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Kultur

gender bender: 10 musiker, die uns alle rollenklischees überdenken lassen

Anlässlich der immer häufiger auftretenden Diskussionen über Geschlecht, Identität und wie oder warum die beiden Dinge tatsächlich zusammenhängen, haben wir euch eine Liste mit 10 Musikern zusammengestellt, welche sich, direkt oder indirekt, gegen den...

Max Migowski

Max Migowski

Unsere Gesellschaft hat in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht. Ob man sich diesbezüglich nun an der zunehmenden Akzeptanz gegenüber der LGBTQ-Community, der Body-Positive-Bewegung oder der vielerorts erweiterten Wahrnehmung und Wertschätzung bis dato ausgegrenzter Minderheiten orientiert, sei jedem selbst überlassen. Dennoch ist es nicht zu verneinen, dass wir nach wie vor in einem patriarchalischem System leben. Einem System, das von allem und jedem gewisse Idealvorstellungen hat. Insbesondere betrifft dies die vermeintlich festgelegten Rollen von Mann und Frau. Selbstverständlich hat sich auch hier einiges getan. Nichtsdestotrotz muss man sich leider, selbst als noch so fortschrittlich denkender Mensch, eingestehen, dass es noch ein weiter Weg zum Ziel ist. Zum Ziel der Freiheit eines jeden, die Möglichkeit aller, sich selbst definieren zu können, ohne dabei Rücksicht auf externe Erwartungshaltungen nehmen zu müssen. Vor allem im Musikgeschäft gibt es dabei einige Vorreiter. Künstler und Künstlerinnen, die es satt haben, aufgrund ihres Geschlechts, ihrem kulturellen Background oder ähnlicher Gründe in Schubladen gesteckt zu werden. Wir haben euch eine Liste mit zehn der lautesten, begabtesten und einflussreichsten Musikern und Musikerinnen zusammengestellt, die sich—was ihre Selbstentfaltung betrifft—in keinerlei Schranken weisen lassen. 

Miley Cyrus

Für viele noch als Disney-Pop-Prinzessin Hannah Montana bekannt, ist die inzwischen 22-jährige Sängerin und Schauspielerin viel mehr als nur ein hübsches Gesicht. Sie gehört zu den engagiertesten, prominenten Aktivisten in der LGBTQ-Bewegung und macht ihre knapp 55 Millionen Instagram-Follower regelmäßig auf die Relevanz des Themas aufmerksam. 2014 hat sie die Happy Hippie Foundation gegründet, die sich für obdachlose Teenager und LGBTQ-Teenager einsetzt. Damit einher geht ihre strikte Anti-Haltung gegenüber gesellschaftlich vorausgesetzten Verhaltensregeln in Bezug auf ihr Geschlecht. Dem Out Magazine erklärte sie: „Ich kann mit den Definitionen anderer, wie Jungs und Mädchen zu sein haben, nichts anfangen. Dadurch habe ich dann später auch gelernt, dass ich es nicht hasse, ein Mädchen zu sein, sondern die Tatsache, dass ich deswegen in eine bestimmte Schublade gesteckt werde."

Grimes

„I don't fucking give a shit about gender." So das unmissverständliche Statement der kanadischen Sängerin und Produzentin Grimes gegenüber dem FADER Magazine. Aber Claire Boucher—wie die von Presse und Fans angehimmelte Musikerin Grimes mit bürgerlichem Namen heißt—hat auch an anderen Stellen gezeigt, dass sie nichts von festgelegten Rollen hält. Deutlich wird das, unter anderem, in ihren Songtexten: In „Kill V. Maim" singt sie aus der Perspektive eines Vampirs, der auf eigenen Wunsch hind sein Geschlecht beliebig umwandeln kann. Ein weiteres gutes Bespiel für ihren Protest ist tatsächlich ihre Körperbehaarung. Willentlich stellt sie diese des Öfteren zur Schau, um klar zu machen, dass sie sich nicht vom Kinn abwärts rasieren muss, um irgendwem irgendetwas zu beweisen. Sie muss nicht aussehen wie die fleischgewordene Männerfantasie einer erfolgreichen Popmusikerin, um eine zu sein. Grimes ist das auch so schon.

Frank Ocean

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Das R&B-Phänomen Frank Ocean hat im August dieses Jahres sein lang erwartetes Follow-up zu Channel Orange herausgebracht. Das Album Blonde thematisiert, unter anderem, seine Gefühle, inklusive diskreten Anspielungen auf seine Sexualität und im Allgemeinen seine Person und das Männerbild der Gesellschaft. Diese Themen, oder besser gesagt die Auseinandersetzung damit, sind eigentlich eher atypisch für das musikalische Genre, aus dem sie entspringen. Und als wäre das nicht schon Grund genug, ihn in diese Auflistung mit aufzunehmen, sei an dieser Stelle natürlich noch seinen emotionalen Tumblr-Brief aus dem Jahr 2012 erinnert. Darin gab er bekannt, dass seine Liebe mit 19 einem Mann galt. Damals wie heute ein Tabubruch in Anbetracht seines Backgrounds, seines Musikstils und sämtlicher anderer Umstände. Es entspricht nämlich nicht den Vorstellungen einer Industrie, deren Leitbild das eines heterosexuellen, maskulinen Herzensbrechers ist. 

