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aus dem i-d archiv: ein interview mit ex-sex-pistol john lydon aka johnny rotten aus dem jahr 1986

Wir haben in unserem Archiv gestöbert und präsentieren euch ein Interview mit Johnny Rotten, das im März 1986 in unserer Madness Issue zum ersten Mal erschien.

von i-D Staff; Übersetzt von Michael Sader
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09 Februar 2016, 2:15pm

​Foto: Nick Knight [Aus unserer The Madness Issue, No. 34, März 1986]

Das Cover der Madness Issue aus dem Jahr 1986, in der dieser Artikel erschienen ist.

„Hallo, für wen schreibst du?"

„i-D Magazine."

„Das mag ich. Ich habe immer noch ein paar der ersten Ausgaben."

„Du solltest sie verkaufen und ein bisschen Geld machen."

„Aha! Es scheint so, dass ich jedes Mal, wenn ich nach England komme, reicher werde!"

Das 30-jährige Ex-Mitglied der Sex Pistols, Gründer von PiL und bekennende Biertrinker war vor Kurzem in London für den Prozess Sex Pistols gegen Malcolm McLaren. Die Sex Pistols gewannen. Paul Cook, Steve Jones, Anne Beverly (Sids Mutter) und er selbst verließen den Saal mit jeweils umgerechnet 680.000 Mark, noch mehr Geld für den im Londoner Stadtteil Cockney geborenen Musiker, der auch in der Stadt war, um das neue PiL-Album Album, auch bekannt als Compact Disc, die Single „Rise" daraus und das Bier „Lager" vorzustellen. Aufgenommen hat er es zusammen mit Ryuichi Sakamoto am Keyboard, Shankar an der Geige, Steve Vai an der Gitarre und dem frühere Cream-Mitglied Ginger Baker am Schlagzeug. Produziert hat John Lydon es mit Bill Laswell. Das Album ist manchmal schwer verdauliche Kost—der ganze AOR- und Gitarrensolo-Scheiß eben. Im Großen und Ganzen ist das Album nett anzuhören. Eingängige Textzeilen werden von Lydons cartoonhafter Stimme über einen feinpolierten Soundtrack voller beduselter Schlaginstrumente und kraftvoller Akkorde vorgetragen, der perfekte Soundtrack für den Ramschverkauf am Samstag.

Es ist seine bisher kommerziellste Platte und es ist definitiv Rock 'n' Roll. Er ist auf Werbetour und ist noch immer höhnisch, noch immer so rotzig und beleidigend gegenüber der britischen Musikszene, wie immer. Dem Rotschopf scheint immer noch alles egal zu sein, außer vielleicht seiner blonden, deutschen Ehefrau Nora, mit der er in einem schlossartigen Anwesen in Marina del Ray in Los Angeles wohnt: purer Rock 'n' Roll-Himmel.

Aber er ist weit davon entfernt, den schlecht gelaunten Jungen aus Cockney zu geben. Dieses Mal scheint er weiser geworden zu sein: Er wettert gegen Journalisten, gegen Krieg und gegen geistigen Dünnpfiff, aber er ist pro The Fred, Marc Almond und die Londoner Herrenschneider. Wir haben uns an einem Nachmittag getroffen, nachdem seine Frau ein Glas Wein über seine weiten Hosen gekippt hat. Ein offensichtlich irritierter Lydon war schroff und unterhaltsam zugleich, außerdem will er so ungefähr jeden verklagen.

Bei einem obligatorischen Bier der Red Stripe hat er mir das in den Walkman gesprochen:

Es scheint so, dass du HipHop nicht weiter erkundet hast, als du mit Afrika Bambaataa zusammengearbeitet hast.
Das war eine einmalige Sache mit Bambaataa und hat viel Spaß gemacht, aber ich interessiere mich nicht besonders dafür, HipHop zu machen. Ich mag die Musik und sammle auch Sachen, aber einmal reicht dann auch. Das war meine erste Chance, mit Bill Laswell im Studio zusammenzuarbeiten. Ich möchte mit ihm langfristiger als Produzenten zusammenarbeiten.

