riccardo tisci stellt das allgemeine männerbild in frage

Riccardo Tiscis Shows für Givenchy gehören zu den abwechslungsreichsten der Branche. Im Gespräch mit i-D spricht er über seinen starken Cast, die Entwicklung der Menswear und wieso schöne Kleidung heutzutage einfach nicht mehr genug ist.

|
22 April 2015, 12:50pm

Foto: Danko Steiner

Es ist kaum zu glauben, dass Riccardo Tiscis Menswear-Debüt für Givenchy erst 2009 war. In seiner ersten Show, die aus 29 Looks - mittlerweile präsentiert er 60 - bestand, hat Riccardo eine DNA etabliert, die durchgängig stark ist, und dennoch überrascht er uns jedes mal wieder aufs neue. Mit Riccardo an der Spitze hat das Modehaus einen enormen Einfluss auf die aktuellen Entwicklungen der Menswear; er kreierte einen anderen Mann, eine andere Silhouette und eine andere Form von Sich-Anziehen.

Riccardos Mut zu Prints - von Rottweilern und Vögeln bis zur Neuinterpretation der amerikanischen Flagge - hat nicht nur sein, sondern auch Givenchys Profil auf der ganzen Welt geschärft. In seiner Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 gibt es, neben Bovver Boots mit weißer Schnürung und Military-Bezügen, filigrane, schwarz-weiße Blumenprints und feinste Perlenstickereien, siehe sein Couture-Kleid für Cate Blanchett für die Oscar-Verleihung. „Ich Iiebe Perlen. Ich bin von ihnen besessen. Was Diamanten für Frauen sind, sollten Perlen für Männer sein", sagt er und erklärt, da wo er herkomme, seien Perlen das Erkennungszeichen der Mafiosi, religiöser Männer und „der zwielichtigen Gestalten".

Mit einer so klaren Vision und nachweisbaren Erfolgen in der Womenswear überrascht es, dass Riccardo solange gebraucht hat, die Menswear bei dem Luxuslabel zu etablieren. „Ich hatte Angst, weil ich erst einmal die Womenswear stärken wollte und das meine ganze Zeit eingenommen hat. Außerdem ist Menswear sehr schwierig. Man kann sich nicht viel weiterentwickeln, da die männliche Garderobe ziemlich festgefahren ist." Bei der Verbeugung nach einer Show trägt der Designer selbst „Ralph Lauren"-Hemden oder ganz einfache Oberteile aus seiner eigenen Kollektion, Jeans und weiße „Nike"-Sneaker. „Ich bin besessen von Nike. Ich habe 200 Paare derselben Farbe desselben Schuhs", sagt er.

Ich wollte etwas machen, das damals ein bisschen schockierte. Es ging um einen Jungen, der einen kräftigeren und athletischen Körper hat; ein Junge, der wirklich Sport macht, aber gleichzeitig auch ein Junge ist, der sich seiner Sexualität bewusst ist.

Ein anderer Grund, wieso er sich nicht in die Menswear einmischen wollte, war Hedi Slimanes Regentschaft bei Dior Homme: „Es war eine Zeit, in der Fashion von den Skinny Boys dominiert wurde - schön, aber doch ziemlich abgehoben." Riccardo ist fast 1,90 m groß, während des gesamten Interviews erinnert er uns immer wieder auf charmante Weise daran, dass er doch selbst ein großer Junge sei. Er wollte der vorherrschenden Ästhetik etwas entgegensetzen. „Ich wollte etwas machen, das damals ein bisschen schockierte. Es ging um einen Jungen, der einen kräftigeren und athletischen Körper hat; ein Junge, der wirklich Sport macht, aber gleichzeitig auch ein Junge ist, der sich seiner Sexualität bewusst ist."

Die Givenchy-Boys sind aber mehr als nur heiße Muskelpakete. Zwar wurde Riccardo von den 90s-Beefcakes seines Helden Gianni Versace beeinflusst, aber er verpasste dem Ganzen mit seinen Streetcast-Models aus der ganzen Welt eine kantigere Note und eine gewisse Mehrdeutigkeit. Er arbeitete mit Supermodels und den ehemaligen i-D Coverstars Lara Stone, Joan Smalls und Saskia de Brauw für die Womensmear zusammen, daneben haben Rob Evans, O'Shea Robertson, Dominique Hollington, Willy Cartier und viele andere Menswear-Faces ihm ihre Karrieren zu verdanken.

„Als ich ein Jahr vor meiner ersten [Menswear] Show mit dem Casting begann, gab es bei den Agenturen nur diese schönen Boys, aber die waren nicht mein Typ", erklärt er. „Ich schließe keine Leute aus, also habe ich mich viel in Amerika, Brasilien, Kuba, Puerto Rico und Marokko umgeschaut, einfach überall wo ich der Arbeit wegen oder im Urlaub war. Dort fand ich diese schönen Jungs mit starken Persönlichkeiten, die weniger dem Kanon der klassischen Silhouetten und Körpermaße entsprachen, aber die mehr die Realität der Straßen verkörperten, jedenfalls wie ich sie wahrnahm." Durch seine Streetcast-Models habe er die Proportionen der männlichen Garderobe geändert, erklärt er.

