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„unsere heutige gesellschaft ist immer noch transphob“

Am Wochenende hat die Ausstellung der Fotografin Inea Gukema-Augstein in Berlin eröffnet. Wir haben uns ihre Arbeiten genauer angesehen und ihr dazu ein paar Fragen gestellt.

Stefanie Schneider

Ausstellungsansicht Galerie Heit Berlin

In der amerikanischen Serie Transparent dreht sich alles um die Familie Pfefferman: um Familienvater Mort, Exfrau Shelly, drei erwachsene Kinder—und die Tatsache, dass Mort in Zukunft als Maura weiterleben will. Der ehemalige Professor ist Transgender. Als er seiner ältesten Tochter davon erzählt, ringt sie um Fassung: „Dad, soll das heißen, dass du dich in Zukunft immer wie eine Frau kleidest?" „Nein", antwortet Maura, „ich war mein Leben lang gekleidet wie ein Mann. Das bin jetzt ich."

Die Verzweiflung über das falsche Geschlecht, die Qual, wenn der Körper nicht zur Person, zu Seele und Geist passt, kennt auch Maria Sabine Augstein. Die 67-Jährige ist die Tochter des Spiegel-Gründers Rudolf Augsteins, das älteste seiner vier Kinder, von dem die Öffentlichkeit allerdings am wenigsten weiß. Das hat auch seine Gründe. Maria Sabine Augstein wurde als Junge geboren, mit 28 Jahren passte sie ihren Körper ihrem Wesen an und konnte endlich so sein, wie sie ist: Eine, die für sich und andere kämpft. Sie arbeitet heute erfolgreich als Anwältin, spezialisiert auf das Recht für Lesben, Schwule und Transgender. Dabei setzte sie unter anderem in Karlsruhe durch, dass die Mindestaltersgrenze von 25 Jahren für Menschen, die ihren Vornamen und ihre Geschlechtszugehörigkeit ändern wollen, aufgehoben wird. 1992 war sie es, die für das prominente, lesbische Paar Hella von Sinnen und Cornelia Scheel das Aufgebot bestellte, das damals jedoch abgelehnt wurde. Ab 2003 stritt sie für die Anpassung des Geschlechtsvermerks in Pässen, der Bundestag diskutierte, drei Jahre später war sie am Ziel.

Ihr Kampf gegen die Diskriminierung von geschlechtlichen Minderheiten, der im letzten Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, ist vermutlich deswegen so überzeugend, weil es auch ihr eigener ist. Sie wurde nicht nur als Mädchen im Körper eines Jungen geboren, sondern auch als Frau, die auf Frauen steht. Damit gehört sie gleich zwei Minderheiten an, für die sie sich selbstverständlich nicht geschämt hat, sondern zu denen sie sich sehr früh sehr selbstbewusst bekannte. In den 80ern traf sie die Augsburger Künstlerin Inea Gukema, sie verliebten sich und heirateten im Jahr 2001. Über die Jahre hinweg porträtierte Inea Gukema-Augstein ihre Frau immer und immer wieder, zeigte sie—beinahe streitlustig—mit strengem Blick und Hörnern auf dem Kopf, nach Leben lechzend, mit Sonnenbrille und ausgestreckten Armen im Feld, um dann wiederum derart friedlich auf dem Boden zu liegen, mit geschlossenen Augen und angezogenen Knien. So, als seien jene Momente, in denen sie ganz bei sich ist, der Motor ihrer Stärke.

Die Heit Galerie in Berlin zeigt nun bis zum 1. Mai eine Auswahl der Werke Gukema-Augsteins, die nicht nur auf äußerst sensible Weise eine Person auf dem Weg zu ihrer Identität zeigen, sondern auch das Wesen und die Rolle der Frau im Allgemeinen in Gemälden und Skulpturen durchleuchten. Dafür besuchte Gukema-Augstein historische Orte, folgte den Spuren matriarchalischer Gesellschaften, mixte Privates und Politisches, Steinzeit und Gegenwart, Liebe und Recht.

Wir haben der Künstlerin ein paar Fragen zu ihrer Ausstellung Amazing Steinzeit, ihrer Kunst und ihrem Leben an der Seite Maria Sabine Augsteins gestellt.

Frau Gukema-Augstein, Ihr Werk steht für ...
... 
eine kontinuierliche Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Steinzeit. Ich kam immer wieder—bei der Malerei und auch der Skulptur—auf die Steinzeit zurück, auch wenn ich oft dachte, das Thema hätte ich längst abgeschlossen. Mich interessieren dabei zum Beispiel die Abstraktion der Zeichen und ihre mögliche Bedeutung.

Seit vielen Jahren reisen Sie mit Ihrer Lebenspartnerin an historische Orte, an solche, in denen Frauen eine zentrale Rolle in Gesellschaft und Religion eingenommen haben. Was haben diese Orte mit Ihnen gemacht?
Sie bestärken mich darin, sich vieles vorzustellen, keine Endgültigkeit von Zuständen anzunehmen. Außerdem sind die Orte meist sehr beruhigend und meditativ.

Was war die beeindruckendste Erfahrung auf diesen Reisen?
Nie vergessen werde ich das Aufeinandertreffen mit einer sehr jungen und schönen Türkin in einem Lokal, als sie meiner Frau eindeutige Avancen machte. Um sie ein wenig zu zügeln, sagten wir ihr, dass meine Frau früher ein Mann war. Doch es kümmerte sie nicht, im Gegenteil, sie meinte, das wäre ihr völlig egal. Seitdem nennen wir die Bluse meiner Frau das „Prinzenhemd".

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Meine Frau habe ich am 30. Juli 1978 eines Abends zufällig bei Freundinnen kennengelernt. Wir hatten sofort Gefallen aneinander gefunden. Meine Frau liebt die Kunst und ich die Juristerei, das passte von Anfang an gut zusammen. Wir beide fanden die Lesbenbewegung zu dogmatisch und untereinander auch wirklich unmenschlich. Und haben dann begonnen, uns viel mit Frauenrollen auseinanderzusetzen. Dabei war die Fotografie sicher ein Weg, um uns besser kennenzulernen.

Ein Bild Ihrer Ausstellung zeigt Ihre Frau mit Hörnern. Müssen Transsexuelle im Jahre 2016 Kämpfer- und Kämpferinnen sein?
Meine Frau sagt heute noch, dass Transsexuelle auch im Jahr 2016 Kämpfer- und Kämpferinnen sein müssen, weil unsere heutige Gesellschaft leider immer noch transphob ist. Es gab allerdings eine Reihe wichtiger Gerichtsentscheidungen für die Rechte homosexueller und transsexueller Menschen—es geht Schritt für Schritt vorwärts.

Wie hat Rudolf Augstein auf die Transsexualität seiner Tochter reagiert?
Er hatte Schwierigkeiten, hat sich aber nach einiger Zeit damit arrangiert.

In Deutschland gibt es laut einer Schätzung rund 6.000 Transsexuelle. 0,005 Prozent aller Menschen, heißt es, empfinden sich im falschen Körper. Was geben Ihre Fotografien diesen Menschen mit auf den Weg?
Meine Fotografien bestärken die Wertschätzung des transsexuellen Lebensweges.

Inea Gukema-Austeins Amazing Steinzeit ist noch bis zum 01. Mai bei Heit Berlin zu sehen. 

gukema-augstein.de

Credits


Text: Stefanie Schneider
Fotos: Inea Gukema-Augstein / Courtesy of Galerie Heit Berlin