Aber HipHop wurde in den Achtzigern wichtiger als Rock 'n' Roll. Wieso hast du nicht weitergemacht?
Es gibt genug Leute da draußen, die das viel besser können als ich. Ich halte mich an das, was ich kann.

Das neue Album hört sich manchmal sehr nach Heavy Metal an, es hört sich sehr amerikanisch an.
Heavy Metal! Da haben wir doch das unbekannte Terrain. Die Gitarre auf der Platte hat viele Leute aufgeregt. Bill Laswell und ich haben uns gegenseitig damit schockiert, wie wir bestimmte Songs arrangiert haben. Ich habe ihm gesagt, dass ich ein Rockalbum machen möchte und darauf habe ich zielstrebig hingearbeitet. Ich hatte praktisch alle Songs schon vorneweg geschrieben, von vielen gab es auch schon fertige Demos. Es ging eher darum, sie richtig in einem Studio zu mixen.

Wie denkst du über Heavy Metal? Was denkst du über Never Mind The Bollocks?
Nach Heavy-Metal-Maßstäben ist es genau das, ein Heavy-Metal-Album. Was ich immer an Heavy Metal gehasst habe, ist der gefühlvolle Text und die dumme Bildwelt, die damit zusammenhängt. Aber es gibt eine Reihe von Alben auf dem Markt, die ziemlich gut sind, aber durch sowas ruiniert werden. Hin und wieder habe ich nichts gegen Journey. Van Halen bringt mich immer zum Lachen, besonders live—die sind einfach klasse live. Die Band ist lustig, nicht im lächerlichen Sinn, sondern auf eine Art und Weise, die Freude macht. Heavy Metal könnte zu einem der Stile werden, mit denen man rechnen muss.

Erinnerst du dich an Terry Jones von i-D? Der hat das Logo für PiL und den ersten Albumschuber entworfen.
Ah, der! Ja, natürlich, er war ziemlich beliebt damals. Was ist seitdem aus ihm geworden? Ist er immer noch beliebt? Das ist doch gut.

Punk wurde in vielerlei Hinsicht zum Ventil für eine Hysterie … eine Art Glaubensrichtung. Glaubst du, dass dein neues Album auch wieder Hysterie auslöst? Möchtest du das?
Ich suche nicht wirklich danach, weil das nicht mehr meine Generation ist. Man muss ehrlich mit sich selbst sein und sich dem stellen. Es gibt eine neue Generation, die ausgehen und das für sich selbst herausfinden muss. Ich mache nach meinen eigenen Standards eine gute Platte. Wenn Leute dann das Album gut finden, ist es doch schön. Aber ich werde garantiert kein Fähnchen schwenken und darauf hoffen, dass sich alle hinter mir versammeln und ich zum Anführer einer neuen Bewegung werde.

Wer glaubst du, sind heute deine Fans?
In Japan werde ich wie ein Gott gefeiert. In Australien mögen mich die gewaltbereiten Schläger und Hooligans. In den USA ist das Publikum einfach generell sehr verrückt. Die Fans sind überall anders. Wie sie in England ist, kann ich nicht sagen. Die Konzerte in Glasgow waren immer richtig gut, und sie werden es auch immer sein. Die Londoner standen mir kritischer gegenüber. Die dachten immer, dass ich sie manipulieren will. Mir wurde das ständig vorgeworfen. Das habe ich nie getan und das tue ich gerade auch nicht.

Möchtest du noch Alben aufnehmen?
Natürlich. Ich mache Alben noch für mich selbst. Mir macht das Spaß, besonders der Part im Studio. Ich brauche das Geld nicht, das ist schon ziemlich offensichtlich, oder? Es gab Zeiten, in denen mich das gelangweilt hat, aber ich bin immer wieder zurückgekehrt.