Er schickte schöne, düster dreinblickende Männer in Schnüren, Leggings, Kilts und Pelzpullovern auf den Laufsteg. „Ich habe versucht, dass alles sehr männlich und nach Straße aussieht, ohne jede persönliche Zuneigung, denn manchmal, wenn wir Designer Dinge erkunden, übertreiben wir!", sagt er lachend.

Mehrdimensionalität statt Eindimensionalität, genau das ist Riccardo Tisci.

Riccardos Catwalk-Shows und Kampagnen wurden zu politischen Botschaften. Er ist nicht nur einer der ersten Menswear-Designer, die von sich aus und wiederholt für größere Vielfalt bei den Models geworben haben, sondern er experimentiert auch mit Sexualität und Gender. Vielleicht weil seine Menswear Sportswear-Elemente aufweist oder vielleicht weil sie stark, cool und selbstbewusst ist, hat Riccardo bis jetzt noch nicht genug Anerkennung dafür bekommen, dass er unsere Vorstellungen von männlichem Aussehen und Verhalten herausfordert. Er hat mit Mehrdeutigkeiten experimentiert und Steet-Style und Queer-Style miteinander verschmolzen. Weil Riccardos Mann ein heißer, muskulöser, der-Scheiß-interessiert-mich-nicht Street-Sportler ist, haben viele nicht verstanden, dass er, genauso wie seine Designerkollegen, die auf Androgynität setzen, für ein anderes Männerbild steht.

„Beim Street-Casting verliebst du dich in das Wesen der Person. Die Leute zeigen mir ihr Herz und sind schüchtern, weil sie das alles nicht kennen", erklärt er. „Ich frage nie nach einer Mappe. Ich spreche lieber mit Leuten. Du lernst den Charakter einer Person viel besser dadurch kennen, wie sie „Hi" oder „Guten Morgen" sagen. Ich caste Jungs mit heller und dunkler Hautfarbe, egal; Chinesen, Japaner, Italiener oder Engländer. Es geht nur darum, ob dieser Junge in der Kleidung glaubwürdig aussieht."

Dass sich der Modedesigner neben Prominenten wie dem Rapper Kanye West und Madonna wie selbstverständlich mit dem Transgender-Model Lea T und dem Transgender-Sänger Antony Hegarty umgibt, zeugt von seiner Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen. Obwohl es immer noch traurig und absurd ist, dass wir diesen Fakt überhaupt erwähnen müssen, ist es immer noch notwendig, da es viele andere Menschen gibt, die das immer noch nicht als selbstverständlich ansehen. Mehrdimensionalität statt Eindimensionalität, genau das ist Riccardo Tisci.

Es reicht einfach nicht, nur an sich selbst, an das Geld, was man verdienen kann, oder an die persönliche Erfüllung zu denken. Es gibt da draußen Leute, die unsere Hilfe brauchen.

„Wenn du Designer bist oder in der Öffentlichkeit stehst, dann ist es besonders wichtig, dass du Leute unterstützt, die vom Mainstream nicht akzeptiert werden. Manchmal unterstützen wir Leute, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, und dann werden wieder Leute ohne ersichtlichen Grund von der Gesellschaft ausgegrenzt. Für mich ist Schönheit mehr als das. Es geht um mehr. Ich musste so viel Scheiße ertragen, als ich anfing, Transgender, Diversität oder Antirassismus zu unterstützen. Für mich spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe oder Sexualität du hast. Wenn du eine gute Person bist, dann bist du eine gute Person. Punkt."

Riccardo sieht es als seine Verantwortung an, seine Plattform als weltweit bekannter Designer, für politische Botschaften zu nutzen. „Wenn du so einen Job hast wie ich, dann gibt es Leute, die dich lieben und dir folgen. Es ist toll, sich nur mit schönen Taschen und Kleidern auseinanderzusetzen. Ich bin gesegnet, das tun zu dürfen, aber wieso denn nicht daneben manchmal auch eine politische Botschaft stellen?", fragt er. „Wenn keiner aufsteht, wird sich die Welt nie ändern. Dann denkst du nur ‚In was für einer abgefuckten Welt leben wir eigentlich? Wir müssen etwas dagegen tun'. Es reicht einfach nicht, nur an sich selbst, an das Geld, was man verdienen kann, oder an die persönliche Erfüllung zu denken. Es gibt da draußen Leute, die unsere Hilfe brauchen."

Hier geht's zur Givenchy Menswear SS 15 Kollektion.

@RiccardoTisci

givenchy.com

Credits


Text: Stuart Brumfitt
Fotos: Danko Steiner
Models: Filip at M Managemen. Chris M, Solanne, Lucas D und Nathaniel at New Madison. Caian at Request NY. Kirill at Specimen. Bertold at Other. Paolo at Major. Jon H at New Madison. Tidiou at The Face Paris. Dominic B at City.
Kleidung: Givenchy by Riccardo Tisci Spring/Summer 15 Menswear.