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diese fotografen zeigen eine neue art des male gazes

Wie männlich ist Weiblichkeit, wie weiblich Männlichkeit? Wir haben uns das von vier Fotografen, die in ihren Arbeiten sich selbst und ihren Körper hinterfragen, erklären lassen.

VonJuule KayundAlexandra Bondi de Antoni

Foto: Alexandre Haefeli

Nachdem wir uns in den letzten Wochen intensiv mit der Frage auseinandergesetzt haben, was der Female Gaze im Gegensatz zu dieser männlichen Sichtweise ist und ob es so etwas überhaupt gibt, lassen wir nun vier männliche Fotografen zu Wort kommen, die in ihrenFotografien die gängige Bedeutung des Male Gazes hinterfragen. Als Male Gaze wird allgemein die Blickweise von Männern auf Frauen bezeichnet, wie Männer versuchen, Frauen zu objektivieren und sexualisieren. Diese Fotografen setzen sich mit den gängigen Geschlechtermodellen auseinander, indem sie sich selbst und anderen fotografieren und eine gewisse Verletzlichkeit zeigen, die ganz weit abseits des Klischees vom starken, unbesiegbaren Mann liegt. Sie stehen für eine neue Bewegung an Männern, die mit ihren Arbeiten Stereotypen durchbrechen.

Martin Valentin Fuchs, 24

Was bedeutet Männlichkeit für dich?
Gibt es so etwas überhaupt? Ich gehe schon davon aus, dass es so etwas wie Männlichkeit und Weiblichkeit gibt. Nur bin ich der Meinung, dass beides etwas Konstruiertes ist. Deshalb haben es Menschen auch so schwer, die sich aufgrund ihrer Trans- oder Intersexualität nie ausreichend auf einer der beiden Seiten positionieren können.

Wie weiblich ist Männlichkeit? Wie männlich Weiblichkeit?
Wenn man sich das gängige Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit vor Augen führt, dann kann man ganz klar Tendenzen hin zu einer starken Binarität erkennen. Allerdings sollte man dabei immer versuchen, diese allzu verhärteten Trennlinien zwischen Mann und Frau kritisch zu hinterfragen. Vor allem in der Werbung lässt sich diese binare Geschlechtertrennung gut erkennen—Männlichkeit und Weiblichkeit werden dabei quasi zum Verkauf angeboten. Es wird einem vorgegeben, was man zu tun hat, um wahrhaftig männlich oder weiblich zu sein.

Wie stehst du zur ganzen Female-Gaze vs. Male-Gaze-Debatte?
Früher war es noch wichtiger als heute, einen ersten kritischen Denkanstoß zu initiieren. Gerade wenn Objektivierung und Sexualisierung eines Geschlechts in solch einer extremen Einseitigkeit wie damals auftreten, muss entgegengesteuert werden. Ähnliche Diskriminierungen lassen sich auch immer wieder in Hinsicht auf Bodyshaming, Rassismus oder Klassismus erkennen. Dem weißen, gut situierten, heterosexuellen und zumeist auch noch gut aussehenden Mann kommt nach wie vor vermehrt eine Vormachtstellung zu, die noch immer mit der Marginalisierung einzelner Menschengruppen einhergeht. Gerade deshalb ist es wichtig, den Diskurs aufrecht zu erhalten.

Wie würdest du das vorherrschende männliche Schönheitsideal beschreiben?
Stärke ist wohl ein Schlüsselwort. Männer müssen stark und stramm, mit Muskeln bepackt und kräftig sein. Mittlerweile gibt es auch immer wieder Phasen, die besonders glatte männliche Körper hervorbringen, und das obwohl ich mir immer dachte, männliche Körper müssten behaart sein. Dies scheint mir fast paradox, wo man sonst doch immer versucht, allem entgegenzuwirken, was einem dem anderen Geschlecht näher bringt. Gesellschaftliche Konventionen sagen mir dabei, was ich zu tun habe. Als Mann schminke ich mich nicht. Als Mann trage ich weder Röcke, noch Schuhe mit Absätzen. Als Mann rieche ich nicht nach Rosen.

