im gespräch mit dem transmediale-kurator kristoffer gansing

Jungenhaft und leise ist der 39-jährige gebürtige Schwede, der seit 2012 als künstlerischer Leiter des transmediale-Festivals für Neue Medien arbeitet. Freunde von Freunden haben ihn zum Interview getroffen.

von i-D Staff
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28 Januar 2016, 5:10pm

Kristoffer Gansing macht keinen besonders ängstlichen oder angespannten Eindruck. Jungenhaft und leise ist der 39-jährige gebürtige Schwede, der seit 2012 als künstlerischer Leiter des transmediale-Festivals für Neue Medien arbeitet. Dennoch: Das vergangene Jahr über war es die nervöse Energie des digitalen Zeitalters, die ihm schlaflose Nächte bereitet hat. Die transmediale 2016, die am 3. Februar im Haus der Kulturen der Welt eröffnet, trägt den Titel „Konversationsstück"und hat die sich rapide ausbreitende Welt der Neuen Medien zum Thema, in der wir oft zwischen Aktivität und Passivität hin- und herschwanken.

Die digitale Welt war bislang traditionell der Schwerpunkt der transmediale, doch Kristoffer möchte sich nicht davon einschränken lassen: „Wie veranstaltet man ein digitales Festival, wenn fast jede Institution von der Digitalisierung betroffen ist?", fragt er. Die letztjährige Ausgabe der transmediale mit dem Titel „Capture All"(„Erfasse alles") betrachtete einige der vielen Manifestationen des Internets in der realen Welt: Infrastrukturen wie Unterseekabel und Serverräume, aber auch Geopolitik, Logistik, wirtschaftliche Freihandelszonen und Arbeitsmarktstrukturen. „Man muss sich diese ganzen Zusammenhänge anschauen ohne einfach nur zu sagen ,Ja, das Internet hat auch eine materielle Seite.'Denn was genau bedeutet das? Es bedeutet, dass Ressourcen an verschiedenen Orten der Welt gewonnen werden -und das unter sehr schlechten Bedingungen.

Das Festival erforschte die unscharfe Grenze zwischen digitalen und physischen Räumen und befasste sich außerdem damit, dass Berufs- und Privatleben zunehmend verschwimmen. Die daraus entstehenden Spannungen kennt Kristoffer aus eigener Erfahrung, da er versucht, seine Arbeit für die transmediale mit anderen kuratorischen Projekten, sowie dem Schreiben von Texten und einer jungen Familie in Berlin im Gleichgewicht zu halten. Kurz nachdem er die Arbeit am 2015er-Festival abgeschlossen hat, sprachen Freunde von Freunden mit ihm in einem Caféunterhalb des transmediale-Büros über die Ängste des Spätkapitalismus, den andauernden Nachhall der Snowden-Enthüllungen und das, was Kristoffer schlaflose Nächte bereitet.

Du bist in Karlstadt aufgewachsen, einer kleinen Stadt im schwedischen Wald. Was sind deine ersten Erinnerungen an Technologie an diesem Ort?
Meine ersten richtigen Erfahrungen mit Technologie stammen eigentlich aus einer benachbarten Stadt, Åmål, die durch den Film Raus aus Åmål berühmt wurde. Mein Großvater arbeitete dort in einem Finanzamt. Ich war als Kind öfter da, manchmal bin ich mit ihm zur Arbeit gegangen. Das war Anfang der 80er Jahre. Ich war fünf oder sechs Jahre alt. Während mein Großvater Besprechungen hatte, ließen mich die Sekretärinnen an diese IBM-Terminals, in die man eine blaue oder eine rote Plastikkarte stecken konnte. Sie sagten zu mir: „Die rote Karte darfst du nicht benutzen, aber wenn du die blaue Karte reinschiebst, darfst du an diesen Computern herumspielen."Ich meinte: „Ok, super"und ich machte Bilder, die nur aus Buchstaben bestanden -ASCII-Grafiken. Sie druckten sie dann auf einem Nadeldrucker für mich aus.

Anstelle von Bildern mit Ponys und Bäumen, die du gezeichnet hast, hatten deine Eltern also ASCII-Grafiken an der Wand.
Ich habe die noch. In Schweden gab es Ende der 90er Jahre einen Ort namens Hyper Island -ein Gefängnis, das in eine IT-Hochschule verwandelt wurde. Ich habe mich dort mit einigen dieser Bilder beworben. Ich wurde angenommen, aber glücklicherweise habe ich mich gegen diese Karriere entschieden -du weißt schon, als Webentwickler oder Grafikdesigner.

Wie bist du bei der transmediale gelandet?
Naja, es ist nicht so, dass ich meine ganze Kindheit weiter mit Computerkunst verbracht habe. Man spricht heute von Digital Natives, also Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind -aber auch davor gab es schon eine Generation, die Videospiele gespielt und Heimcomputer benutzt hat. Ich denke, dass ich zu dieser Generation gehöre, und deswegen interessiere ich mich für digitale Medienkultur. Zur Jahrhundertwende gab es in Malmöin Südschweden ein Festival namens Electrohype. Es war eine der ersten Biennalen für computerbasierte Kunst. Meine Freundin, mit der ich immer noch zusammen bin, war daran beteiligt. Sie ist Künstlerin. Durch sie entwickelte sich mein Interesse an der Netzkunst-Bewegung.

Davor interessierte ich mich für Experimental- und Underground-Filme. Als ich Film studiert habe, hatte ich Dozenten, die vom San Francisco Art Institute kamen. Sie hatten das amerikanische Undergroundkino im Blut. Für mich gab es dabei eine direkte Verbindung zur experimentellen neuen Medien- und Netzkultur der späten 90er Jahre.