Hast du deine Schauspielkarriere nach deiner Rolle in Copkiller ad acta gelegt?
Nein. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung, vielen Dank der Nachfrage. Aber die Angebote, die ich seitdem bekommen habe, waren einfach nur widerlich. Sie wollten, dass ich ein Klischee spiele und das bin ich nicht. Ich hätte nichts gegen ein mittelalterliches Kostümdrama, ein echtes, langatmiges Monster oder vielleicht auch einen Renaissance-Charakter. Alle Wissenschaftler aus dieser Zeit sind faszinierend. Aber letztlich wurden alle hingerichtet, das fände ich weniger toll. Und die Öffentlichkeit würde mich dafür hassen, wenn ich so was machen würde. Die Leute wollen mich als König sehen. Offensichtliche Rollen. All die amerikanischen Regisseure machen mich wahnsinnig und ich mag keinen von ihnen. Ich schaue viel Filme von englischen Regisseuren. Aus England kommen ein paar wirklich gute Filme. Dance With A Stranger habe ich gemocht, weil es genauso wie die Zeit aussah, sehr geschmackvoll und wunderschön umgesetzt. Aber ich glaube nicht, dass die schauspielerische Leistung so gut war. Die Amerikaner, trotz all ihrer Dollars, scheinen nicht so authentisch bei ihren Sets sein zu können und sie treffen nie den Punkt. Ich liebe Genauigkeit und Detail.

Wie findest du Absolute Beginners?
Absolute was? [Dann folgt eine kurze Beschreibung des Films, der Charaktere, der Stars, Songs, Probleme]. Seit Julien Temple behauptet hat, dass er „Anarchy in the UK" geschrieben hat, haben wir uns nicht mehr gesehen. 50 Leute nehmen für sich in Anspruch, dass sie den Song geschrieben haben. Und 50 Leute können auch damit rechnen, dass auch sie verklagt werden. Absolute Beginners hört sich nach einem guten Thema an, auch wenn es ein sehr britisches Thema ist.

Was ist mit dem Jazz-Boom, den es in den letzten Jahren gab?
Welcher Jazz-Boom? [Es folgte eine kurze Erklärung über den Electric Ballroom, Paul Murphy, The Wag Club, Working Week, Tommy Chase, Sade und so weiter.] Für mich ist Sade kein Jazz, ihre Musik ist eher MOR. Ich bin überrascht davon, dass sie nicht Amerikanerin ist, denn sie ist der amerikanische Traum.

Wie hat dich die Modeindustrie beeinflusst?
Ich stecke doch gerade in ihr? Ich trage immer noch Anzüge aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mode ist mir nicht wichtig. Mir macht es nichts aus, wenn Leute versuchen, so gut wie möglich auszusehen. Das ist doch für einen jungen Menschen etwas ganz Natürliches, das ist doch eine Sache für Mädchen. Mädchen stehen nicht auf schlecht angezogene Idioten, oder? Ich mag die Modevögel im Musikbusiness nicht, aber keiner scheint sich sonderlich darüber aufzuregen. Alles wäre in Ordnung, wenn dahinter noch mehr stecken würde. Die Leute, die Jazz mögen und ständig in der Vergangenheit auf der Suche nach neuer Unterhaltung sind, finde ich traurig.

Glaubst du, dass sich die Jahre 1985 und 1975 ähneln?
Heute ist es konservativer. Wenn ich mir, sagen wir, Arbeiterkinder anschaue, dann sind die gewalttätiger und organisieren ihre Gewalt besser, als sie es damals taten. Fußballgangs waren damals vielleicht maximal 1000 oder 2000 Mann stark. Jetzt sprechen wir über ganze Stadien, in denen nichts als Hass für die gegnerische Mannschaft regiert. Aus Fußball wurde eine Sache, die man unmöglich genießen kann. Ich möchte nicht mehr auf den Stehplätzen dem Spiel zuschauen. Du weißt nie, wer dir ein Messer in den Rücken rammt.

