feministische pornos und die krise der online-zensur

Nachdem YouTube die neueste Folge ihrer Pornoreihe „XConfession“ zensiert hat, haben wir mit der Pornoregisseurin Erika Lust über die Entscheidung YouTubes und den Zustand der Pornoindustrie gesprochen.

von Tish Weinstock
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15 Juni 2016, 9:45am

Erika Lust hat sich schon immer für Sex interessiert. Nicht nur für den Akt an sich, sondern auch für den akademischen Diskurs darüber. Erika war Teenagerin, als sie das erste Mal Pornos entdeckte. Nach der Enttäuschung über die Darstellung der Industrie, der Objektivierung und sogar der Entwertung von Frauen, hat sie alles, was sie durch ihr Politik- und Gender Studies-Studium wusste, mit ihrer Leidenschaft für das Kino kombiniert und eigene Pornos gedreht. 

Das war 2005. Die in Barcelona lebende Schwedin gehört mittlerweile zu den gefeiertesten Namen in der Pornobranche. Von den Frauen, mit denen sie hinter Kamera arbeitet, bis zu den Darstellerinnen vor der Kamera: Erika geht es immer darum, dass Frauen die Kontrolle haben und es nicht um den male gaze geht. Im Gegensatz zu Mainstream-Pornos sind Erikas Filme Kunst, sie sind sinnlich und sie zeigen Sex als etwas Stimulierendes und als etwas, was sowohl für Männer als auch für Frauen positiv ist. Vor ein paar Jahren fing sie mit ihrer Reihe XConfessions an, eine Reise durch das menschliche Verlangen. Menschen aus der ganzen Welt können auf der Website XConfessions.com anonym ihre Fantasien mit ihr teilen. Erika und Team verfilmen sie. Die Reihe wurde zu einem großen Erfolg. Vor zwei Wochen hat diese Erfolgsstory eine unschöne Wendung genommen, als YouTube das Video Do You Find My Feet Suckable? entfernt hat, obwohl es nicht gegen YouTubes Richtlinien verstoßen hat. Erika reagierte darauf mit einem Video, das YouTube auch wieder entfernt hat. Videos, die Gewalt und sexuell degradierende Videos zeigen, dürfen weiterhin auf YouTube gezeigt werden, während die die, frauenfreundlich sind, entfernt werden.

Worin unterscheiden sich deine Filme von anderen?
Es sind die Leute hinter der Kamera, die gebildet, smart und trendy sind, im Gegensatz zu den Lurchen, die sonst billige Sexfilmchen drehen. Es fängt beim Gehalt für die Darsteller an, geht über die Art und Weise, wie wir sie behandeln, das Licht, die Garderobe, das Make-up, die Musik, die Locations, die Drehbücher, die Verträge, die Postproduktion bis zur Farbkorrektur. Wir verstecken uns nicht. Man sieht, wer wir sind, und man kann uns erreichen. Die Klischees, die wir vermeiden, die unterschiedlichen Körpertypen, die wir casten. Es ist einfach jedes kleine Detail. Es ist eine feministische Art und Weise, Sex auf dem Bildschirm darzustellen.

Was möchtest du mit deinen Arbeiten erreichen?
Dass mehr Frauen Hauptrollen in der Industrie übernehmen und eine Alternative zu den schlechten, chauvinistischen Mainstreamfilmen im Internet zu schaffen. Filme zu machen, die einen Anspruch an die Story haben. Meine Filme sind für Leute, für die Sex nicht immer als billig, geschmacklos oder vulgär dargestellt werden muss. Sex ist bei mir Spaß und steckt voller Leidenschaft. Genauso achte ich auf den Kontext, die Details, die Location und das Styling—alles worauf man eben bei einem Film ohne Sex auch achtet.

Kann Porno feministisch sein?
Definitiv! Feminismus ist ein einfaches Konzept für mich: Es geht um Gleichberechtigung. Für meine Filme und andere feministische Filme bedeutet das, dass es darum geht, jede involvierte Person wie einen Menschen zu behandeln, auf ihre Bedürfnisse, ihre Ansprüche und Emotionen zu achten, sie fair zu bezahlen und eine gute Arbeitsatmosphäre mit guten Arbeitsbedingungen zu schaffen. 

Spielt das Geschlecht bei der Darstellung eine Rolle? Und sollte es das?
Natürlich. Ich bin eine Frau und ich möchte in meinen Filmen Frauen zeigen, die Sehnsüchte, die verschiedene Sexualitäten und die Fantasien haben. Ich will, dass sie emanzipiert sind, dass sie dem zustimmen, was passiert, und dass sie Spaß haben. Sie sollen den Männern auf Augenhöhe begegnen und ihre Wünsche äußern können.

Warum ist es so wichtig, male gaze innerhalb der Pornobranche auseinanderzunehmen?
Weil male gaze in der Pornobranche dominiert. Die meisten Pornos werden von denselben Leuten mit denselben Einstellungen gedreht. Weiße Männer mittleren Alters, die von Titten und Ärschen besessen sind, die die immer gleichen Sexszenen ohne Gefühle drehen. Außerdem möchte ich auch für die neue Generation eine Alternative bieten. Es ist kein Geheimnis, dass junge Leute Zugang zu Mainstream-Pornos haben. Es ist wichtig, dass sie eben nicht nur die schlechten Pornos sehen, die ihnen die falschen Werte vermitteln.

