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unsichere staaten, unsichere zeiten – wie künstler in ausnahmezuständen handeln

Der Kurator der Akademie der Künste Johannes Odenthal spricht mit uns über die Ausstellung „Uncertain States“ und erklärt, wie unsichere Zeiten auf künstlerisches Handeln wirken.

von Lilli Heinemann
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21 Dezember 2016, 9:27am

Eine ganze Wand gefliest mit weißen Kacheln, die durch grüne Motive geziert werden—schön sehen sie aus. Erst aus der Nähe entdeckt man, dass die türkische Künstlerin Ayșe Erkmen Abbildungen von Landminen auf die Keramik gesetzt hat. Der schöne Schein und das wahre Grauen, das sich in der Installation Alkoven versteckt, bereitet die Besucher auf das vor, was sie in der Ausstellung Uncertain States erwarten wird.

Ayșe Erkmen, 'Alkoven', 2016, Rauminstallation, Fliesen mit Siebdruck, courtesy of the artist, Foto: Andreas Sü., © Künstlerin

Drei Monate lang macht die Akademie der Künste das Thema Flucht und Migration zum Schwerpunkt. Eine zeitgenössische Kunstausstellung, der Erfahrungsraum der Dinge aus den Archiven der Akademie und der sogenannte Denkraum mit fast 100 Begleitveranstaltungen, bilden die Struktur. Johannes Odenthal, Kurator und Projektleiter, wollte mit seinem Team aber nicht nur eine Ausstellung zur Flüchtlingssituation kreieren, sondern zur momentanen Gesamtsituation, die aus seiner Sicht durch eine doppelte Bewegung gekennzeichnet ist: „Einerseits, dass Staaten ihre Souveränität verlieren, das sind die sogenannten unsicheren Staaten: Syrien ist natürlich ganz klar, Griechenland war in der Wirtschaftskrise ein unsicherer Staat, die Situation in der Ukraine, inzwischen die Türkei, Ausnahmezustand in Frankreich, also das Aushebeln von Rechten, die Infragestellung der Institution Staat, Uncertain States eben. Uncertain States aber auch als eine Kategorie, die für Künstler fundamental wichtig ist, eine Qualität mit der sie sich in ihren Werken immer wieder konfrontieren. Ausnahmezustände, besondere Situationen sind etwas ohne das wir uns das große Theater, den Tanz, die bildende Kunst, den Film nicht vorstellen können. Und deswegen ist Uncertain States eine für mich ästhetische Kategorie aber zugleich auch eine politische." 

Im Erfahrungsraum der Dinge stellt die Akademie ausgewählte Objekte und Dokumente aus ihren Archiven aus. Sie erinnern an den Ausnahmezustand von Künstlern, die während des Nationalsozialismus aus Deutschland fliehen mussten. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Gegenstände waren für ihre Besitzer wertvolle Begleiter zwischen Flucht und Exil. Sie berichten von Verlust, Verzweiflung und Not und erhalten so die Erinnerung. So sieht man zum Beispiel einen Revolver aus dem Besitz von Kurt Tucholsky, der die Vermutung aufwirft, der Schriftsteller wollte sich einen radikalen Ausweg aus seiner Situation, offenhalten. Ein Taschenkalender von Heinrich Mann zeigt den Eintrag „abgereist" am 21. Februar 1933—dem Tag seiner Flucht aus Deutschland. Jedes Objekt erzählt eine ganz eigene Geschichte. „Im Rücken der Puppe, die Anna Seghers und ihre Familie in ihr Exil nach Frankreich mitgenommen haben und die dann später von Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien und in die USA kam, war ein Brief von Heinrich Heine versteckt, sozusagen als Notgroschen. Das sind Objekte, die nochmal die Situation erzählen. Exemplarisch dafür ist natürlich dieser eine Text von Brecht, indem er sagt, was ein Emigrant ist. Das ist nicht jemand, der freiwillig irgendwo hingegangen ist, sondern dem man alles genommen hat. Von diesen Textbeispielen und von den Filmdokumenten dieser Künstler rekonstruieren wir Lebenssituationen, die der heutigen Situation sehr stark ähneln," erklärt Johannes Odenthal.

Diese Objekte des Erinnerns korrespondieren mit 32 Positionen zeitgenössischer Künstler, in denen Erfahrungen von Krisen- und Fluchtsituationen, Instabilität und Unsicherheit, Krieg und Gewalt reflektiert werden. Die indische Künstlerin Shilpa Gupta thematisiert in Untitled die Wartezonen an Flughäfen anhand einer automatischen Anzeigetafel. Die Schriftzüge auf der Tafel verändern sich ständig, jede Zeile bleibt einige Sekunden lang stehen, bevor sie sich in eine andere verwandelt. Botschaften wie „I Look Out And Wait" oder „I Must Define Others" sollen kulturelle und religiöse Unterschiede verdeutlichen, die in Transitzonen zu verschwinden scheinen. Insbesondere die Fotografie Aktion 117 des iranischen Künstlers Reza Aramesh kann als Metapher für die verbindenden Themenstränge gesehen werden, sagt Johannes Odenthal. Der Künstler hat Flüchtlinge am Pariser Gare du Nord gecastet, um sie dann in Gesten der Unterdrückung im Spiegelsaal von Versailles abzulichten. Hier ist ein junger Mann zu sehen, niederkniend, die Hände auf dem Rücken, als wolle er sich vor dem Militär ergeben. „Diese Geste der Unterwerfung, die Geste der Erniedrigung in diesem barocken Kontext, sie erzählt auch etwas über die koloniale Geschichte Europas, über unser Verhältnis zu den anderen und diese Aufklärung der Blindenflecke innerhalb unserer Geschichte durch die Kunst, dafür steht Reza Aramesh exemplarisch."

Shilpa Gupta, 'Untitled', 2008, motion flapboard made of aluminium, plastic and mechanical parts, Foto: Louisiana Museum of Modern Art, acquired with funding from The Augustinus Foundation, © Künstlerin

Wie handeln Künstler also in Zeiten von Unsicherheit, Flucht und Migration? Die künstlerischen Prozesse stehen weiterhin im Vordergrund, was sich aber verändert, sind die Fragestellungen von Künstlern, die sich mit ihrer Geschichte auseinander setzen. „Ich würde sagen, dass das Phänomen der Migration einen unglaublichen Einfluss auf künstlerische Produktivität gehabt hat und zunehmend hat. Viele Künstler setzten sich mit ihren kulturellen Brüchen und mit ihren Geschichten auseinander. Das hat ein ganz neues Feld von künstlerischen Ausdrucksformen eröffnet. Es ist Teil dieser unglaublichen Kreativität und Dynamik, die aus Migration entsteht."

Die Ausstellung „Uncertain States" ist noch bis zum 15. Januar 2017 in der Akademie der Künste im Hanseatenweg 10 in Berlin zu sehen.

Credits


Text: Lilli Heinemann
Header: Ausstellungsansicht Reza Aramesh, 'Action 175, Action 176, Action 177, Action 178, Action 179', 2016, Mr. Farhad Bakhtiar, Dubai (Bakhtiar Collection), courtesy of the artist, © Künstler, Foto: Andreas Süß Maziar Moradi, '1979', 2007, courtesy of the artist, © Künstler
Fotos: via Akademie der Künste