tschan andrews spricht über transphobie und rassismus

Das 23-jährige Transgender-Model wurde Opfer von Vernachlässigung und Missbrauch. Deshalb setzt sie sich heute dafür ein, dass anderen dasselbe Schicksal erspart bleibt.

von Georgina Yi Wan
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12 Oktober 2015, 1:20pm

Foto: Juergen Teller

In den letzten Jahren wurden Transgender immer sich sichtbarer. Dank bekannter Transgender-Ikonen landeten Transgender-Themen auf dem Fernsehbildschirm, auf dem Smartphone, in Zeitungen und auf den Straßen. Die Stimmen von Transgender sind lauter und klarer als je zuvor. Aber wer repräsentiert die Transgender aus Minderheiten? Die 23-jährige Tschan Andrews, ein Transgender-Model, das lange vor #callmecaitlyn ihren Kampf führte. Sie hat zwar bereits mit Größen wie Juergen Teller, Nick Knight und David Bailey zusammengearbeitet, aber trotz des Glanzes der Shootings vergisst Tschan Andrews nie ihre Obdachlosigkeit, nie den Rassismus, nie die versuchten Vergewaltigungen und Missbräuche. Für Tschan ist Transgender kein Trend oder ein gesellschaftliches Phänomen, sondern ein immerwährender Kampf.

Wann wurde dir Gender zum ersten Mal bewusst?
Um ehrlich zu sein, wusste ich schon immer von Gender. Ich glaube, dass jeder auf dem Genderspektrum, besonders Transgender und Intersex, sich sofort dessen bewusst sind. Wieso? Weil sie anders auf das Geschlecht reagieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Ich war mir schon von klein auf darüber bewusst, da mir immer gesagt wurde ‚Nein, tue das nicht. So etwas tun Jungs nicht'. Du kannst jede Transgender-Person fragen und ich bin mir sicher, dass sie dir dasselbe sagen wird. Man sagt ja, dass Kerle alle fünf Sekunden an Sex denken. Ich denke alle fünf Sekunden an mein Geschlecht. Angefangen damit, wie man spricht, über, wie man sich bewegt und bis hin zu, wie man ist, überall hat man es mit Gender zu tun.

Wie hat Transgender deine Kindheit und deine Jugend beeinflusst?
Transgender zu sein, hat meine Kindheit komplett beeinflusst, denn ich durfte keine haben. In der Grundschule haben Eltern ihre Kinder abgeholt und ihnen gesagt ‚Gib dich nicht mit Tschan ab, Tschan ist komisch'." Ich erinnere mich daran, dass es eine jamaikanische Mutter gab, die ihrem Sohn gesagt hat, dass ich ein „Batty Man" bin. Es war so, als ob ich in einer Zeitkapsel gefangen blieb und dann fing ich an, das zu glauben, was mir gesagt wurde. Bis ich drei oder vier Jahre alt war, glaubte ich, dass ich nie Freunde haben werde, weil mich niemand so akzeptieren wird, wie ich bin wirklich bin und dass ich mich für mich selbst schämen soll. Ich hatte tiefe Homophobie und Transphobie verinnerlicht. Ich durfte kein Leben haben.

Was war die Rolle deiner Familie in so einer schwierigen Zeit?
Von meiner Familie kam nicht viel. Meine Mutter ist alleinerziehend und hat die ganze Zeit gearbeitet. Meine Oma hat auf mich, meine Schwester und meinen Bruder aufgepasst.

