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diese dokumentation zeigt die wahre peggy guggenheim

Am Donnerstag kommt „Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst“ in die Kinos. Wir haben uns mit Regisseurin Lisa Immordino Vreeland über den Dokumentarfilm und das außergewöhnliche Leben dieser modernen Frau unterhalten.

von Colin Crummy
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02 Mai 2016, 11:20am

In der ersten Dokumentation von Regisseurin Lisa Immordino Vreeland geht es um ihre Großmutter Diana Vreeland und den Einfluss, den die legendäre Chefredakteurin von Vogue und Harpers's Bazaar auf die Mode, Modemagazine und Kunst hatte. In The Eye Has to Travel wird das Privatleben Vreelands nachgezeichnet, von der amerikanischen High Society über das Paris der Künstler und zurück nach Manhattan in den 50ern, ein Leben so bunt wie die Magazinseiten, die sie gestaltet hat.

In ihrem zweiten Film wendet sich Regisseurin Vreeland der Kunstwelt zu und erzählt das Leben einer weiteren wichtigen Figur des Kulturbetriebes im 20. Jahrhunderts: Peggy Guggenheim. Wie Vreeland war sie der Spross einer wohlhabenden Familie, wollte aber ein Leben nach ihren eigenen Regeln führen. Bekannt wurde Peggy Guggenheim einem breiteren Publikum durch ihre zahlreichen Affären mit Künstlern von Samuel Beckett bis Max Ernst, über die sie selbst in ihrer Autobiografie Ich habe alles gelebt Ende der 70er schrieb. Das Buch sorgte für Skandale und überschattete teilweise ihre Erfolge. 

Peggy Guggenheim war eine der bedeutendsten Sammlerinnen moderner Kunst. Sie sorgte mit dafür, dass sich die Kunstrichtung als solche etablieren konnte. Sie entdeckte Jackson Pollock und unterstützte ihn von Anfang an. Während des Zweiten Weltkrieges rettete sie wichtige Kunstwerke vor den Nazis und half Künstlern bei der Emigration. Mit der Eröffnung ihres Museum, der Peggy Guggenheim Collection 1947, machte sie Venedig zu einem Zentrum moderner Kunst. Das sind nur wenige Episoden aus dem Leben dieser unerschütterlichen Frau. Lisa Immordino Vreeland zeigt mit ihrer liebevollen und kunstreiche Dokumentation eine außergewöhnlich moderne Frau in einer Zeit, als es dafür noch gar keinen Ausdruck gab. Wir haben mit der Regisseurin über die gefeierte Sammlerin gesprochen.

Alle Fotos: Courtesy of The Peggy Gugggenheim Collection Archives, Venedig

Im Leben von Peggy Guggenheim reiht sich ein wichtiger Vorfall an den anderen, wie der Tod ihres Vaters auf der Titanic 1912. Worin bestand die größte Herausforderung, das alles in die Form von einem Dokumentarfilm zu packen?
Ja, das ist wahr und der Film spiegelt das Drama wieder. Drama mit Trauma. Als ich anfing, kannte ich Peggys Leben, aber ich hatte die einzelnen Puzzleteile nicht miteinander verbunden und mir war nicht bewusst, dass wir daraus einen Film machen müssen. Wir hätten auch eine Miniserie daraus machen können. Wir haben uns gefragt: Welche Affären sollen wir ansprechen? Über welche Ausstellungen sollten wir reden? 

Niemand hatte vorher Ausstellung nur mit Kunstwerken von Frauen auf die Beine gestellt, ihre Exhibition by 31 Women 1943 war die erste. Kritiker haben sie als harmlos bezeichnet. Lag es einfach an Vorurteilen, dass sie nicht die Anerkennung bekommen hat, die sich verdient hat?
31 Women ist eine tolle Geschichte, weil sie eine Frau ist. Aber es lag nicht einfach nur an Vorurteilen. Ihre eigene Persönlichkeit hat ihre Erfolge überschattet. Sie wurde von vielen nicht ernst genommen. Wenn man im Internet nach ihr gesucht hat, dann hat die meisten nur interessiert, mit wie vielen Männern sie geschlafen hat—und nicht ihre Erfolge. Sie hatte ihren Anteil an dieser Entwicklung, weil sie darüber in ihrem Buch geschrieben hat.