Hat sich die Jugendkultur verändert?
Ich kann keine Anzeichen von Neuem entdecken. Bands wie Sigue Sigue Sputnik werden nicht die Welt verändern. Ich hoffe darauf, dass etwas passieren wird, was uns alle schockieren wird. Erwartet nicht von mir, meine eigene Vergangenheit zu wiederholen, nur weil jeder andere zu faul ist und sich keine eigene ausdenken kann. Ich werde das nicht tun. Ich habe meinen Beitrag geleistet und ich lebe einfach mein Leben weiter—so einfach ist das. Wie viele Leute behaupten, dass sie die Sex Pistols live gesehen haben und bei vielen weiß man ganz genau, dass sie das nie getan haben. Jeder war mit seinem Hund im 100 Club.

Hast du uns noch was zu sagen?
Sehr viel. Alles steht in den Songtexten, die sind sehr deutlich. Die Sache, die mich am meisten beunruhigt, ist, dass Amerika und Russland uns zerstören werden, Europa nimmt die Rolle des des Schachbretts ein. Die Amerikaner nehmen uns alle Antiquitäten weg. Wenn sie das getan haben, werden sie den Rest in die Luft sprengen. Ich lebe nur deshalb in Amerika, weil es weniger Stress bedeutet.

Was ist das Wertvollste, was du von Malcolm McLaren gelernt hast?
Ihm nicht zu vertrauen. Ich habe nichts von McLaren gelernt, wenn dann hat er von mir gelernt. Ich habe die Songs geschrieben, habe die Richtung bestimmt. I was the brains, nicht er. Rückblickend behauptet er, dass er hinter allem gesteckt hat, aber wer sich schlecht vor Gericht verteidigt, der weiß offensichtlich, dass er falsch liegt. Malcolm kann nicht mal eine Konsole von was Anderem unterscheiden. Für ihn ist das alles ein großer Haufen Müll mit blinkenden Lichtern. Der hat Nerven, seinen Namen auf alle Platten zu packen, die von Trevor Horn und anderen geschrieben wurden.

Frankie Goes to Hollywood?
Ein glorreicher Betrug.

Love Kills: the story of Sid Vicious and Nancy Spungen?
Ich wurde nicht konsultiert, was eine Schande ist, oder? Schockierend. Die können auch rechtliche Schritten erwarten. Ich werde das immer wieder sagen: Ich finde es abartig, wie einige Leute von Sids Tod und dieser ganzen Zeit profitieren wollen. Er sollte nicht so behandelt werden. Alex Cox macht es ganz offensichtlich des Geldes wegen und ich rate jedem, sich den Film nicht anzuschauen. Auf dem im Film gezeigten Bootstrip gab es viele Leute mit Irofrisur, das war damals gar nicht der Fall zum Beispiel. Es gab nur zwei Leute mit Stachelhaaren: ich war der eine und Sid der andere. Ich erinnere mich. Ich habe immer noch die Narben, um das zu beweisen. Die haben die ganze Sache gemacht, ohne mich, Paul oder Steve zu fragen. Durch krumme Umwege bin ich an ein Exemplar des Drehbuchs gekommen und als ich es gelesen hatte, war ich außer mir. Das ist eine Farce und ich verachte meinen Charakter. Es gibt eine Szene, in der mein Charakter so wirkt wie einer vom Speakers' Corner und gegen alles wettert, mit Worten, von denen ich noch nie gehört habe. Das ist Unsinn, sie lassen mich wie einen Volltrottel aussehen, die Macher lassen Sid wie einen Dummkopf aussehen und Paul und Steve wirken noch dümmer, was echt unfair ist. Wir sind alle noch sehr lebendig, vielen Dank.

