wie könnte eine welt aussehen, in der liebe nicht versprochen, sondern gehalten wird?

Wir haben Schriftsteller Ingo Niermann und Filmemacherin Alexa Karolinski getroffen, die mit „The Army of Love“ diese Frage und eine mögliche Antwort illustrieren.

von Zsuzsanna Toth
|
24 Juni 2016, 8:30am

Liebe. Die Frage und Suche nach ihr und die Komplexität, die mit ihrer individuellen Interpretation eines jeden Menschen einhergeht, ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir befinden uns in einer Gegenwart, in der Misstrauen, Verzweiflung und damit einhergehender Rückzug immer mächtiger werden und unsere Entscheidungen und Gefühlswelt einnehmen. Der Kapitalismus hat die über Jahrhunderte aufgebauten Ideen der romantischen Liebe  kommerzialisiert und für viele, die dann auch noch von der Gesellschaft als unattraktiv empfundene Merkmale tragen, ist eine echte Liebe nur mehr als Utopie übrig geblieben. Wir befinden uns heute auf einer Reise, die sich mit der Suche nach dem sprichwörtlichen Strohhalm, an den wir uns klammern können, befasst. Einem, der uns vor dem Ertrinken in Unsicherheit retten soll.

Gibt es einen Ausweg aus diesem komplexen Dilemma? Wie würde eine extremere Form der Nächstenliebe aussehen, in der Intimität und Nähe nicht versprochen, sondern gehalten werden? Wie würde so eine Zukunft aussehen und: Welche Strukturen müssten ihr auferlegt werden?

Der deutsche Künstler und Schrifsteller Ingo Niermann hat sich über mehrere Jahre mit Fragen wie diesen auseinandergesetzt und die Idee einer Army of Love entwickelt, die auf seinem Buch Drill Nation basiert. Für die 9. Berlin Biennale hat er die Filmemacherin Alexa Karolinski, bekannt für Oma&Bella und ihre Kollektionsfilme für Eckhaus Latta, ins Boot geholt, um der Idee eine Form zu geben. 

Ingo, wann und wieso hast du angefangen, dich mit der Thematik zu beschäftigen, die schließich in der Idee der Army of Love resultierte?
Ingo: Angefangen hat es mit einer Kurzgeschichte vor zehn Jahren über eine Gruppe junge Künstlerinnen und Künstler, die von ihrer eigenen Coolness und ihrem Leben gelangweilt sind und sich fragen, was die nächste große Herausforderung für die Menschheit sein kann. Dabei wird ihnen klar, dass die Idee einer humanen Gesellschaft noch nicht zu Ende gedacht ist, dass da noch etwas fehlt. Sie wollen die Idee von Gerechtigkeit und Kommunismus so komplettieren, dass die Umverteilung sinnlicher Liebe Teil dieses Projektes wird.

Ich habe damals schon, aus einer Laune heraus, unter die Geschichte „to be continued" geschrieben. In der Zeit vor der Occupy-Bewegung, wurden überall in Europa bereits öffentliche Plätze besetzt, nur in Berlin nicht. In meinem Roman Complete Love habe ich dann angefangen, mir zu überlegen unter welchen Umständen das in Berlin doch hätte passieren können. Da tauchte diese Idee wieder auf—einen Schritt weiter gedacht als die ursprüngliche Kurzgeschichte, aber immer noch primär um Fragen kreisend wie: „Wie kann man jemandem sinnliche Liebe geben, denen man sie eigentlich vom Gefühl her gar nicht geben will?"

Während ich den Roman schrieb, arbeitete ich parallel an einem Buch, in dem ich über ein wiedervereinigtes Korea spekulierte, und mich dabei fragte, was dann aus den enormen nord- und südkoreanischen Armeen werden sollte. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass der Komplettismus eine gewisse Struktur verlangt. Diese Struktur könnte die Army of Love sein.

