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"es ist schwer, jemanden dafür zu kritisieren, er selbst zu sein"

Nächste Woche erscheint Lordes zweites Album "Melodrama". Wir haben die "Green Light"-Sängerin zum Interview getroffen, um über faszinierend und gleichzeitig abstoßende Dinge und den Einfluss ihrer Mutter auf ihre Arbeit zu sprechen.

von Alexandra Bondi de Antoni
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06 Juni 2017, 8:30am

Vier Jahre ist es her, dass Ella Marija Lani Yelich-O'Connor quasi über Nacht vom normalen Teenage-Girl aus Neuseeland zum popkulturellen Phänomen wurde. Auf Pure Heroine sang die damals 16 Jährige über die Gefühlswelt einer Heranwachsenden, erfand unerwartete Melodienlandschaften und hat mit dieser gewissen Fuck-You-Attitüde unsere Herzen gestohlen. Während andere Teenager-Popstars das Erwachsenwerden als rosarote, in Zuckerwatte gepackte Traumwelt beschreiben, zelebrierte Ella ihre Langweile in der Vorstadt und ihr Anderssein auf eine ehrliche Art, wie es zuvor kaum jemand gemacht hat.

Nun wird am 16. Juni ihr zweites, lang erwartetes Album mit dem Titel Melodrama erscheinen. Alle Texte sind in ihrer Heimat Neuseeland entstanden — produziert wurden die Tracks dann in New York. Die ersten Singleauskopplungen zeigen, dass sich die jugendliche Rotzigkeit in ein reflektiertes Sichselbstausprobieren und Hinterfragen einer jungen Erwachsenen verwandelt hat. Wann sie gewusst hat, dass ihre Kindheit vorüber war, und wie ihre Mutter ihr größtes Vorbild ist, hat sie uns bei ihrem letzten Berlinbesuch erzählt.

Auch auf i-D: i-D Meets Lorde — uns erzählt die Sängerin, was sie vom Leben gelernt hat 

Seit deinem ersten Album sind vier Jahre vergangen. Du bist kein Teenager mehr, was man natürlich auch in deiner Musik hört. Gibt es einen Moment, an dem du realisiert hast, dass deine Kindheit vorbei war?
Ich erinnere mich daran, dass ich an dem Tag vor meinem 20. Geburtstag das Gefühl hatte, einen Teil von mir zurückzulassen und dass es Zeit war, ein neues Kapitel zu beginnen. Weil ich so viel Zeit damit verbracht hatte, darüber zu schreiben, wie es ist ein Teenager zu sein, war es wirklich befreiend, etwas Neues zu beginnen, als ich dann selbst keiner mehr war.

Was hast du zurückgelassen?
Ich dachte früher immer, dass ich mit der Zeit weniger neugierig werden würde und mich die Dinge weniger leicht beeindrucken könnten. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Als ich jünger war, dachte ich, dass ich weiß, wie die Welt funktioniert. Jetzt habe ich das Gefühl, es immer weniger zu wissen. Es ist sehr aufregend, mehr über die Welt herauszufinden.

Ob ich wirklich viel zurückgelassen habe, kann ich nicht wirklich sagen. Natürlich ist es eine besonderes Gefühl, wenn man wie ich aus einem Vorort kommt, in dem man sein ganzes Leben gewohnt hat, und man plötzlich merkt, dass es sich nicht mehr ganz so anfühlt wie früher, wenn man jetzt zurückkommt. Aber ich habe einen neuen Platz für mich gefunden und das fühlt sich gut an.

Ich habe neulich eine interessante Unterhaltung geführt, in der jemand zu mir gesagt hat, dass er immer ängstlicher wird, je älter er wird. Als Kind erzählen deine Eltern dir nicht alles und dann gehst du raus in die Welt und realisierst, wie angsteinflößend die Welt sein kann. Kannst du das auch nachvollziehen?
In den letzten Jahren habe ich nach und nach realisiert, dass Menschen oftmals nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Als Kind glaubt man Erwachsenen das, was sie sagen, und erst wenn man älter wird, merkt man, dass das Leben nicht so einfach ist, wie sie es dir gerne weismachen würden. Menschen sind nicht so einfach gestrickt. Eine Zeitlang hatte ich das Gefühl, betrogen worden zu sein, dass die Leute nicht ehrlich zu mir waren. Ich habe dann einfach akzeptiert, dass es nun mal kompliziert ist, ein Mensch zu sein.

Ist das etwas, das du an dir selbst auch siehst?
Natürlich — niemand ist perfekt. Als ich ein Kind war, konnte ich mir nie vorstellen, dass es möglich sein könnte, etwas zu wollen, was nicht gut für mich wäre. Ich dachte: Wenn mir jemand nicht gut täte, würde ich einfach keine Zeit mit dieser Person verbringen. Als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es tatsächlich verwirrend sein kann, dass ich eben doch Dinge will, die vielleicht nicht gut für mich sind und dass ich lernen muss, damit umzugehen.