Du scheinst dich sehr schützend vor Sid zu stellen. Früher hast du eher abschätzig über ihn gesprochen.
Ja, das stimmt. Er hat sich absichtlich umgebracht. Das gibt aber noch keinem das Recht, das in einem Film zu thematisieren. Er war mein Freund. Ich finde es einfach erbärmlich, dass jemand, der keine Ahnung davon hat, der Meinung war, keinen über diesen Film konsultieren zu müssen. So sehr ich Malcolm auch verachte, er sollte aber wenigstens ein Wörtchen mitzureden haben. Es wäre schon lustig, wenn ich im Namen Malcolms vor Gericht ziehen würde. Mit Mick Jagger machen die Leute das doch auch nicht. Wieso sollten wir dann mit soviel Missachtung behandelt werden, wenn wir mehr als andere für alle im Musikgeschäft getan haben? Ich muss kurz aufs Klo.

[Das Geräusch von John Lydon, wie er in ein nahegelegenes Klo pinkelt]

Du hast nicht aufgenommen, wie ich gerade gepisst habe. [Lacht]
Ich glaube nicht, dass sich das gut auf Papier übertragen lässt.

Du wolltest es als Disco 12''-Version herausbringen!
Vielleicht als B-Seite.

Was hat es mit den Gerüchten auf sich, dass du im Laufe der Jahre verrückt geworden bist?
Noch einmal: Ich war schon immer verrückt! [Lacht]. Ich erwarte von Journalisten, dass sie das fragen. Banales eben.

Warst du jemals bei einem Psychologen?
Natürlich nicht, wieso auch? Das machen doch nur Amerikaner.

Du lebst doch da.
Mein Haus könnte sich auch genauso gut im Weltraum befinden, denn ich verstehe mich nicht gut mit Amerikanern. Die Wände von meinem Haus sind ziemlich dick—wie ein kleines Schloss—so kann ich jeden draußen lassen. Malcolm wohnt auch in der Gegend. Er hat seine Bude vom Vater des Keyboardspielers gemietet. Ich weiß, wo er lebt.

Willst du was über deinen Auftritt in der Fernsehsendung The Tube vor ein paar Jahren sagen?
Das zeugte von schrecklich schlechtem Geschmack, die Sex-Pistol-Songs zu spielen. Das war so das Abstoßendste, was man mit einem Cocktail-Jazz-Outfit machen kann. Ich fand es ziemlich verrückt und lustig. Mir hat er Spaß gemacht. Es gehört so mit zu dem Schlimmsten, was ein Mensch überhaupt tun kann. Es war gehässig und böse, ja, aber es war auch lustig. Wenn du die Möglichkeit gehabt hättest, hättest du sie abgelehnt?

Glaubst du, dass Punk einen entgegengesetzten Effekt auf Dinge hatte?
Nur was das Negative angeht: die Vorliebe für den Tod, Death Rock und das ganze Zeug. Weil wir so hartnäckig waren und eine eindeutige Haltung hatten, war klar, dass das Pendel in die andere Richtung schwingen musste und dabei weinerliche, weiche, schwule Disco-Musik herauskommen musste—lackierte Fingernägel an den Keyboards. Das Gute daran ist, dass Marc Almond mich immer noch zum Lachen bringt, er ist einfach zu komisch. Seine freche und offene Art ist toll. Es sind die ganzen Schwachmaten, die ich hasse. In Australien ist er aber nicht sonderlich beliebt. Er hat mal in The Tube so was wie „Keep those donkeys rolling 'cause I'm coming up behind" gesungen—großartig!

Gehst du heute noch viel aus?
Nein. Ich mag das ganze Umfeld nicht. Wenn wir ehrlich sind, dann geht man doch dahin, um sich zu präsentieren, daran bin ich nicht interessiert. Ich fühle mich auch nicht besonders wohl, weil ich das Gefühl habe, dass die Leute denken ‚Was denkt er, wer er ist?' Live vor Publikum aufzutreten, macht mir Spaß, besonders wenn ich mir das Publikum aussuchen kann.