2005 organisierten meine Freundin Linda und ich ein Festival namens „The Art of the Overhead". Es war ein kleines „medienarchäologisches"Festival zu Ehren des Overhead-Projektors, dem analogen Gerät. Das Festival war aber keine Retro-Veranstaltung. Es handelte sich eher um eine Auseinandersetzung mit der damaligen Medienkultur, in der es bereits einen großen Hype um Digitales und Interaktivität gab. Der Overhead-Projektor konnte all das. Man konnte an ihm als physischem Objekt arbeiten, mit Manipulationen in Echtzeit. Zugleich ist er aber wahrscheinlich das langweiligste Medium, das je erfunden wurde. Er steht einfach nur hinten im Klassenzimmer herum -niemand hat je seine Geschichte rekonstruiert. Er fand aber auch in den 1960ern in psychedelischen Lichtshows Gebrauch und gehörte fest zu dieser Kultur dazu. Das Festival erreichte Kultstatus in Deutschland und es gab eine starke Resonanz von deutschen Künstlern. Das war für mich der Einstieg in das deutsche Netzwerk für Medienkunst.

In einem anderen Interview sagtest du, dass es bei der transmediale nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart geht. Wie bildet sie die postdigitale Kultur im Jahr 2016 ab?
Die transmediale befasst sich mit dem Einfluss von Technologie auf die Gesellschaft, der ja durchaus ambivalent ist. Deswegen sage ich, dass es nicht um die Zukunft geht, denn meistens, wenn etwas „futuristisch"ist, versucht es, die Zukunft vorherzusehen, entweder als Techno-Utopie oder als Dystopie. Das finde ich irgendwie reduktionistisch. Die transmediale bemüht sich, in der gegenwärtigen Welt zu bleiben, sich auf die drängenden Themen zu beziehen und auch eine historische Perspektive einzunehmen. Das heißt nicht, dass sie nicht auch Bezug auf die Zukunft nehmen sollte. Es geht darum, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Zukunft aussehen kann. Beim „Konversationsstück"beschäftigen wir uns mit den Ängsten, die unsere Beziehung zur Technologie prägen. Aber auch damit, wie gewisse technologische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Agenden unser Verhalten im Alltag mitgestalten.

Wir haben vier Stränge, die als Gesprächsstoff dienen sollen: "Anxious to Act", "Anxious to Make", "Anxious to Share"und "Anxious to Secure". Diese Wörter -handeln, schaffen, teilen, sichern -sind geradezu Klischees postdigitaler Kultur. „Handeln"bedeutet für mich Medienaktivismus. Es fragt: Wie können wir den Medienaktivismus neu denken, wenn heutzutage alles total medialisiert ist? Ist diese Kategorie überhaupt noch sinnvoll?

Beim „Schaffen"geht es um die "Macher-Kultur". In Deutschland gibt es eine neue, fast ganzheitliche Struktur, die sich von der Regierungspolitik bis hin zu Fab Labs zieht, in denen Leute ihre eigenen 3D-Druck-Werkstätten einrichten. Es ist die Vision der Industrie 4.0. Sie findet sich in den Förderungsstrukturen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, und in all diesen politischen Ambitionen wie: „Wie können wir die große deutsche Industrie zu einer modulareren, individuell anpassbaren Struktur machen, mit einer direkten Kette vom Verbraucher zur Massenproduktion?". Es ist unklar, wie genau das funktionieren wird, aber es geht im Grunde genommen darum, wie die Digitalisierung industrielle Herstellungsprozesse modularer und anpassbarer macht. Das Ganze ist auch sehr datengetrieben. Und dann gibt es natürlich auch noch so etwas wie den Volkswagen-Skandal. Dadurch ergibt sich ein interessanter Clash -welche neuen Probleme gehen damit einher? Es nennt sich "Industrie 4.0", als ob eine vierte industrielle Revolution im Gange ist.

Angesichts der Themen des Festivals frage ich mich, wovor du selbst Angst hast.
Ich habe Angst vor all den Dingen, vor denen die Leute in der transmediale Angst haben. Ich projiziere zu viele meiner eigenen Sorgen auf diese Themen. 2015 hatten wir einen Schwerpunkt auf das Thema „Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben". Wir gingen das weniger direkt an und fragten nicht: „Wie schaffst Du ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben?", sondern eher weitsichtig, indem wir beispielsweise die Gamifizierung der Arbeit thematisierten. Das macht mir in meinem eigenen Leben zu schaffen.

Ich habe Angst vor einer kontinuierlichen Entwicklung hin zu mehr Innovation, und ich meine „Innovation"im instrumentalisierten, quantifizierten Sinn, was eigentlich gar keine wirkliche Innovation ist. Ich sehe das auch im kulturellen Bereich. Zum Beispiel sollen wir die Ergebnisse und Ziele der Festivals in Zahlen festhalten. Investoren konzentrieren sich immer mehr darauf, und die Kultur scheint sich immer mehr darauf zu konzentrieren, dass Ergebnisse erzielt werden, die messbar und effektiv sind. Die Neoliberalisierung der Kunst- und Kulturszene wirkt sich wirklich ganz konkret darauf aus, auf welche Weise Projekte finanziert und durchgeführt werden. Das macht mir Angst davor, in Zukunft in diesem Bereich zu arbeiten.

Das ganze Interview kannst du bei Freunden von Freunden lesen.

Credits


Bilder und Text via Freunde von Freunden

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