Alexa, wieso hast du dich darauf eingelassen? Was war deine erste Reaktion auf die Idee?
Alexa: Ingo und ich haben mindestens fünf Skype-Gespräche geführt, bevor ich verstanden habe, was die Army of Love ist oder in einem Video sein könnte. Eigentlich haben wir es selber erst kapiert, als wir die Gespräche mit anderen Leuten angefangen haben. Diese führten zur Klarheit, die schließlich zu dem Video führte und auch zu dem Leben danach.
Ingo: Am Anfang hatten wir die Idee, weltweit Leute mit der Idee zu konfrontieren. Aber das war logistisch einfach unrealistisch.

Wie habt ihr denn die Menschen für die Besetzung gecastet? Es gibt ja niemanden, der zwangsläufig richtig oder falsch ist. Das Thema ist so universal und eigentlich hat jeder einzelne Mensch etwas zu diesem Thema beizutragen, oder?
Alexa: Damit hast du vollkommen Recht. Uns war klar, dass jeder Mensch etwas anderes beisteuern kann, also haben wir eine Zahl festgelegt und die Voraussetzung gestellt, dass die Auswahl an Menschen so vielseitig wie möglich sein soll. Wir sprachen mit DIS, unseren Freunden und Freunde von Freunden. Es gab kein richtig oder falsch, es musste einfach die Kombination stimmen. Es wurde niemand aufgrund seines Äußeren ausgewählt und die Gespräche im Video sind hundertprozentig echt und authentisch.
Ingo: Wir haben uns beim Dreh viel Freiraum gegeben.
Alexa: Ich lasse bei meinem Filmen immer Platz für intuitive Momente. Das ist sehr wichtig. Ich mache keine Storyboards.

In der Beschreibung des Films steht als Ansatzpunkt „Wir stellen uns unsere Liebe gerne als sehr persönliche Angelegenheit vor, doch sie folgt statistischen Präferenzen." Gleichzeitig thematisiert Army of Love eben die ganz individuellen Formen und Definitionen von Liebe. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ingo: Die bürgerliche Romantik versteht Liebe als etwas sehr Privates, was sie aber lange gar nicht war. Man hatte den zu lieben und zu heiraten, der einem ausgewählt wurde. Und auch die romantische Liebe ist sozial stark gesteuert. Im größeren, statistischen Rahmen bleibt es dann doch sehr vorhersehbar, wer sich in wen verliebt.
Alexa: Schöne oder junge Menschen haben es in bestimmten Gesellschaften einfacher.
Ingo: Die Army of Love besteht aber nicht nur aus stereotypisch schönen und jungen Menschen. Manche, die im Film mitspielen, erzählen, wie sie ihre Blindheit oder andere Behinderung sogar aktiv nutzen, um ihre Attraktivität zu steigern. Es braucht dafür aber großes Charisma. Und das haben wirklich alle im Film.

Ihr habt euch beim Styling für die New Yorker Marke Hood by Air und als Location einem Spa außerhalb von Berlin entschieden, was zusammen zu einer sehr konkreten Ästhetiken führt. Wolltet ihr ein so universales Thema nicht auch innerhalb einer ich sage mal neutraleren Ästhetik Form geben?
Alexa: Die Idee mit dem Spa kam, weil es ein Ort ist, den die meisten Menschen einfach lieben. Man assoziiert ihn mit Wärme und Gemütlichkeit. Hood by Air wurde uns als Uniform-Möglichkeit angeboten und wir fanden, es hat gepasst. Das bedeutet natürlich nicht, dass Hood by Air für immer in die möglichen Folgeprojekte von Army of Love passen wird. Für diesen Film war es im Modekontext die richtige Interpretation.

