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warum feminismus im jahr 2016 so wichtig ist

Wir sprechen uns nur zu gerne gegen Sexismus aus, aber in Wirklichkeit haben wir doch ein Problem damit, wenn Frauen sich von herkömmlichen Rollenklischees lösen.

von Meghan Murphy
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26 Oktober 2016, 8:35am

Das Thema Patriarchat gehört doch ins 20. Jahrhundert, oder? Wir leben immerhin im Jahr 2016. Frauen können tun und lassen, was sie wollen, und bekommen von allen Seiten Unterstützung. Die aufgeklärteren Machos auf Twitter, Brogressives genannt, sagen mir, dass es beim Feminismus jetzt um Menschen und nicht mehr um Frauen geht. Anscheinend glauben sie, dass Frauen nicht mehr befreit werden müssen.

Gleichzeitig reklamieren auch immer mehr Prominente das Label Feministin für sich. Die Cool Girls auf Instagram posten das ganze Jahr Fotos von sich, wie sie einen Pullover mit der Aufschrift „The Future is Female" tragen und der von Kelly Oxford ins Leben gerufene Hashtag #notokay wurde von Millionen Frauen genutzt, die damit ihre „Grab them by the pussy"-Geschichten über sexuelle Misshandlungen mit der ganzen Welt geteilt haben.

Auch wenn das Wort Feminismus in aller Munde ist, scheinen sich die Debatten um Dinge wie Rape Culture und das Totschlagargument, dass Frauen jetzt privilegiert seien und eben nicht mehr unterdrückt, zu drehen. Sexismus ist immer noch ein Problem.

Die Reaktionen auf die Äußerungen von Donald Trump sind dafür das beste Beispiel. Die Aufnahme des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, in der er gegenüber Billy Bush mit sexuellen Übergriffen auf Frauen geprahlt hat, wurde von sehr vielen mit Abscheu verurteilt. Daraufhin haben Frauen weltweit ihre traumatischen Geschichten geteilt. Die allgemeine Reaktion war, dass sich Männer kollektiv von Trump-Verhalten mit Sprüchen wie „Wir sprechen nicht so" distanziert haben. Als sich Trump damit verteidigt hat, dass so nun mal in Männerumkleiden gesprochen werde, haben sich viele Männer gefragt: „In was für Männerumkleiden geht er?". Trevor Noah, Moderator der auch in Deutschland beliebten The Daily Show hat in der Debatte darauf hingewiesen, dass es einen großen Unterschied gebe zwischen Schimpfwörtern und der Verherrlichung von nicht einvernehmlichen Sex. Howard Stern, seines Zeichens Skandal-Radiomoderator, ist dadurch bekannt geworden, dass er sich Stripperinnen und Playboy-Bunnys ins Studio eingeladen und sie gespankt hat. Er hat mit ihnen sexuellen Smalltalk gehalten, er hat Witze über Vergewaltigungen gemacht, er hat sich über das Aussehen von Frauen lustig gemacht und hat über „Hot Beef Injections" gesprochen. Es ist derselbe Mann, der über Trump folgendes gesagt hat: „Ich bin die ganze Zeit von Männern umgeben. Glaubt mir, ich bin 85 Prozent meiner Zeit nur mit Männern zusammen und sie reden viel über Frauen. Aber ich war noch nie mit jemandem in einem Raum, der gesagt hätte: 'Grab them by the pussy'". Sogar Larry Flint vom Hustler, das Magazin, das eine Frau auf seinem Cover durch einen Fleischwolf gedreht hat, behauptet, von Trumps Kommentaren „angeekelt" zu sein. Er bietet jemandem eine Million Dollar, der noch mehr skandalöse Aufnahmen ans Tageslicht bringt. 

So wie es scheint, haben nicht nur Frauen, sondern auch Männer genug von Frauenfeindlichkeit, oder?

Falsch gedacht.

Zwar vermittelt die Öffentlichkeit gerne den Eindruck, dass sie sich um Dinge wie sexuelle Gewalt, Frauenrechte und Geschlechtergleichheit, jedenfalls was sie darunter versteht, kümmert, dennoch sind die meisten Leute nicht bereit, sich die Finger schmutzig zu machen und das Übel Sexismus an der Wurzel zu packen.