Du bist eher von der Sorte, die schnell neue Leute brauchen, oder?
Ja, auf jeden Fall. Für mich funktioniert es nicht anders, weil die Leute dazu neigen, eifersüchtig zu werden. Je mehr zu versuchst, und sie als ebenbürtig anziehst, desto mehr verachten sie dich.

Was hältst von Billy Idol?
Von Cliff Richard bis hin zu Gott-wer-weiß-wen, ich hasse das, was er musikalisch macht, aber als ihn getroffen habe, war er aber ganz OK. Ich kann nur seine Musik nicht ertragen.

Hast du so hohen Schadensersatz von McLaren erwartet?
Um es mal so zu sagen: Lieber habe ich das Geld, als es nicht zu haben. Es ist jetzt auch nicht übertrieben viel Geld. Es bedeutet nur, ein oder zwei Häuser mehr! [Lacht] Gott, wie schrecklich ich mich anhöre. Bei den meisten Interviews auf diesem Trip habe ich ziemlich übergetrieben, ich habe neues Futter für das böse Image geliefert. Ich wundere mich mehr darüber, wie viele das dankbar angenommen haben. Die Journalisten wollen immer mehr. Ich habe mehr von ihnen gelernt als sie von mir. Und was ich gelernt habe: dass sich nichts in diesem Land ändert. Viele Radiosender in den Staaten spielen nur Sachen in Englisch und für sie ist England das Zentrum der Musikwelt. In L.A. zu sitzen und die Sachen zu hören, da klingt alles wunderbar, aber wenn ich dann nach Hause nach England komme, entspricht das Bild nicht der Wahrheit. Die in den Staaten bringen viel durcheinander und für sie ist das alles eins, aber in Wahrheit vergehen Jahre zwischen guten Alben hier in England. Ich habe Tennents getrunken, als ich mich mit einem alten Freund getroffen habe. Das hat mich fast umgebracht! Ich habe komplett vergessen, wo ich war und bin mehrere Male hingefallen. Das ist komisches Zeug. Man hat das Gefühl, dass man auf Droge ist.

Trinkst du immer noch viel?
Ja, aber ich bin weit davon entfernt, so viel zu trinken wie du Leute hier.

Was ist mit Drogen?
Ich nehme keine. Wieso sollte ich? Ich habe so viele Freunde gesehen, die nicht mehr ansprechbar waren und das waren keine tollen Erlebnisse.

Hast du jemals versucht, Keith davon abgehalten, Heroin zu nehmen?
Dreimal ja und es hat nichts gebracht. Die müssen das von sich ausmachen. Ich mache mir Sorgen um Steve Jones. Er ist gerade in Los Angeles und hat aufgehört, Drogen zu nehmen. Aber er ist die ganze Zeit sehr nervös und angespannt. Ich möchte nicht, dass er wieder Drogen nimmt. Das Pop-Business verführt dich zu Drogen. Man geht nicht in die Popindustrie, um Drogen zu nehmen, man wird durch das unablässige Streben nach mehr an sie herangeführt. Und die Journalisten, oh Gott diese Journalisten. Der sarkastische Journalismus, der einen in Grund und Boden kritisiert und zum Abschuss freigibt, kann sehr schmerzlich sein.

Wurdest du getroffen?
Das hätte ich durchaus sein können, aber ich habe gelernt, mich nicht treffen zu lassen. Man muss den Beifahrersitz einnehmen.

Bereust du etwas?
Nicht wirklich. Es gibt ein paar Dinge, die hier und da falsch gelaufen sind, aber rückblickend bereue ich nichts, nein. Ich mache einfach weiter. Das einzige, was ich seit der Zeit von Punk bereue, sind die Verstorbenen. Sie haben einfach nicht hören wollen.

Machst du Sport?
Nein.

Ich muss sagen, dass du nicht ganz so fett bist, wie ich mir das vorgestellt habe.
Ich wiege nur 76 Kilogramm.