Was muss getan werden, damit wir Genderstereotypen ein für alle mal überwinden können?
Man sollte überhaupt damit anfangen, weniger in Stereotypen zu denken. Dagegen kann man natürlich nur vorgehen, indem man wegdenkt von starren Bildern und sein Bewusstsein dahingehend öffnet, als dass man fluide Geschlechter zulässt. Sinnvoll scheint da die Differenzierung von Judith Butler, die ganz klar zwischen biologischen Geschlecht und sozialem, also gelebtem, Geschlecht unterscheidet. Damit zeigt sie auf, dass das Gender-Problem schon vor der Geburt eines Menschen beginnt.

Was bedeutet Nacktheit für dich?
Nacktheit bringt mir meinen eigenen Körper in gewisser Weise näher. Man ist bei sich selbst und macht sich seine Körperlichkeit damit erfahrbarer. Nacktheit ist auch immer mit Intimität verbunden, was nicht automatisch mit Erotik und Sex zu tun haben muss. Nacktheit hat sehr viel mit Ehrlichkeit zu tun—man öffnet sich und gibt sich preis. Dadurch macht man sich allerdings auch verletzbar.

Was siehst du, wenn du dich nackt in den Spiegel schaust?
Im Grunde sollte einem nichts vertrauter als der eigene Körper sein. Aber dann schaue ich wieder in den Spiegel und habe Schwierigkeiten, etwas Vertrautes zu sehen.  

martinvalentinfuchs.com

Linus Muellerschoen, 28

Was bedeutet Männlichkeit für dich?
Diese Archetypen des Mannes endlich mal loszulassen. Es ist wahrscheinlich eine veraltete Sichtweise auf das Leben und das Handeln, mit der man immer wieder konfrontiert wird und der man immer wieder entgegenwirken muss. Für mich bedeutet das, Mut zu haben, Schwäche zu zeigen, Emotionen zuzulassen und zu teilen, dem Stolz auch mal seine Grenzen zu setzen und sich immer trauen, seine Sichtweisen zu ändern und seine Fehler einzusehen.

Wie weiblich ist Männlichkeit? Wie männlich Weiblichkeit?
Jeder Mensch besteht aus Eigenschaften, die wir als weiblich oder männlich definieren. Ich finde es sinnlos, diese mit Geschlecht zu verbinden. Wir teilen sie uns doch alle mal mehr oder mal weniger ausgeprägt, meist wegen unserer Erziehung und sozialen Normen. Sobald wir aufhören, uns einzubilden, dass es zum Beispiel nicht männlich ist, Schwäche zu zeigen, werden wir einen großen Schritt Richtung Gleichberechtigung machen.

Wie stehst du zur ganzen Female-Gaze vs. Male-Gaze-Debatte?
Männer haben sich sehr lange an ihre Führungsposition und an der alleinigen Herrschaft in Sachen Intellektualität, Kreativität und Kommerz geklammert. Das sich das endlich dem Ende neigt, ist eine sehr schöne Entwicklung. Und doch glaube ich daran, dass wir irgendwann merken werden, dass es keine wirklichen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Sichtweisen gibt, wenn wir diese Diskussion bis zum Ende ausspielen. Es kommt viel mehr auf den persönlichen Lebenslauf an, wie und was man erschafft.

Wie würdest du das vorherrschende männliche Schönheitsideal beschreiben?
Ich bin nach Berlin gekommen, um dem Mainstream-Mann zu entfliehen, der nur so vor Selbstvertrauen strotzt, unantastbar in Sachen Sport und Spiel und von seinem Alpha-Status überzeugt ist.

Was muss getan werden, damit wir Genderstereotypen ein für alle mal überwinden können?
Ich glaube es ist wichtig, dass wir offen bleiben für die Realitäten der anderen. Dass wir stets gegen unsere eigenen Vorurteile ankämpfen und uns trauen, ein wenig mit uns selbst zu experimentieren. Ich glaube, dass viele große Angst davor haben, die eigenen Vorstellungen ihres Geschlechts und ihrer Sexualität an die Grenze zu treiben. Anders zu sein und genau die Dinge zu tun, die man oft aus Verurteilungsangst sein lässt. Ich glaube fest daran, dass man das Andere erst akzeptieren kann, wenn man anfängt zu lernen, sich selbst zu akzeptieren—Ein Prozess, der ein Leben lang andauern kann.