Erzähle uns mehr über XConfessions.
Leute schicken mir ihre Sexgeschichten und Fantasien, seitdem ich meine Produktionsfirma Erika Lust Film gegründet habe. Ich habe begriffen, dass die Leute mit mir und meinen Filmen interagieren und darin teilnehmen wollen. Und ich dachte, dass es eine tolle Idee ist, dass sie mir ihre Sexgeschichten schicken und ich daraus Kurzfilme mache. Ich arbeite mit meinem Team in jeder Stufe des Filmprozess zusammen. Von den Location-Shoots, über die Auswahl der richtigen Confessions, über das Drehbuch mit meinem Line Producer, über Meetings mit dem Art Director, dem Stylingteam und den Make-up-Artists, um über die richtige Ästhetik zu entscheiden, bis zum Casting der richtigen Performer: Ich arbeite mit einem sehr talentierten und engagierten Team, das zu 90 Prozent aus Frauen besteht. Am Set gehe ich mit den Darstellern das Drehbuch und die Storylines durch. Sie bekommen das natürlich auch im Vorhinein. Was den Sex angeht, mache ich kaum Vorgaben. So sieht es natürlich aus.

Gab es Geschichten, die du nicht drehen konntest?
Wenn es nicht klappt, dann liegt das nur an zwei Dingen: das Budget und Rechtsfragen. Ich drehe nichts, was irgendwie illegal oder verstörend ist. Eine Confession darüber, wie Leute Sex auf einem Boot im Indischen Ozean haben, wäre eher schwierig umzusetzen. Ich muss realistisch bleiben.

Der neueste Teil der Serie, Do you find my feet suckable?, wurde von YouTube entfernt, obwohl es keine Richtlinien oder Regeln verletzt hat. Warum wurde das Video deiner Meinung nach trotzdem entfernt?
YouTube (wer oder was auch immer das ist) muss entdeckt haben, dass mein Name irgendwie mit der Pornobranche verbunden ist und sofort wurde mein Kurzfilm zensiert, ohne dass sie sich die Mühe gemacht hätten, zu überprüfen, ob ich denn tatsächlich irgendwelche Regeln verletzt habe, was ich nicht habe. Und um ehrlich zu sein, dass hört sich sehr nach Diskriminierung an. YouTube ist es egal, was du zeigst. Denen ist wichtig, wer du bist. Nur so lässt sich erklären, wieso es auf der Plattform so viele explizite Begebenheiten gezeigt werden, die von anonymen Leuten hochgeladen werden. Dumme, sexistische und anonyme Titten- und Arschvideos sind OK. Ein netter Kurzfilm von einer Filmemacherin über menschliches Verlangen und Verführung, ohne Nacktszenen, wird entfernt. Das regt mich auf!

Glaubst du, dass es etwas damit zu tun hat, dass es in dem Kurzfilm um die sexuelle Emanzipation von Frauen geht?
Wahrscheinlich, weil der Kurzfilm anspruchsvoll ist und Frauen als gleichberechtigt zeigt. Ich nehme an, dass sie ihn entfernt haben, weil er nicht sexistisch, weil er nicht spaßig gemeint war oder weil kein Girl nur in Unterwäsche getwerkt hat.

Warum hast du das Video mit dem offenen Brief gemacht?
Der müllige YouTube-Content schafft einen Diskurs über Sexualität und Gender. YouTube ist das Fernsehen der Welt heute, was von Millionen junger Leute und von Kids auf der ganzen Welt geschaut wird. Deswegen.

Was denkst du über die Zensur durch YouTube von deinem Video mit dem offenen Brief?
Das zeigt doch einmal mehr, dass sie sich überhaupt nicht dafür interessieren, was für Videos hochgeladen werden. Zu viele Auto-Bots, die Fehler machen und positive Stimmen aussperren. Was mich wirklich interessieren würde: Warum sie die beiden Videos entfernt haben und all die andere aber nicht runternehmen.

Was sagt uns die YouTube-Zensur über Frauen und die weibliche Sexualität im Allgemeinen?
Das sagt uns, dass unsere Kunst im Internet nicht gern gesehen wird; dass es ihnen egal ist, was wir zu sagen haben, dass positive Darstellungen der weiblichen Sexualität nicht interessant sind und dass wir immer noch in einer sehr chauvinistischen Welt leben, in der zählt, wer du bist und nicht, was du sagst. Da sind chauvinistische und gewalttätige Inhalte natürlich OK, während intelligenter, innovativer und künstlerischer Content nicht willkommen ist.

Und was sagt uns das über den Zustand der Sexualaufklärung?
Wie ich in meinem offenen Brief sage: Das Verbot steht exemplarisch für das Versagen der Gesellschaft, über Sexualaufklärung zu reden oder Strukturen zu etablieren, die Gewalt und negatives Sexualverhalten verhindern. In einer Welt, in der „Best Ass Girls"-, „Naked Shows"- und „Cameras Inside Vaginas"-Videos millionenfach angeklickt werden, sollten smarte und intelligente Erotikfilme gefördert und nicht verboten werden. YouTube will doch die Welt retten, sexistische Videos und eine Doppelmoral sind aber die denkbar schlechtesten Mittel und Wege, um das zu erreichen. Es ist erschreckend, wie sehr sich unsere Gesellschaft weigert, über Sexualaufklärung zu reden. Neue Initiativen zu behindern, die etwas Neues auf diesem Gebiet gehen, ist komplett absurd. 

Credits


Text: Tish Weinstock
Fotos: Still aus XConfessions 

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