im gespräch mit demna gvasalia

Demna Gvasalia bringt frischen Wind in die heiligen Hallen von Balenciaga. Wir haben mit dem neuen Creative Director über seine Kindheit in der Sowjetunion, seine Einstellung zu Sexualität und über seine Anfänge bei Balenciaga gesprochen.

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Nov. 1 2016, 9:05am

Eine dunkle Winternacht in einer Pariser Kirche und Designer Demna Gvasalia lässt Weihrauch verbrennen: Ein Beobachter fragt in die Runde: „Ist das ein Vetements-Ritual?"- die kollektive Antwortet lautet: „Ja, das macht Demna vor jeder Show". Auch wenn er wie aus dem Nichts zu kommen schien und viele ihn noch nicht kennen: Demna macht das normalerweise nicht vor jeder Show. Aber in dieser Saison waren seine christlich-orthodoxen Wurzeln sichtbar. Die New Yorker Künstlerin Eliza Douglas beendete die Vetements-Show mit einer Art Wiedergeburt: Der Look, mit dem sie die Kirche verlassen hat, bestand aus einem Anorak aus den 90ern, einem Rollkragenpullover, einem bodenlangen Goth-Rock und Doc Martens. Vier Tage später, in einer weißen Box mit gepolsterten Wänden—halb Himmel, halb Psychoanstalt—eröffnete die Künstlerin Demnas erste Fashionshow für Balenciaga und dieses Mal trug sie einen akkurat symmetrischen Look, natürlich mit sehr breiten Schultern. Eine Wandlung, die auch exemplarisch für Demnas wöchentliches Pendeln aus dem coolen Vetements-Studio im Pariser Multikulti-Viertel im 10. Arrondissement zu den schicken Balenciaga-Ateliers im eher bürgerlicheren 6. Arrondissement stehen könnte. „Ich habe Angst davor, eine multiple Persönlichkeitsstörung zu entwickeln, das Jekyll-und-Hyde-Syndrom", erklärt er mir. Kirchen und Sanatorien ziehen ein ganz ähnliches für ganz ähnliche Zwecke an. „Ich wollte dieser etwas schmuddeligen Zeugen-Jehovahs-Frau einen Power-Look verpassen", erklärt er backstage bei Balenciaga.

Wir stellen dir hier das Vetements-Team hinter Demna Gvasalia vor. 

Nachdem er im Oktober letzten Jahres zum Creative Director von Balenciaga berufen wurde, hat er viel Zeit in den Archiven verbracht—ein sagenhafter Aufstieg für den Designer, der bei Maison Martin Margiela und Louis Vuitton als ein gesichtsloses Teammitglied angefangen hat, bevor er 2014 Vetements gegründet hat. Er hat sich durch die ganze Geschichte des traditionsreichen Modehauses gearbeitet: der damenhafte Modernismus eines Alexander Wang (2012 - 2015), der architektonische Futurismus eines Nicholas Ghesquière (1997 - 2012), der militante Minimalismus eines Josephus Thimister (1992 - 1997) und der anmutige Purismus eines Michel Goma (1987 - 1992). Beim Erbe von Cristóbal Balenciaga, der das Haus 1919 gegründet hat und es 1968, vier Jahre vor seinem Tod, wieder geschlossen hat, habe er sich besonders angeschaut, wie der spanische Designer mit Frauen gearbeitet hat und wie er sie aus einem 360-Winkel betrachtet habe: „Seitdem war ich nicht mehr in den Archiven. Es ist wichtig, dass man die Vergangenheit kennt, um die Zukunft fühlen zu können. Das verhält sich wie mit dem Autofahren: Man kann nicht in den Rückspiegel schauen, man muss nach vorne schauen." Bei einem Kaffee und unzähligen Zigaretten im Vetements-Showroom im Juli hat er mit mir über seine Lieblingsherausforderung gesprochen: die Kunst des Schneiderns, das bei seinem Balenciaga-Debüt sehr gut sichtbar war: die Schnittführung so präzise wie eine Schweizer Taschenuhr; jede Kurve so perfekt wie ein Puzzlestück geschnitten.

Hier geht's zur Modestrecke aus unserer The Game-Changinge Issue.