Was bedeutet Nacktheit für dich?
Freiheit, Rebellion, Gemütlichkeit, Intimität, Ehrlichkeit. Ich habe nicht den Drang dazu, mich nackt vor fremden Menschen zu zeigen, aber mit engen Freunden oder Liebhabern ist es immer ein Zeichen des Vertrauens. Sowohl, dass man sich wohl fühlt, als auch, dass man mal auf seine Unzufriedenheit scheißen kann, um die Aufregung der fehlenden Verschleierung zu genießen. Nackt sind wir alle gleich: Frei von Mode, Einkommen oder Status. Diesen Zustand erleben wir viel zu selten.

Was siehst du, wenn du dich nackt in dem Spiegel anschaust?
Eine Mischung aus Glück, Stolz, Unzufriedenheit, Verzweiflung und Verbesserung. 

@lmnk44

Alexandre Haefeli

Was bedeutet Männlichkeit für dich? Gibt es so etwas überhaupt?
Männlichkeit ist ein selbstreferentielles Konzept, das sich ständig ändert und neu definiert, je nach Ort, Kultur, Kontext und Zeit. Das macht es gerade so schwer, den Begriff klar zu definieren. Außerdem ist die Idee einer einzigen, kodifizierten Männlichkeit, wie sie in den meisten Darstellungen präsent ist und uns umgibt, problematisch für mich, weil sie nicht repräsentativ ist, aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten, Männlichkeit auszuleben. Jeder Mann sollte die Freiheit haben, seine eigene Männlichkeit individuell zu definieren. Und immer mehr tun dies auch.

Wie weiblich ist Männlichkeit? Wie männlich ist Weiblichkeit?
Wenn es nach den tradierten Geschlechterklischees geht, dann sollten Männer stark, selbstbewusst und dickhäutig sein. Frauen dagegen sollen verständnisvoll, zart und anmutig sein. Für mich steckt in Wahrheit Stärke in Verletzlichkeit und Macht in Zärtlichkeit und Schönheit. Ich fotografiere Männer, aber Weiblichkeit ist auch ein Teil ihrer Darstellung. Die Körper erscheinen männlich, aber dadurch, dass ich auch mit sogenannten weiblichen Eigenschaften wie Posen, die aus der weiblichen Aktfotografie stammen, arbeite, entstehen sensible Porträts, die eine vorgenormte Form von Erotik überwinden. Ob sie nun für sich selbst stehen oder für ein Gefühl stehen, männliche Körper stehen dem voyeuristischen und verliebten Blick des Betrachters offen. Diese Körper werden das Ziel von Begierde.

Wie stehst du zur ganzen Female-Gaze vs. Male-Gaze-Debatte. Warum ist es wichtig, darüber zu reden oder eben nicht?
Ich finde, dass es sogar sehr wichtig ist, darüber zu reden und die Vielfalt männlicher und weiblicher Darstellungen sichtbarer zu machen. Obwohl ich zugeben muss, dass diese Debatte dabei hilft, eine vorherrschende Definition zu überwinden, bin ich kein großer Fan dieser Kategorieren, die einen Gegensatz aufrechterhalten. Bei den beiden Kategorien, die so sehr einem Geschlecht und mit einer Sexualität verbunden werden, verschwimmen heute mehr denn je die Grenzen.

Wie würdest du das vorherrschende männliche Schönheitsideal beschreiben?
Ein junger, weißer, muskulöser, schlanker und für gewöhnlich glattrasierter Körper in einer aktiven, dominanten Position der Stärke. Ich bin persönlich sehr fasziniert von der Idealvorstellung eines jungen Adonis, der einige dieser Eigenschaften in sich vereint. Dieser Idealmann stammt aus der Antike, fand dann seinen Eingang in der schwulen Ikonografie und steht für die Fantasie ewiger Unschuld und Reinheit, die immer in Gefahr ist.

