nur in eine Richtung. Während sie einerseits die Probleme, Sehnsüchte, Ängste und Emotionen spiegelt, formt sie zugleich die Reaktionen, Lösungen, Gedanken und Moralvorstellungen derer, die sich mit den Problemen auseinandersetzen. Während sich Kunst oft auf einem abstrakten Level mit dem Zeitgeist beschäftigt, wenden sich die neuen Alltags- und Familenserien auf immer weniger abstrakte Art unserem Leben zu. Das könnte man fast schon revolutionär nennen, auch wenn sich die Handlungen alles andere als das anfühlen.

Die drei folgenden Serien schaffen es—manchmal subtil, manchmal sehr offensichtlich—mit ihren Handlungen, komplexen Charakterportraits und ihrer Realitätsnähe mit unseren Moralvorstellungen zu spielen. Immer wieder gibt es Momente, in denen es scheint, als würden sie eine Mission verfolgen, mit alten Klischees und Werten aufzuräumen und für eine neuere, offenere Welt zu plädieren. Nicht zuletzt deswegen plädieren wir dafür, dass ihr sie anschauen solltet—am besten mit euren Eltern.

Transparent

Transparent ist der erste Amazon-Hit, der nicht nur eine erstklassige Besetzung hat (Jeffrey Tambor, Amy Landecker, Jay Duplass, Gaby Hoffmann), sondern auch das wichtige Thema Transgender aufgreift. Jeffrey Tambor, den wir als George Bluth Senior aus Arrested Development kennen, spielt ein Transgender-Vater, der erst im späten Alter zu seinem wahren Geschlecht steht und die Transformation zur Frau beginnen möchte, nachdem er seine drei erwachsenen und verwöhnten Kindern mit der Wahrheit konfrontiert hat.

Die Serie portraitiert jeden einzelnen der Charaktere in ihrem Ringen mit dieser neuen Wahrheit, in der Bewältigung der Vergangenheit und dem Schmerz, den all die Lügen verursacht haben. Zu keinem Zeitpunkt wird unendliche Toleranz oder plötzliche Akzeptanz geheuchelt und zu keinem Zeitpunkt wird das erwartet. Stattdessen wird der langwierige Prozess, um diese Situation sowohl als Familie als auch individuell zu bewältigen, in all seinen Facetten gezeigt. Gleichzeitig bricht die Erzählung vollkommen mit der Gut-Böse-Charakterisierung. Die Serie zeigt die hässlichen und die schönen Seiten jedes einzelnen Familienmitglieds und bringt das klassische Familiendrama auf eine empathische Ebene, auf der jeder seine Fehler macht und in seiner eigenen Realität lebt. Vor allem das ist etwas, das in Familienangelegenheiten oft vergessen wird. Jeder kämpft seine eigenen Kämpfe, jeder lebt sein eigenes Leben und hat eine eigene Wahrnehmung. Wenn man all diese zurück in die Familie bringt, ist es oft nicht verwunderlich, dass es plötzlich kracht.

Auch Maura (Jeffrey Tambor) ist dabei keineswegs stets das Opfer, das in der konservativen Gesellschaft mit dieser Lüge leben musste, sondern verhält sich nicht selten wie eine richtige Bitch—ganz menschlich. Denn ob Frau oder Mann, Sohn oder Tochter, Opfer oder Täter, sie ist im Endeffekt eben genau das: ein Mensch.

Modern Family

Modern Family ist eine weitere Familienserie, die nicht nur komplett mit dem klassischen, konservativen Familienentwurf bricht, sondern jegliche kleinen und großen Streitereien innerhalb einer Familie aufgreift. Was diese typisch amerikanische Comedy-Serie so besonders macht, ist die klassische Erzählweise mit der sie dich und deine Eltern abholt, um euch zusammen am Ende der Folge sanft vor den Kopf zu stoßen.

Der Cast definiert Familienwerte und das Bild einer traditionellen Familie in einer scheinbar sicheren und komischen Umgebung vollkommen neu. Der Vater, der ein Problem mit dem Schwulsein des Sohnes hat; die Tochter, die ein Problem mit der neuen jüngeren Frau des Vaters hat; die Schwester, die ihre Geschwister für dumm hält; am Ende jeder Folge wird stets für mehr Toleranz und Individualität plädiert. Das schaffen die Schreiber auf eine so langsame und unaufdringliche Weise, dass diese Serie—besonders in der amerikanischen Gesellschaft—eine bedeutende Macht haben könnte, alte Werte langsam zu untermauern, gedankliche Mauern einzureißen und Moralvorstellungen auf lange Sicht zu verändern.

In der aktuellen Staffel hat die Serie außerdem zum ersten Mal in der TV-Geschichte ein Transgender-Kind gecastet und es in einer Folge als Lilys neuen Schulfreund zum Thema gemacht. Auch wenn das längst überfällig war und das Thema schon längst auf dem Tisch liegen sollte, war es für eine Produktion für das amerikanische Familienfernsehen doch mutig. So infiltriert Modern Family in langsamen Schritten einen neuen Moralkodex in dem Teil der Gesellschaft, der sonst eher wenig mit solchen Themen in Berührung kommt.

Easy

Easy ist nach Love der neueste Netflix-Erfolg, der den Zuschauer radikal mit der Realität konfrontiert. Während Love sich noch mit der Entstehung einer Beziehung, Bindung und einem eher unkonventionellen und doch realistischeren Konzept des in-love-fallen auseinandergesetzt hat, stellt Easy nun die Vorstellung von glücklichen Langzeitbeziehungen auf den Kopf. Nachdem die Popkultur seit Jahrzehnten, wahrscheinlich sogar Jahrtausenden, darauf bestanden hat, dass die einzige wahre Liebe eine uneingeschränkte, passionierte und exklusive sein sollte, sind wir endlich in der Realität angekommen. Das Märchen vom Prinzen und die Vorstellung der Traumfrau sollten wirklich längst passé sein.

In Easy haben sich die Prinzen und Prinzessinnen bereits gefunden und ihr gemeinsames Leben begonnen. Nur sind sie nicht glücklich bis ans Ende ihrer Tage, sondern leben ein sehr reales und—gemessen an Märchenstandards—oftmals ödes Leben. Doch ist das ein Grund, um unglücklich zu sein? Die entscheidende Nachricht ist, dass man manchmal nur unglücklich ist, weil man seine Erwartungen an irgendwelche vergangenen Märchen anlehnt. Easy ist ein nächster Schritt in der Popkultur, diese tief verwurzelten Vorstellungen anzupassen und vielleicht ultimativ ein neueres, moderneres Konzept für die Ehe zu finden, das auch heutzutage funktionieren kann.

Nichtsdestotrotz setzt die Serie in den Erzählungen auf den klassischen Märchenansatz des Happy Ends, das meist mit der Wahrheit und dem Mut, sich nicht mehr selbst zu belügen, erreicht wird. Die Partner finden fast immer eine Lösung für ihr Problem und meistens wird die mit der Wahrheit erreicht. Selbst wenn die Happy Ends manchmal gekünstelt wirken, moralisieren sie uns doch zu einem ehrlichen Umgang. Die Zeit, immer das Gesicht bewahren zu müssen, ist glücklicherweise genauso vorbei wie die Vorstellung eines makellosen Partners. Easy ist eine Reflexion genau dessen.