john waters über die bedeutung von geschmacklosigkeit für die gesellschaft

"Mein ganzes Leben ist eine Triggerwarnung."

von Colin Crummy
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15 Februar 2017, 8:20am

Photography Alasdair McLellan

John Waters musste einfach den Kultfilm Multiple Maniacs drehen. Angewidert von der Peace-and-Love-Stimmung und dem Woodstock-Vibe Ende der 60er wollte der amerikanische Regisseur eine Gräueltat auf Zelluloid begehen. Entstanden ist ein Film voller religiöser Blasphemie, cartoonhafter Gewalt und Divine, die von einem riesigen Hummer vergewaltigt wird. Die Dragqueen war Waters langjährige Muse und spielte die Hauptrolle in so vielen seiner Filme. Sein zweiter Film nach Pink Flamingos hat bei anderen seine Wirkung nicht verfehlt. Für die Zensurbehörden in Amerika war er reif für die Tonne, die kanadischen Behörden hielten es sogar für angebracht, eine Kopie des Films zu zerstören.

Für Waters war das seine besten Kritiken aller Zeiten. Multiple Maniacs brachte dem Regisseur aus Boston seinen Ruf als Meister des Bad Taste Cinemas ein. Über den Film haben das konservative Amerika und die Hippies gleichermaßen die Nase gerümpft. Seinen Durchbruch im Mainstream erlebte Waters mit dem Musicalfilm Hair, lange nach seinen berühmt-berüchtigten cineastischen Werke wie Female Trouble. Die „vulgäre Aneinanderreihung von Perversionen", wie Multiple Maniacs genannt wurde, wurde in den Giftschrank gepackt, wo er bis jetzt sein Dasein fristete. John Waters hat uns im Interview mehr über die Dreharbeiten zu dem angeblichen Skandalfilm verraten und uns erklärt, was er von Triggerwarnungen an Universitäten hält.

Woran erinnern Sie sich besonders gerne bei dem Dreh für Multiple Maniacs?
Ich habe die „vulgäre Aneinanderreihung von Perversionen" im Vorgarten meiner Eltern gedreht. Wenn der Hummer das Haus verlässt, sieht man es im Hintergrund. Die Szene, in der Divine einen weißen Badeanzug trägt und in die Fenster des Nachbarhauses schaut, ist einfach das Haus unserer wirklichen Nachbarn gewesen. Wir haben die damals nicht mal gefragt. Die werden einfach gefrühstückt haben.

Sie haben für den Film krasse Szenen gedreht, wie die im Ihrem Elternhaus oder in der katholischen Kirche. Wie haben Sie das durchbekommen?
Manchmal sind wir damit davongekommen. Für Mondo Trasho wurden wir verhaftet und für Unsittlichkeit verurteilt. Für Pink Flamingos musste ich vor Gericht erscheinen und 5000 Dollar Strafe wegen Obszönität bezahlen. Ich bin also nicht immer davongekommen. Ich habe dem Priester der Kirche vorher nichts gesagt. Der hat erst beim Screening von Multiple Maniacs herausgefunden, dass wir in seiner Kirche eine Szene mit Divine, einem Rosenkranz und Sex drehen würden.

Der Film ist als Reaktion auf die damals vorherrschenden Hippie-Regeln entstanden. Sie haben sich auf ähnliche Weise auch dem Thema Political Correctness gewidmet.
Ja, auch wenn ich glaube, dass ich politisch korrekt bin.

Was meinen Sie damit?
Die Botschaft ist doch die gleiche: Ich bewerte etwas erst, wenn ich die ganze Geschichte kenne. Ich bin eben kein Separatist und höre mir die Meinungen anderer an, auch wenn ich sie nicht glaubt. Wenn man die Ansichten anderer Leute nicht teilt, dann muss man sie eben zum Lachen bringen. Das ist der erste Schritt, damit sie sich ändern. Ich glaube immer noch, dass das politisch korrekt ist.

Gibt es heutzutage bei dem US-Präsident überhaupt den Platz für diese Nuanciertheit?
Ich mache es bereits seit 50 Jahren. Trump ist natürlich ein einfaches Ziel. Man kann eine Parodie nur schwer parodieren. Aber ich freue mich auf die neue Art von Aktivismus und ich hoffe, dass er auch um sich greift. Ich hoffe, dass sich die Studenten von ihren Büchern lösen, aufhören zu studieren, auf die Straßen gehen und etwas verändern.

Würde Multiple Maniacs heute mit sogenannten Triggerwarnungen gezeigt werden?
Ich würde die dem Film nicht verpassen. Mein ganzes Leben ist eine Triggerwarnung. Ich war verblüfft, als ich das erste Mal vom Konzept Triggerwarnung gehört habe. Ich habe das für einen Witz gehalten. Da meinen Leuten aber allen Ernstes, dass Studenten davor gewarnt werden müssten, dass ihr Weltbild infrage gestellt wird? Ich dachte immer, dass man genau deshalb auf die Uni geht.

Was halten Sie von safe spaces?
Ich bin der Meinung, dass es so etwas gar nicht geben sollte. Kein Mensch sollte sich so fühlen müssen, dass er einen safe space braucht. Wenn doch, dann sind sie an der Uni falsch. Dann sollten sie zu Hause in ihrer Wohnung bleiben.

Was verwirrt Sie an der Gegenwart?
Manchmal den fehlenden Willen, sich mit kontroversen Dingen zu beschäftigen. Ich verstehe immer noch nicht, warum junge Menschen lieber in ein Multiplexkino gehen als in ein altes Theater, das renoviert wurde. Ich verstehe auch die Sitzordnung in Stadien nicht.

Was mögen Sie an moderner Kultur?
Ich respektiere junge Menschen, die wissen, wie sie das bekommen, was sie wollen. Die gehen einfach rein und haben keine Angst vor Abweisung. Das sind die, die immer hervorstechen werden. Ich werde oft von jungen Leuten gefragt, wie sie Filme realisieren können. Ich sage denen immer: ‚Wenn ihr mich fragen müsst, dann werdet ihr nie Filme machen'. Man muss sich selbst zutrauen, dass man es klappen wird und sich dann einen Weg überlegen, das auch umzusetzen. Das ist wie Trampen. Es fahren Hundert Autos an einem vorbei, aber man braucht nur eins, das einen dahin mitnimmt, wo man hinmöchte. Man braucht nur eine Person, die einem Geld gibt. Man braucht nur zwei Leute, die den Film mögen. Das ist nur eine mehr als man selbst.

Credits


Text: Colin Crummy
Fotos: Courtesy of John Waters

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