Was muss getan werden, damit wir Geschlechterklischees ein für alle mal überwinden können?
In der Fotografie muss es mehr vielfältige Ansätze und unterschiedliche Repräsentationen davon geben, wie Gender dargestellt wird. Es sollte auch nicht nur darum gehen, diese Stereotypen zu überwinden, sondern generell die Frage zu stellen, was ist männlich und ist weiblich. Stereotype per se sind nicht immer schlecht, denn sie können auch Teil von Identitäten sein. Es geht um die Art und Weise, wie wir über Stereotype denken und reagieren, und eben nicht darum, alle weiblichen und männlichen Eigenschaften einzuebnen. Jeder sollte die Freiheit haben, so zu leben, wie sie oder er es möchte, ohne Angst davor haben zu müssen, in eine Schublade gesteckt zu werden. 

Was bedeutet Nacktheit für dich?
Ich mag es, mit der Idee von Nacktsein zu spielen. Ich spiele damit,  was angedeutet und was tatsächlich preisgegeben wird. Erotik ist doch gerade das Spiel mit dem Nacktsein und der Vorstellungskraft. Oft es ist doch erregender, nicht alles sofort zu sehen, weil es die Fantasie fordert und die Begierde fördert. Die Körper, die ich fotografiere, erscheinen oft unpersönlich oder objektiviert. Die nackte Haut wird so zur Projektionsfläche und zum Ziel der Begierde des Betrachters. Für ein Foto habe ich Auszüge aus dem Film Pink Narcissus von James Bidgood auf die Haut des Models projiziert, eine Metapher für unser Verlangen und unsere Vorstellung.

Was siehst du, wenn du nackt in den Spiegel schaust?
Unvollkommenheit.

alexandrehaefeli.ch

Alexandre hat bald eine Ausstellung in Berlin. Vom 30. September bis zum 30. Oktober kannst du The Company of Men in der Nollendorfstrasse 11 sehen. 

Daniel Fuchs, 26

Was bedeutet Männlichkeit für dich? Gibt es so etwas überhaupt?
Muss man heutzutage Männlichkeit definieren können? Sicher gibt es Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Dinge, die wir von klein auf lernen und in unserer Kultur bzw. Gesellschaft eher Männern zugeschrieben werden als Frauen. Aber sind das letzen Endes nicht einfach nur Stereotype und Klischees? Für mich gibt es weder eine Männlichkeit, noch eine Weiblichkeit, sondern ein menschliches Sein.

Wie weiblich ist Männlichkeit? Wie männlich Weiblichkeit?
Eigenschaften haben meiner Meinung nach kein Geschlecht und müssen diesem auch nicht zugeordnet werden. Eigenschaften sind menschlich, weil jeder alles sein kann und darf. Dadurch entsteht Vielfalt und diese ist wunderschön.

Wie würdest du das vorherrschende männliche Schönheitsideal beschreiben?
Ich glaube nicht, dass es heute noch einen gängigen männlichen Schönheitsstandard gibt, zumindest nicht für mich. Es gibt wohl eher viele unterschiedliche, die davon geprägt sind, in welcher Subkultur wir uns bewegen, wo wir leben und was wir persönlich als schön definieren. Heutzutage gibt es viel mehr Raum für unterschiedliche Ansichten von Schönheit.

Was muss getan werden, damit wir Genderstereotypen ein für alle mal überwinden können?
Indem wir beginnen, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Stereotypen vertreten oft einen festgefahrenen Standpunkt. Sobald wir unsere Perspektive aber ändern, ergibt sich eine neuer Blickwinkel, der dabei helfen kann, bekannte Muster und Denkweisen zu hinterfragen und letzten Endes auch zu ändern. Das ist etwas, dass jeder von uns kann, dafür müssen wir nur neugierig durch die Welt gehen und keine Angst vor Unvertrautem haben.

Was bedeutet Nacktheit für dich?
Frei zu sein von Ängsten.

Was siehst du, wenn du nackt in den Spiegel schaust?
Mich selbst und ich mag was ich sehe, das war nicht immer so. Meine Selbstportraits haben mir dabei geholfen. 

@fuuukas

Credits


Interviews: Juule Kay