Menschen sagen sich täglich, dass sie sich lieben und glauben—oder wollen glauben—, dass das bedeutet, man empfindet das gleiche füreinander. Die Wirklichkeit ist ja aber, dass man die individuelle Liebe, das was jeder für sich einfordern möchte, bekommen möchte und andererseits auch geben kann, nicht wirklich messbar ist. Ist das nicht ein Hindernis in der Idee der Army of Love?
Ingo: Was die Army of Love auszeichnet, ist eine gewisse Verlässlichkeit, weil sie sich geschult hat.
Alexa: Natürlich kann man Verliebtheit nicht garantieren. Die Idee ist aber auch auch keine Neuinterpretation eines Dating-Services oder Partnerschafts-Agentur. Die Idee ist, dass man Intimitäten und Nähe bekommt, wenn man sie braucht. Ob sich diese dann in eine Beziehung, so wie wir sie größtenteils definieren, entwickelt, kann man so nicht wirklich festlegen. Im Gegenteil, so was darf man nicht versprechen.
Ingo: Es ist schon echte Liebe. Aber eben nicht ein Corpus, der jedem den idealen monogamen Partner verspricht. Die Army of Love agiert als Kollektiv. So wichtig Begegnungen zu zweit sind, kommt die Liebesgarantie von der Army als Ganzes.
Alexa: Dieses Gespräch wird gerade sehr konkret. Diese Fragen wollen wir mit dieser spezifischen Arbeit auch nicht alle beantworten. Sollte es zur Realisation der Army of Love wirklich kommen, müsste man natürlich diese Fragestellungen weiter ausarbeiten, aber deswegen ist es ja ein offenes Projekt, das weitergeht. Es ist mit diesem Film noch nicht zu Ende.

Ihr habt beide in verschiedenen Städten, auf verschiedenen Kontinenten gelebt. Da ist auch bestimmt die Frage aufgekommen, wie die Army of Love global funktionieren kann. Sie müsste sich unterschiedlichsten Kulturen und politischen sowie gesellschaftlichen Zuständen angepasst werden, oder?
Ingo: Das ist eine extrem wichtige Frage. Natürlich weiß man, dass die Codes und die Erwartungen in jeder Stadt und in jedem Land andere sind. Und da kommt es wieder zur Frage: Ist die Army of Love eine Bewegung, ist sie eine Organisation? Genau das wollen wir aber ja noch gar nicht entscheiden.
Alexa: Wir bekommen übrigens mittlerweile auch Zusendungen von Menschen mit ihren eigenen Interpretationen. Heute erst habe ich ein Video bekommen, in dem Golden Retriever eingesetzt werden, um Familenangehörigen der Orlando-Opfer Liebe zu schenken.
IngoIn Japan gibt es diese Streichelcafés und in Taiwan eine Organisation namens Hand Angel, die Behinderten kostenlose Handjobs anbietet. Es wird kein Zufall sein, dass beides im südostasiatischen Raum stattfindet. Ich würde dort sehr gerne einmal einen Workshop mit der Army of Love machen.
Alexa: Und ich in L.A. In der Stadt gibt es so radikale Klassenunterschiede und ausgegrenzte Gruppen von Menschen, dass ich es dringend notwendig finde, auch dort eine Konversation zu beginnen.

Und, um die meist gestellte Frage aus dem Film aufzugreifen, was könntet ihr beiden der Army of Love geben?
Alexa: Ich glaube weniger sexuelle Nähe, dafür aber viel organisatorische Hilfe.
Ingo: Was ich ihr nicht geben kann, ist Führung. Ich kann das ein Stück weit anschieben, aber dann sind andere dran. Ich hatte auch nie geplant im Film mitzuspielen, das hätte ich mir gar nicht zugetraut.
Alexa: Ich finde es so toll, dass du das gemacht hast, Ingo!

Wenn du mehr über die Army of Love erfahren möchtest, kannst du dir den Film während der regulären Öffnungszeiten im KW im Zuge der 9. Berlin Biennale ansehen. Außerdem findet heute Abend im Hof des KW um 19 Uhr (Es wird empfohlen, etwas früher zu kommen) ein Gespräch mit Ingo Niermann, Alexa Karolinski und Persönlichkeiten, die auch im Film zu sehen sind, in Englisch statt. Der Eintritt ist frei und erfordert keine Anmeldung. Hier findest du mehr Informationen.  

thearmyoflove.net

Credits


Interview & Text: Zsuzsanna Toth
Fotos:  Alexa Karolinski/Ingo Niermann, Army of Love, 2016, Styling: Viviane Hausstein