Was sind ihre wichtigsten Erfolge?
Es gibt nicht viele Leute, die die Entwicklung von Kunst in unterschiedlichen Ländern beeinflusst haben. Sie hat allerdings die moderne Kunst in England, in den USA und in Italien beeinflusst. Sie war Vermittlerin und hat die Richtung mitbestimmt. Sie war mittendrin.

Man kann es sich also nicht so einfach machen und sagen, dass sie von einer hauptsächlich von Männern dominierten Kunstwelt unterschätzt wurde?
Damals gab es schon Leute, die sie unterschätzt haben. In den Büchern über Kunstgeschichte wird sie zwar mit Pollocks Erfolg in Verbindung gebracht, aber ansonsten nur kurz erwähnt.

Schließt du dich der Sichtweise an, dass sie als Erwachsene all die Kunst gekauft hat, um ihren Ruf aus einer wilden Jugend zu reparieren?
Ihr Leben hat sich entwickelt. Sie musste aus den häuslichen Zwängen befreien, sie geht nach Paris und hat während der Zwanzigerjahre eine fabelhafte Zeit. Sie ist frei und sie hat Affären. Ich glaube nicht, dass ihr Leben eine Richtung bekommt, als sie zur Kunst findet. Und ich glaube auch nicht, dass dabei viel Ego im Spiel war. Das macht sie für mich noch attraktiver. Sie wollte eine Sammlung aufbauen, um sie mit der Welt zu teilen. Das ist etwas, was die Leute damals einfach nicht getan haben. Ich glaube nicht, dass sie das gemacht hat, um Dinge, die sie in ihrer Jugend getan hat, wiedergutzumachen. Sie hätte wohl Sex bis an ihr Lebensende gehabt. Zu einer Zeit, in der Frauen nicht so gedacht haben, führte sie ein modernes Leben.

Wie meinst du das?
Als sie 1947 in Venedig mit ihrer Sammlung aufkreuzte, war sie eine geschiedene Frau und Amerikanerin. Es war mutig von ihr, nach Venedig zu gehen—ein Ort, der für eine bestimmte Kunst bekannt ist. Dann taucht sie mit diesen verrückten Bildern auf. Sie zeigte sie auf der Biennale und hatte einen großen Einfluss auf italienische Künstler der damaligen Zeit. Sie hatten nie zuvor Kunst wie Pollocks gesehen; Kunst, die auf der Leinwand geradezu explodiert. Sie hatten noch nie einen echten Kandinsky gesehen, nur in Magazinen.

Wie geht ihr mit ihrem Sexleben in dem Film um?
Wir haben die Tonbänder, die eine andere Guggenheim-Biografin jahrzehntelang aufbewahrte, benutzt. Sie sagte: „In meinem Buch geht es vor allem ums Ficken." Anfangs hatte ich mit diesem Satz meine Schwierigkeiten. Ich wusste nicht, ob ich ihn im Film benutzen sollten.

Warum?
Als Regisseur willst du dein Thema immer schützen. Auf den Tonbändern sagt sie mehrere Sachen, bei denen sie wohl nie daran gedacht hätte, dass die jemals für einen Film verwendet würden. Sex macht einen Großteil ihres Lebens aus. Wenn wir ihn nicht thematisiert hätten, dann würde etwas fehlen. Natürlich gab es damals viele andere Frauen, die auch viel Sex hatten, aber die waren einfach nicht berühmt. Es war mutig von ihr als Sprachrohr für diese Frauen zu agieren.

Ist der Dokumentarfilm ein Aufruf, über die Rolle des Kurators neu nachzudenken?
Ja. Peggy war klug genug, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben, gleichzeitig hat sie aber ihre eigenen Entscheidungen getroffen. Wenn man sich ihr Museum anschaut, dann sieht man die Qualität der Bilder. Ein Meisterwerk nach dem anderen. Sie sammelte die meisten Bilder zwischen 1938 und 1948, danach hat deutlich klargemacht, dass sie nicht mehr sammeln wollte. Andy Warhol ging nach Venedig, rief sie an, ob er vorbeikommen könnte, um sich die Sammlung anzuschauen. Sie sagte: „Nein, können sie nicht". Sie war ein zäher Knochen.

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst kannst du dir ab Donnerstag im Kino anschauen.

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Credits


Text: Colin Crummy
Lede-Foto: Roloff Beny, Courtesy of National Archives of Canada.

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