virtual reality: die kunst zwischen den welten

Was ist Realität? Diese Frage stellt sich nicht nur jemand, der gerade mit Drogen experimentiert, sondern auch —als eines der ersten Museen weltweit — das NRW Forum in Düsseldorf, indem es sich mit einer neuen Ausstellung in die Virtual Reality wagt...

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Mai 31 2017, 3:30pm

Der Netzkünstler Manuel Roßner ist Co-Kurator der Ausstellung und Inhaber der virtuellen Float Gallery. Als der künstlerische Direktor des Museums, Alain Bieber, darum gebeten hat, ihm bei der ersten virtuellen Ausstellung zur Seite zu stehen, hat Manuel nicht lange überlegt und einen eindrucksvollen, virtuellen Anbau kreiert, in dem die Ausstellung stattfindet. Mit diesem und vier weiteren künstlerischen Expeditionen wird im NRW Forum den Fragen nachgegangen, die sich in der Virtual Reality unweigerlich stellen: Wie ist die Wirklichkeit strukturiert? Kann man überhaupt noch zwischen einer simulierten und authentischen Welt unterscheiden? Wie intelligent sind künstliche Systeme bereits? Und wird die virtuelle Realität den menschlichen Körper irgendwann überflüssig machen?

Ein Raum mit verschiedenfarbigen Wänden mit insgesamt fünf VR-Sets. Das ist alles, was man in der reellen Welt von der Ausstellung sieht. Nachdem man die VR-Brille aufgesetzt hat, wendet man sich — nun in der virtuellen Welt — erneut dem Treppenhaus zu, das man gerade erst betreten hat. Es sieht nun ganz anders aus: Eine neue Treppe führt hinauf in ein futuristisch-glänzendes Gebilde aus weiteren Treppen, das sich verschlungen gen Himmel reckt. Eine virtuelle Hebebühne bringt den Besucher auf verschiedene Ebenen, auf denen sich große silberne Kugeln befinden, durch die man in verschiedene virtuelle Welten eintreten kann. Die Grenze zum Traum verschwimmt. 

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Für das Gehirn wird es immer schwerer, zwischen echt und unecht zu unterscheiden. Alles fühlt sich real an, allein herunterzuschauen, erzeugt ein leichtes Schwindelgefühl. Ein weiterer Klick und man befindet sich in einer surrealen Welt, in der man von orangefarbenen, geometrischen Wesen angegriffen wird, in einer Wüste mit schwebenden Goldfischen oder in einer surreal-leeren Welt, in der ein großer Wasserhahn Menschen ausspuckt.

Diese letzte Welt stammt aus den kreativen Köpfen des Düsseldorfer Künstlerduos Giulia Bowinkel und Friedemann Banz, die wir aus diesem Anlass zum Gespräch getroffen haben.

Wieso wolltet ihr mit VR arbeiten?
Friedemann:
 Wir arbeiten seit 2009 zusammen und beschäftigen uns im Allgemeinen damit, wie man mit einem Computer im digitalen Zeitalter Kunst machen und dadurch Inhalte verhandeln kann, die für unsere Gesellschaft heute relevant sind. Virtual Reality ist viel unmittelbarer als alle anderen Medien. Man ist eben mittendrin.

Was kann man als Künstler mit Virtual Reality machen, das man mit anderen Medien nicht machen kann?
Friedemann: Was man mit VR machen kann, entwickelt sich gerade an der Arbeit entlang. Man kann dem Menschen über seine eigene Wahrnehmung Eindrücke verschaffen, die ihn betreffen.
Giulia: Man kann Symbole und Formsprache wiederverwenden. Wir benutzen gewissen Symbole immer wieder in unseren Arbeiten wie zum Beispiel Mercury oder die fallenden Kugeln. Diese Elemente sind in sich reproduzierbar und können ganz leicht immer wieder verwendet werden. Das ist dem Medium eigen. Wir finden es spannend, daraus eine Formsprache zu entwickeln, die immer wieder neu kontextualisiert, neuen Sinn ergibt und für uns eine bestimmte Bedeutung hat.

Es gibt so viele Möglichkeiten, eine neue virtuelle Welt zu kreieren. Wie seid ihr genau auf diese Idee gekommen?
Giulia: Grundsätzlich fanden wir gerade diesen Aspekt spannend. Jedes unserer Werke ist ein Vorschlag, der auch ganz anders aussehen hätte können. Das ist auch das Besondere an unseren Simulationen. Man kann zurückgehen, einen ganz anderen Weg einschlagen und dabei wieder andere Abzweigungen nehmen. Es gibt also nicht die eine richtige Wahl, sondern immer auch Alternativen. Hier finden sich Parallelen zu unserer echten Welt, in der gewohnte Abläufe geschehen, die auch anders ablaufen könnten.
Friedemann: Konkret ist das Terrain für die Ausstellung Unreal eines, das wir mit Hilfe Boolescher Operationen (ein logischer Operator, der die Verknüpfungen UND/ODER/NICHT/XOR verwendet) konzipiert haben. Kuben, Würfel und Kugeln wurden miteinander verrechnet, wodurch das Terrain entstanden ist, in dem man sich bewegt. Der Raum ist also so organisiert, wie ein Computer einen Raum schafft. Wir wollten symbolisch an die Frage erinnern, wer in der Virtual Reality die Macht hat.

Inwiefern kann Virtual Reality eine politische Dimension haben?
Giulia: Virtual Reality wird sich entwickeln, auch wenn wir alle nicht genau wissen wohin und zu was. Nichtstun heißt Nichtverstehen. Nur durch die Beschäftigung mit dem Medium kann man es erfassen und sinnvoll reagieren. Eine rückwärts gewandte Haltung ist gefährlich — und fast unmöglich. Am Ende kann sich einer neuen Technologie niemand komplett verweigern: Jeder nutzt Smartphones, Facebook, Google oder zumindest eines davon. Deshalb muss man versuchen sie mitzugestalten und das geht nur durch Handeln. Das ist der politische Aspekt bei jeder neuen, technischen Errungenschaft.
Friedemann: Den Kopf in den Sand stecken ist keine Option. Um ein mündiger Bürger zu sein, muss man aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus. Wenn ich mich an diesen neuen Prozessen beteiligen will, muss ich sie verstehen. Man muss genug Verständnis entwickeln, zu erkennen, wenn man für dumm verkauft wird. Wenn ein Unternehmen sagt, dass eine Leistung umsonst ist, dann muss das nicht unbedingt stimmen. Es gibt andere Bezahlarten als Geld. Die Menschen sollten reflektiert mit den neuen Medien umgehen und ihre eigenen Alternativen entwickeln. 

"Unreal: Eine Virtual-Reality-Ausstellung" kannst du dir noch bis zum 30.Juli im NRW Forum Düsseldorf anschauen.

Credits


Text: Barbara Russ
Fotos: über NRW Forum