Du hast wurdest dann von Pflegeeltern aufgenommen. Wie waren die?
Ein Transgender-Freund hat mir die Wohltätigkeitsorganisation Albert Kennedy Trust empfohlen. Diese Organisation hilft LGBT-Jugendlichen, die obdachlos gemacht wurden, dabei, eine Bleibe und Unterstützung zu finden. Die Leute der Organisation halfen mir, homosexuelle Pflegeeltern zu finden und das hat sprichwörtlich mein Leben gerettet. Durch meine homosexuellen Pflegeeltern habe ich gelernt, dass ich ein Mensch bin; dass ich eine Stimme habe. Sie brachten mir bei, dass meine Meinung etwas zählt. Sie haben mir ein liebevolles Zuhause gegeben. Sie haben mir ermöglicht, dass ich studieren kann. Sie haben mich großgezogen und ich konnte meine Persönlichkeit entwickeln. Als ich die Voraussetzungen für Camberwell [College, Anm. d. Red.] erfüllte, war ich so glücklich, dass ich nicht aufhören konnte zu weinen, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben begriff, dass ich wirklich ein Leben habe.

Wie sieht die Realität für Transgender aus?
Es gibt Leute, die privilegiert genug sind und die Mittel und den Zugang haben, um die vollständige Angleichung vorzunehmen und die sich keine Sorgen darüber machen müssen, wie sie dennächste Monat überleben oder wie sie ihre Hormonbehandlung bezahlen werden. Ich kann verstehen, wieso viele Leute wütend bei Caitlyn Jenner werden. Sie ist super privilegiert und sie ist in der Lage, die vollständige Umwandlung vornehmen zu lassen und wird als Heldin gefeiert. Aber für 99,999 Prozent ist das nicht Fall, besonders nicht für Transgender anderer Hautfarbe. Die meisten Transgender kriegen ja nicht mal einfachste Jobs oder Zugang zur richtigen medizinischen Versorgung. Transgender haben Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Bei vielen Vermietern sind sie als mögliche Mieter nicht erwünscht, weil die denken, dass Transgender gleich Prostitution ist, was oft der Fall ist, aber nur weil ihnen die Gesellschaft gar keine andere Wahl lässt, als zu denken, dass Sexarbeit die einzige Möglichkeit ist, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Es ist außerdem verstörend, wenn Firmen, Organisationen oder Medienunternehmen denken, das sie am Puls der Zeit und transfreundlich sind, wenn sie über Transgender nur aus einer bestimmten Perspektive berichten. Es ist großartig, dass positive Transgender-Geschichten endlich gehört werden, aber alle Aspekte der Transgender-Community müssen beleuchtet werden. Die Leser müssen über die falsche Wahrheit Bescheid wissen, denn es geht uns nicht allen gut und wir sind nicht alle privilegiert.

Die Schwarzen-Community im Allgemeinen setzt sich mit Transgender nicht auseinander oder räumt die Existenz davon ein. Als ich jünger war, wurde ich von schwarzen Gleichaltrigen abgelehnt. Sie sagten, dass Transgender zu sein, eine Krankheit der Weißen ist, und dass ich nur versuchen würde, Weiße zu imitieren. Ich erlebe nicht nur Transphobie, sondern auch Rassismus. Es ist nicht nur wichtig, dass über Transgender-Leute, die weiß und privilegiert sind, berichtet wird, sondern dass auch über die Leute aus meiner Community berichtet wird, denn das sind die, die am meisten Hilfe brauchen.

Was kann für mehr Fortschritt getan werden?
Es gibt etwas, was ich liebend gerne selbst tun würde. Ich lese Berichte über viele LGBT-Jugendliche, die Selbstmord begehen, weil sie diskriminiert werden und nicht weiter wissen. Ich würde gerne in Schulen mit anderen aus der LGBT-Community gehen, um als Panel über Transgender zu reden, unsere Erfahrungen zu teilen und den Kids zu sagen, dass es besser wird. Ich möchte nicht, dass diese Kids glauben, dass es falsch ist, wer sie sind. Es würde mich so glücklich machen, wenn ich die Möglichkeit erhalten würde, ihnen zu helfen.

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@ourscharrr

Credits


Text: Georgina Yi Wan
Foto: Juergen Teller
Styling: Poppy Kain
Barneys Menswear spring/summer 15

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