ANOHNI

Die New Yorker Musikerin ANOHNI, zuvor bekannt als Frontfrau der Avantgarde-Pop-Gruppe Antony and the Johnsons, wurde als Junge geboren, wusste aber schon früh, dass ihr biologisches Geschlecht nicht ihrer eigentlichen Identität als Frau gleicht. In einem Interview mit Flavorwire erklärte sie: „Meine engsten Freunde und Familie haben irgendwann damit begonnen, mich unaufgefordert mit weiblichen Pronomen anzusprechen. Der Presse hingegen habe ich nie meine Präferenz mitgeteilt. Im Privatleben bevorzuge ich 'sie'. Das ist mir wichtig. Eine Person als jenes Geschlecht oder jene Existenz wahrzunehmen, für welche(s) sie sich entschieden hat, ist eine Form des Respekts, eine Form der Wertschätzung." 

Angel Haze

Die amerikanische Rapperin Angel Haze hat sich auf ihrem letzten Mixtape, dem 2015 erschienenem Back To The Woods, schon mit verschiedenen Formen der Ungleichheiten und Differenzen von Schwarz und Weiß in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Aber nicht nur zwischenkulturelle Probleme sind für die Künstlerin ein großes Thema. Auch im Rahmen der Gender-Debatte vertritt sie einen klaren Standpunkt: Letztes Jahr outete sie sich als pansexuell und agender. Erstens bedeutet, dass Menschen an sich, unabhängig vom Geschlecht, auf sie attraktiv wirken können. Zweitens bedeutet so viel wie geschlechtslos.


St. Vincent

Annie Clark, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen St. Vincent, ist nicht nur eine begnadete Grammy-Award-Gewinnerin, sondern auch eine wichtige Persönlichkeit, wenn es um die Gender-Debatte geht. In einem Interview mit dem Rolling Stone antwortete sie auf die Frage, ob sie homo- oder heterosexuell sei: „Ich glaube nicht an solche Worte, ich benutze sie auch nicht. Ich glaube an die Undefinierbarkeit des Geschlechts und der Sexualität". 

Eliot Sumner

„ich bin kein popstar

Eliot Sumner, unter anderem bekannt durch ihre Band I Blame Coco, hat sich noch nie besonders auffällig, besonders feminin oder maskulin gekleidet. Im vergangenen Dezember gab sie auf Nachfrage zu verstehen, dass sie sich selbst weder mit Männern noch mit Frauen identifiziert und im Allgemeinen auch nicht viel von der Kategorisierung nach Geschlecht hält.  

Mykki Blanco

Der 30-Jährige Künstler Mykki Blanco, der im September sein lang erwartetes Debütalbum Mykki veröffentlicht hat, ist ein Paradebeispiel für einen Gender-Bender. Er ist einer der wenigen Künstler seiner Art, die HipHop-Musik machen, weswegen er als Pionier in der Szene gilt. Leider steht sein Erscheinungsbild für viele Musik- und Kulturplattformen mehr im Vordergrund, als seine Arbeit. Er selbst bezeichnet sich als Transgender, gleichzeitig verwendet er aber auch den Begriff multigendered für sich. In einem Interview mit FADER über seinen Song „My Nene" heißt es: „Ich benutze absichtlich neutrale Wörter und Namen in meinen Songs, damit sie möglichst universell sind und jeder sich mit dem Text identifizieren kann."

Deap Vally

deap vally: rocking shoeless to subvert the patriarchy

Noch relativ neu im Geschäft, deswegen aber nicht weniger wortgewandt hinsichtlich der Geschlechterfrage, allem voran ihre Meinung zur Position der Frau. Das Rock-Duo aus Los Angeles besteht aus den Freundinnen Lindsey (rechts) und Julie (links). Letztere wurde vor Kurzem Mutter. Anders als es die Gesellschaft, ihr Management, oder sonst wer möglicherweise von ihr verlangen oder erwarten würde, geht sie trotzdem auf Tour. „Mamas können mehr als Windeln wechseln. Und ich bin hier, um im Namen aller Mamas auf Tour zu gehen", hieß es seitens Julie in einem Gespräch mit LA Weekly. Hiermit zeigt sie, was sie vom typischen Bild der Frau, oder in diesem Fall dem Bild der Mutter, hält. Erst dieses Jahr haben die beiden ihr zweites Album mit dem Titel Femijism herausgebracht. Man kann sich denken, worum es geht.

Young Thug

Angefangen mit seinem hochgelobten, im August 2016 erschienenen Mixtape Jeffrey, auf dessen Cover er in einem lilafarbenen Kleid posiert, bis hin zu seiner Vorliebe für Damenmode: Young Thug gehört zu den Vorzeige-Gender-Bendern der Musikbranche. Der junge Rapper wird aufgrund seines auffälligen, unnachahmlichen Stils—sowohl im musikalischen als auch im modischen Sinn—von etlichen Musikredakteuren und Portalen kontrovers diskutiert. Eine britische Zeitschrift war sogar der Meinung, Young Thug verkörpere ein dem jetzigen Zeitgeist entsprechendes Äquivalent zu David Bowie. Bowie war schon, lange bevor es Begriffe wie „gender fluid" gab, ein Popkultur-Phänomen (und ist es immer noch), und das nicht zuletzt durch sein androgynes Auftreten und seinen mehr als außergewöhnlichen Style. In Bezug auf die Verlobung mit seiner Freundin meinte der aus Atlanta stammende Rapper, dass er zur Hochzeit auch ein Kleid tragen werde. 

Credits


Text: Max Migowski
Foto: Bruno Staub via i-D