Gibt es etwas, das dir deine Mutter mitgegeben hat, was du nie vergessen wirst?
Meine Mutter hat mich seit meiner Kindheit mit interessanten Künstlern und Persönlichkeiten umgeben. Ich habe zum Beispiel sehr früh von Frida Kahlo gehört. Sie hat mich auch immer in allem bestätigt, was dazu beigetragen hat, dass ich sehr viel selbstbewusster mein eigenes Ding machen konnte. Auch als ich noch sehr jung war, war es immer ziemlich eindeutig für mich, was ich wollte und was nicht. Ich hatte nie Schwierigkeiten Nein zu sagen, vor allem bei Dingen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie mich nicht gut widerspiegeln. Sie hat mir gezeigt, dass es OK ist, zu wissen, was gut für mich selbst ist, und mich selbst zu fordern. Sie ist wirklich eine tolle Frau.

Du hast gesagt, deine Mutter hat dir gezeigt, was es heißt, eine Künstlerin zu sein. Was bedeutet das für dich?
Die Künstler, die ich bewundere, haben ein Universum für sich geschaffen, in dem sie selbst leben können. Ich liebe Künstler, bei denen man das Gefühl bekommt, als Fan mit in ihre Galaxie zu reisen. Ich habe so viel von solchen Künstlern gelernt. David Bowie ist da ein gutes Beispiel. Sogar Kanye ist so ein eigenes Universum, in dem seine Kunst lebt. Den Menschen eine vollkommene Erfahrung deiner Kunst zu geben, ist etwas ganz Besonderes. Es geht um mehr, als nur darum, ein Album herauszubringen. Wenn ein Künstler das geschafft hat, hat er meine Bewunderung.

Wie weit würdest du sagen, bist du in dieser Erschaffung eines eigenen Universums?
Ich versuche ständig, den Rahmen meiner Songs auszuweiten und etwas hinzuzufügen, was die Menschen nicht erwarten — sei es bei meinen Musikvideos oder einer Performance auf einem Festival zum Beispiel. Das im Hinterkopf zu haben, hilft mir die Grenzen eines Songs zu verschieben, seine Bedeutung zu verändern und an coole Orte zu bringen.

Denkst du daran auch schon, wenn du einen Song schreibst?
Ich habe das Gefühl, das kommt erst später. Wenn ich live performe, lerne ich etwas über meine Songs. Es ist ein wirklich besonderes Gefühl, von etwas, was du selbst geschrieben hast, überrascht zu werden. Mir ist es am wichtigsten, dass die Menschen meine Kunst auf verschiedenen Ebenen verstehen und davon berührt werden. So viel Wunderbares entsteht, wenn Menschen eine ähnliche Idee oder emotionale Reise teilen, das kann ein Song oder ein Album sein.

Wie erst nimmst du Kritik?
Neulich habe ich einer Freundin, die nervös war, etwas zu veröffentlichen, gesagt: Wenn du etwas schaffst, was aus deinem Gehirn stammt, was könnte man dir da entgegensetzen, um dem weniger Wert zu geben? Du schreibst über deine Erfahrung. Wenn du das nicht getan hast, dann kann das kritisiert werden, denn du bist dir selbst nicht treu gewesen. Aber wenn du den Menschen zeigst, wie ein Teil deines Gehirns aussieht, prallt die Kritik ab. Es ist schwer, jemanden dafür zu kritisieren, er selbst zu sein.

Was würde ich sehen, wenn ich mir dein Gehirn anschauen könnte?
Die sehr wissenschaftliche Beschreibung meines Gehirns sieht so aus: Es ist in Lila- und Blautönen gemalt, hat schwarze, aber auch glitzernde und schimmernde Stellen. [Lacht]

Deine Musik wird oft als ehrlich beschrieben, dabei ist Ehrlichsein und offen mit negativen Erlebnissen umzugehen, nicht immer einfach.
Wunden zu zeigen, hilft am Ende jedem. Demjenigen, der sich öffnet, und den anderen Menschen, die sie sehen. Das macht die Welt voller und realer und kann Trost spenden. Zu sehen: "Oh, du hast diese Wunde und die habe ich auch", ist eine gute Sache.

Zum Abschluss würde mich noch interessieren, ob es etwas gibt, was du abstoßend und faszinierend zugleich findest?
Menschen. Die sind abstoßend und faszinierend zugleich. [Lacht] Ich folge außerdem vielen Reptilien- und Insekten-Instagram-Accounts. Neulich habe ich gemerkt, dass ich besessen von diesem riesigen, wunderschönen Käfern bin. Ich liebe es außerdem, zu sehen, wie Schlangen geboren werden — das ist wirklich abstoßend und faszinierend zugleich.

@Lorde

Melodrama erscheint am 16. Juni bei Universal. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: über Universal Music