die collagen von rita zimmermann beweisen, dass sich kunst und kommerz sehr wohl vertragen

„Man sieht durch meine Augen, wie ich die Liebe, das Leben und den Tod sehe.“

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Aug. 31 2016, 7:59am

Die Collage hatte es in der Vergangenheit wirklich schwer, als ernste Kunst wahrgenommen zu werden. Vielleicht hatten wir zu viele Erinnerungen an die Grundschulzeit, mit zu viel Glitzer und Klebstoff. Die Welt hat lange nicht verstanden, dass sehr viel mehr hinter der Cut-and-Paste-Technik stecken kann. Das hat sich zum Glück geändert. In den letzten Jahren haben immer mehr Künstlerinnen bewiesen, wie elegant und intelligent Kunst und Mode miteinander verbunden werden können.

Rita Zimmerman ist eigentlich Fotografin und Stylistin, und daher seit jeher von einer Welt umgeben, die sehr vom Bildlichen bestimmt wird. Ihr Interesse am Medium Collage scheint daher kaum überraschend zu sein. Für die in Polen geborene und in Sydney lebende Künstlerin geht es um mehr als das, erklärt sie uns im Interview, nämlich darum, eine Welt zu kreieren, wie sie sie sieht. 

Ihre Welt besteht aus Liebe, Schönheit, Makeln, Humor und setzt sich mit dem Frausein auseinander—und diese Welt begeistert viele, auch uns. Sie hat nicht nur bereits viele kreative und kommerzielle Kollaborationen zu verbuchen, sondern war auch Teil von Guccis digitalem Projekt #24HourAce. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen und ihr Kunstverständnis gesprochen.. 

Foto: by Elijah El-Kahale

Du warst vorher Fotografin. Kannst du mit Collagen etwas ausdrücken, das du in der Fotografie vermisst hast?
Beides sind separate Medien und jedes Medium hat seine Berechtigung in meiner Arbeit. Dadurch, dass es Fotografie und Collagen gibt, habe ich mehr Möglichkeiten, meine Gefühle auszudrücken. Ich verwende alte Magazine und Zeitungsartikel zusammen mit Fotografie in meinen Collagen. Altes Papier hat durch die Vergangenheit eine besondere Energie. Es hat eine gewisse Nostalgie und eine gewisse Magie, Fotografie dagegen fängt den Moment ein. Durch die Verbindung von beidem kann ich meine Vision einer Zukunft darstellen.

Du hast auch viel im Modebereich gearbeitet. Erzähle uns mehr darüber, wie sich das in deinen aktuellen Arbeiten widerspiegelt.
Ich werde von starken Momenten und Menschen aus der Modewelt inspiriert—von Fotos von Frauen wie Helena Christensen und Karen Mulder bis hin zum Werk eines Helmut Newton oder Mugler oder die Femme-fatale-Welten von Gianni Versace. Ich stelle Frauen überlebensgroß dar. Auf eine gewisse Art und Weise kreiere ich eine Frauenwelt.

Du hast vorhin erwähnt, dass bis vor kurzem Collagen nicht als ernstzunehmende Kunstform galten. Dabei ist es doch interessant, wie Collagen Brücken schlagen, zwischen der sogenannten Hoch- und Unterhaltungskultur, sowohl als Medium als auch was die Inspirationen angeht.
Hoch- und Unterhaltungskultur haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst und es hat auch schon immer Überschneidungen gegeben. So funktioniert unsere Welt eben heute. In meinen Arbeiten geht es um das Leben und um Leute. Ich beobachte meine Umgebung, vermische die Elemente, verarbeite sie und entwickle daraus etwas Neues—je mehr Vielfalt, desto besser. Alle Facetten unserer Kultur sind heutzutage so einfach zugänglich. Man muss sich schon bewusst dafür entscheiden, nur zu einer Welt dazuzugehören. Ich habe mich dafür entschieden, an allen Leben in meiner Umgebung teilzunehmen.

Du bist in Polen geboren und lebst jetzt in Australien. Wie stark sind deine Arbeiten von diesen Ländern beeinflusst?
Ich hatte die Möglichkeit, in mehreren Städten zu leben: Warschau, London, Mailand, New York, Dubai und jetzt eben Sydney. Mich inspiriert Europa und die Traditionen dort. Ich bin im kommunistischen Polen aufgewachsen, und weiß aus erster Hand, wie es ist, in einem Land zu leben, das abgeschottet ist und in dem man nur begrenzt seine Meinung äußern darf. Ich hatte das Glück, dass ich durch meine Mutter mit Kunst in Berührung gekommen bin. Als ich zum ersten Mal nach Mailand und London gefahren bin, habe ich gesehen, was künstlerischer Ausdruck wirklich bedeuten kann.

Was bedeutet dir die Kunst?
Die Verbindungen und Interaktionen zwischen Personen inspirieren mich immer. Ich glaube sehr stark an die Liebe. Ich habe eine romantische Seele. In meiner Kunst spiegelt sich der ganze Kreislauf des Lebens wider. Man sieht durch meine Augen, wie ich die Liebe, das Leben und den Tod sehe.

Du warst Teil des Gucci-Projekts #24HourAce. Wie kam es dazu?
Das war wirklich eine Überraschung. Ich war in Europa, als ich von Alberto, dem Global Head of Social bei Gucci, eine private Nachricht auf Instagram erhalten habe. Er hat mich zu dem Projekt eingeladen. Lustigerweise hatte ich Wochen davor in einem Interview gesagt, dass ich liebend gerne mit Alessandro Michele von Gucci zusammenarbeiten würde. Das muss Schicksal gewesen sein!

Erzähle uns mehr über das Projekt.
Das war mein erstes Mal, ein Konzept zu animieren und zusammen mit Musik zu arbeiten. Es war eine große Herausforderung. Mein Animation- und Musikteam war in Warschau, aber dank Skype haben wir es irgendwie hinbekommen. 

Durftest du das machen, das du wolltest?
Ich war vom Grad der Freiheit überrascht, die mir Gucci eingeräumt hat. Wenn man mit kommerziellen Marken zusammenarbeitet, werden viele der Ideen sehr oft durch den Prozess gestoppt. Bei diesem Projekt aber war es so, dass ich von der Konzeption bis zum finalen Touch freie Hand hatte. Die einzige Vorgabe lautete, dass es 60 Sekunden um den neuen Ace Sneaker gehen muss. Ich glaube, Marken vergessen manchmal die Macht, die in Originalität und Kunst steckt. Sie vertrauen Künstlern nicht, weil sie denken, unsere Kunst spricht die Massen nicht an. Das #24HourAce-Projekt aber hat bewiesen, dass Marketing und Kunst sehr wohl einen gemeinsamen Weg finden können und die Botschaft gut und klar kommuniziert wird und die Kunst somit etwas bewirken kann.

@zimmermannrita

Credits


Text: Wendy Syfret
Foto: Rita Zmmermann