Was bringen diese vielen kritischen Äußerungen über Trumps Verhalten, wenn Männer wie Larry Flynt weiterhin davon profitieren, Frauen zu erniedrigen, sie zu objektivieren und solche Bilder auch noch selbst zu produzieren? So sehr ich mit Trevor Noah übereinstimme, dass das Sprechen über sexuelle Gewalt nicht das gleiche wie das Sprechen über Sex sei, so ist es sich in Wahrheit doch sehr viel ähnlicher als wir gerne denken. Rape Culture ist Teil unserer Kultur. Die Aufklärung darüber ist etwas, wofür wir als Gesellschaft verantwortlich sind. Diese Männer wollen gerne als die guten Männer gesehen werden, die Frauen niemals respektlos behandeln würden, weder in der Umkleide noch außerhalb davon. Diese Annahme ist einfach falsch. Die meisten Männer lernen schon von früh an, Frauen zu objektivieren, und werden zu einem gewissen Grad so sozialisiert, dass der Körper einer Frau für das männliche Vergnügen da ist. Die meisten Männer glauben doch noch immer daran, dass Frauen etwas angeboren Feminines haben und dass sie deswegen unterordnen sollen. Ob die Männer das so deutlich verstehen und anerkennen oder nicht spielt keine Rolle. Genau aufgrund dieser Vorstellungen kann die Rape Culture überhaupt erst existieren. Donald Trump hat sich das nicht alles selbst ausgedacht.

Auch wenn sich Stern von Trump distanziert hat, ist er nicht ganz unschuldig. Bei einem Auftritt in Sterns Radiosendung im September 2004 hat er Trump gefragt, ob er dessen Tochter, Ivanka, ein „Piece of Ass" nennen darf. Trump hat zugestimmt. Als Trump im Oktober 2006 wieder zu Gast bei Stern war, hat Stern kommentiert, dass Ivanka üppiger als sonst aussehe. Trump hat wieder zugestimmt. Zwar sind Trumps Reaktionen auf diese Kommentare widerlich, aber Sterns Kommentare sind nicht viel besser. Wahre Männergespräche.

Die aktuellen Reaktionen auf den Besuch der britischen Sängerin Lily Allen im Flüchtlingscamp Dschungel in Calais beweisen, dass sexistische Geschlechterklischees die Öffentlichkeit noch auf andere Art und Weise beherrschen. Nachdem die britische Sängerin einen 13-jährigen Jungen aus Afghanistan getroffen hat, der sein Leben riskiert hat, um nach Großbritannien zu gelangen, entschuldigte sie sich für ihr Land, dass ihn und andere so sehr in Gefahr gebracht habe: „Wir haben euer Land gebombt, wir haben euch in die Arme der Taliban getrieben und setzen euch jetzt einer Lebensgefahr aus, weil ihr in unser Land kommen wollt", sagte sie unter Tränen. Lily Allen, die sich nicht zu schade ist, sich gegen Objektivierung, Belästigungen und andere Formen von Frauenfeindlichkeit auszusprechen, wurde dafür verspottet. Ihr wurde Ignoranz vorgeworfen und sie wurde als kleines, dummes Mädchen behandelt, das Gefühle nur der Aufmerksamkeit wegen vortäuscht. Die Sun hat sie als unmoralische Alkoholikerin dargestellt und sie als aufmerksamkeitsgeile Mutter betitelt, die „die sich lieber für ihre eigenen Fehler entschuldigen sollte, bevor sie sich im Namen von Großbritannien entschuldigt."

Die Botschaft ist die gleiche, die wir Frauen schon seit Jahrhunderten erhalten: Wir sind zu emotional und dumm, um eine eigene Meinung zu wichtigen Dingen wie Politik und Menschenrechte zu haben. Wir sollten lieber schweigen und die Füße stillhalten, weil die Sphäre der Öffentlichkeit kein Ort für eine Lady ist.

Es wird ständig versucht, Frauen in der Öffentlichkeit mundtot zu machen, und das nicht nur von konservativen Männern, sondern auch von selbst ernannten Fortschrittlichen. Man muss sich nur die frauenfeindlichen Beurteilungen anschauen, der Frauen wie Hillary Clinton, Lena Dunham und Leslie Jones ausgesetzt sind. Alle brechen Regeln, weil sie anders sind und Domänen und Rollen besetzen, die historisch betrachtet den Männern vorbehalten waren. Sie werden immer noch danach beurteilt, wie sie auf Männer wirken, entweder sind sie fickbare Sexobjekte oder Ehefrauen und Mütter. Männer akzeptieren Frauen immer noch nicht, die es wagen, in der Öffentlichkeit zu existieren oder sichtbar zu sein, ohne sich der Male Gaze zu unterwerfen.

Egal, wie sehr sich eine Gesellschaft von Männern wie Donald Trump distanziert, wir sind alle schuldig. Wir sind immer noch den alten Vorstellungen verhaftet und nicht willens unseren Ärger direkt an den wirklichen Feind zu richten: das Patriarchat und die Geschlechterhierarchie, nach der Frauen gesehen und nicht gehört werden sollten und nach der Frauen nur in sehr beschränktem Maße in der Öffentlichkeit existieren dürfen.

Meghan Murphy ist eine Autorin aus Vancouver. Sie betreibt die Website Feminist Current.

Credits


Text: Meghan Murphy
Foto: via Twitter