„Ich glaube, die meisten wissen nicht, was alles hinter einer maßgeschneiderten Jacke steckt, warum es den Schnitt so gibt. Weil es die Schulter runder macht. Schneidern ist der schwierigste Prozess von allem. Es ist viel härter, als Stoff um einen Körper zu drapieren und daraus ein schönes Abendkleid zu produzieren." Als sein 30-jähriger Bruder Guram Gvasalia, der CEO von Vetements, im Mai in London war, sagte er mir, dass der fünf Jahre jüngere Demna schon immer eine Art Wunderkind gewesen sei: „Das Zeugnis von Demna bestand immer aus Einsen, jedes Jahr. Sogar in Mathe, was ich ein bisschen verrückt finde", sagte er lachend. „Er war ein sehr guter Student in Antwerpen", wo Demna Modedesign studiert hat. „Der Beste in seiner Klasse." Trotz der eher ungewöhnlichen Kindheit scheint das Brüdergespann den Erfolg gepachtet zu haben. In nur zwei Jahren haben sie ein millionenschweres Business aufgebaut und dieser Erfolg hat den Weg für Demnas Berufung zum Creative Director bereitet. „Demna hat früher Papierpuppen und Kleidung für sie gezeichnet", erinnert sich Guram. „Wir haben Konzerte für all unseren Verwandte und Freunde organisiert. Demna hat die Kostüme entworfen und ich habe die Tickets verkauft."

War es Schicksal? „Ich bin eine sehr spirituelle Person", sagt mir Demna, der unter einem Regime aufgewachsen ist, das daran glaubte, dass die Religion Opium fürs Volk sei. Geprägt hat ihn seine turbulente Kindheit in der vom Bürgerkrieg zerrütteten georgischen Region Abchasien, wo er 1981 geboren wurde und aus dem er mit seiner Familie 1993 geflohen ist. „Das war krasser Scheiß. Vor meinen Augen wurden Leute erschossen. Es war Krieg. Jede Nacht haben wir im Keller verbracht, weil über uns die Bomben abgeschossen wurden", sagt er mir im April. Seine Kindheit hat er unter der Zensur hinter dem Eisernen Vorhang verbracht, bis zum Fall der Mauer 1989, als seine Sinne überflutet wurden: „Plötzlich gab es Bananen und Coca-Cola. Plötzlich kam man an Musik ran. Es war ein Kulturschock. Wir haben nicht viel gewusst. Mein erstes Modemagazin—das muss die deutsche oder die italienische Vogue gewesen sein—habe ich mir 1990 gekauft. Ich erinnere mich noch an das rote Valentino-Kleid. Ich war überwältigt. Und dennoch hat seine Herkunft seine Ästhetik, seine Kreativität und seine Spiritualität geprägt. „Unsere Persönlichkeit formt sich in der Jugend, was sich erst Jahre später zeigt. Diese Zeit bestimmt unsere Gedanken und die Art und Weise, wie wir Dinge sehen."

Demnas einzigartige Sichtweise auf Sex, geprägt durch seine Kindheit in der Sowjetunion, in der darüber nicht gesprochen wurde, sorgt für diesen individuellen Sexy-Twist, den Demna bei Balenciaga eingeführt hat. „Sexualität ist etwas, das ich oft hinterfrage. Ich habe schon mehrere Phasen durchlebt. Da ist es für mich nur natürlich, dass sich das auch in meinen Entwürfen widerspiegelt." Für Demna, dessen Freund den Look 20 in Balenciaga-Menswear-Show für die Frühjahr-/Sommerkollektion 2017 gelaufen ist, steht hinter dem Begriff sexy auf der einen Seite eine gewisse Zurückhaltung und auf der anderen Seite verfügt der Begriff eben auch über eine große Fetischqualität. In den Balenciaga-Damenkollektionen übersetzt heißt das: das Dekolleté ist zwar nicht direkt zu sehen, aber kleine Öffnungen oder die Knopfleiste deuten etwas an oder gewähren einen Einblick. Seine Pieces mit floralen Prints wurden von den fast hüfthohen Overknee-Stiefeln aufgesext. Im Zeitalter von Social Media, in dem junge Labels wie Vetements und Gosha Rubchinskiy durch ihre Heerscharen von jugendlichen Fans, die Yeezy und Off-White lieben, schnell in den Kultstatus erhoben werden, sorgt Demnas steiler Aufstieg in die High Fashion für ein Erdbeben im Establishment.

Man muss sich das nur von einem Pariser Designer mit 20 Jahren Erfahrung im Business sagen lassen: Rick Owens. „Ich liebe es, weil es wieder für Verdorbenheit steht—und ich habe das vermisst. Ich bin ein großer Fan von Verdorbenheit. Wir hatten eine Saison, die für uns alle sehr aufregend war. Die alte Garde war weg und ich hatte das Gefühl, dass eine Revolution im Gange ist. Die ist nicht eingetreten. Aber dann kam Demnas Balenciaga und es hat sich gut angefühlt. Ich hatte das Gefühl: Das ist das neue Ding, worauf ich gewartet habe. Das war eine Erleichterung", so der Designer. 

Hier findest du alles aus unserer The Game-Changing Issue.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Foto: Suffo Moncloa