Liest du viel?
Die ganze Zeit, außer Science-Fiction oder Barbara Cartland.

Ich mag Barbara Cartland.
Du machst doch Witze!

Es ist nicht schlimmer, als deine Vorliebe für Marc Almond aus denselben Gründen.
Ja, OK. Wir haben alle unsere Schwächen. [Lacht] Ich bin mir aber nicht sicher, wer von den beiden schlimmer ist.

Gibt es noch irgendwas, was du erreichen möchtest?
Mir fällt nichts ein. Ich bin zufrieden damit, mein Ding zu machen.

Gibt es jemanden, der dich in letzter Zeit inspiriert hat?
Keiner, außer vielleicht die Memoiren von Winston Churchill. Die sind gut. Hauptsächlich, weil der Witz dieses Mannes einfach grandios war. Er war jemand, der zwar akademisch nicht brillierte, dafür aber eine gute Intuition hatte. Ein Held ist er definitiv nicht, weil seine schlechten Seiten ziemlich schrecklich waren. Er wollte ein Diktator sein und das ist immer gefährlich.

Warst du jemals in der Sowjetunion?
Nein, und ich glaube nicht, dass ich da hinmöchte. Ich habe gehört, dass es nicht so schlecht sein soll, wie alle erzählen. Aber das Beste dort ist nichts im Vergleich zu dem Schlechtesten hier. Russland wird die Welt nicht retten. Die ganze Menschheit ist gegen einen Weltkrieg, die USA und die UdSSR bedrohen aber weiterhin unsere Existenz. Deshalb lebe ich im Moment, weil ich, ehrlich gesagt, keine Zukunft sehe. Ich möchte in diese Welt keine Kinder setzen, weil es nicht viel gibt, worauf sie sich freuen können. Es wird bald zu einem jähen Ende kommen.

Warst im Land, als es die Westland-Affäre gab?
Ja. Wie kann sie [Margaret Thatcher] mit so einer krassen Lüge davonkommen? Es ist wirklich unglaublich. Wie kann die Öffentlichkeit sich zu keiner Reaktion durchringen? Sie sprach es erst an, als es darum geht, wie sie die nächste Wahl gewinnen wird. Ihr mangelt es an einem Gespür für das Volk und die Leute mangelt es an einem Gespür für sich selbst. Die Leute hier sehen es als ihr von Gott gegebenes Recht an, dass auf ihnen herumgetrampelt wird. Ich habe Aufstände erwartet.

Red Wedge?
Rettet die Labour Party! Ist es nicht tragisch, dass die sich nicht selbst retten können?

(Es klingelt an der Tür. Nora ist da und sie hat neue Klamotten vom Kensington Market dabei. Einen großen, gepunkteten roten Anzug von Johnsons für John Lydon.)

Lydon: Aha, Klamotten!
Nora: Du hast so viele graue Anzüge. Ich wollte dir einen roten kaufen.
Lydon: Sehr schön. London ist ein guter Ort, um Anzüge zu kaufen. Was wird i-D daraus machen??!? Wie groß ist er?
Nora: Die größte Größe, die sie hatten.
Lydon: [Ins Mikrophon] 48. Das sollte passen.
Nora: Willst du weiße Socken in die Schultern stecken? Wie wäre es mit weißen Socken und einem sauberen T-Shirt?

Die Erörterung des modischen Problems schien noch ganz am Anfang zu stehen. Nachdem ich meine letzte Dose Bier ausgetrunken hatte, habe ich verabschiedet und überließ die beiden ihren häuslichen Auseinandersetzungen, während sie auf das Interview mit dem nächsten Schreiberling warten.

Credits


Text: Dylan Jones
Foto: Nick Knight [Aus unserer The Madness Issue, No. 34, März 1986]
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
(Der Artikel erschien ursprünglich im März 1986 in der Printausgabe „The Madness Issue" des i-D Magazins.)

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