aurora vereint mit ihrer musik brutale realität und verträumte fiktion

Am 11. März wird endlich das erste Album der norwegischen Sängerin veröffentlicht. Wir haben sie vorab zum Interview in Berlin getroffen.

von Zsuzsanna Toth
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17 Februar 2016, 10:15am

Kenny McCracken

Physik und Fantasie, Enya und Heavy Metal, eine alte Seele und die Augen eines Kindes—Die Sängerin Aurora Aksnes ist ein Bündel an Gegensätzen. Sie lebt und liebt Extreme.

Wer sie nicht schon auf einem ihrer Konzerte weltweit bewundern konnte, wird spätestens mit den Melodien ihrer gefühlvollen Songs wie „Running with the Wolves" oder „Murder Song" in den Bann gezogen werden. Wir haben die elfengleiche Sängerin, die eigentlich nie vorhatte, im Rampenlicht zu stehen, an einem verregneten Tag im Michelberger Hotel in Berlin getroffen und haben neben Antworten auf unsere Fragen die virtuelle Eintrittskarte zu einer Welt bekommen, die wir am liebsten nie wieder verlassen würden.

Wann hast du mit deiner Musik angefangen?
Ich habe mit neun Jahren angefangen, Songs und Songtexte zu schreiben. Professionelle Musikerin zu werden, war allerdings nie mein Ziel. Ich hatte nicht das Bedürfnis, meine Leidenschaft mit anderen zu teilen zu müssen. Ich wollte für mich alleine schreiben, weil es mich beruhigt hat. Meine Mutter hat aber irgendwann zu mir gesagt, dass meine Musik therapeutisch auf sie wirke und es egoistisch von mir wäre, sie für mich zu behalten und nicht anderen mit ihr helfen zu wollen. 

Hast du dich denn mittlerweile an das Rampenlicht gewöhnt?
Um ehrlich zu sein, habe ich es das ganze erste Jahr gehasst. Es war beängstigend und, ja, einfach seltsam. Ich erinnere mich, dass ich oft nicht mal einen Bissen zu mir nehmen konnte, wenn ich ein Konzert vor mir hatte. Mittlerweile genieße ich es, in einem Raum mit Menschen, die meine Musik schätzen, sein zu dürfen.

Was war denn dein Plan, was wolltest du werden?
Pianistin oder Balletttänzerin oder Autorin. Ich hatte auch überlegt, eine Karriere als Researcher im Bereich Molekulartechnologie anzustreben. Ich bin verrückt nach Chemie und Physik—nach dieser Welt, die all diese unglaublichen Dinge, mit denen wir umgeben sind, glaubhaft machen kann.

Worum geht es in deinen Songs? Verarbeitest du primär reale Erfahrungen oder Fiktion?
Meistens geht es um mich und Dinge, die in der Welt da draußen leider tagtäglich passieren. Ich habe aber eine rege Fantasie und denke mir auch oft fiktionale Charaktere aus, die sich in unterschiedlichen Songs wiederfinden, wie auch das Paar aus „Murder Song". Es ist schön, mit dieser Verschmelzung von Realität und Fiktion zu spielen.

Deine Songs sind sehr emotional—emotional im Sinne von traurig—, dabei empfinde ich dich als einen sehr positiven Menschen.
Ich habe ein Fenster in meinem Herzen, das sich nur schwer schließen lässt. Deswegen gehen mir viele traurige Gefühle und Erfahrungen, auch wenn es nicht meine eigenen sind, sehr nahe. Meine Songs helfen mir, diese Dinge wieder aus meinem Körper zu bekommen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, das Leben in vollen Zügen zu genießen, wenn man sich bewusst macht, was da draußen alles passiert. Ich muss zugeben, dass es ermüdend ist, so sensibel wie ich zu sein, aber ich bin gleichzeitig froh darüber. Es ist auch eine Gabe.

Fühlst du dich sicherer oder noch verletzlicher durch deine Musik ?
Beides. Wenn du Angst vor einem negativen Gefühl wie Trauer hast und versuchst, sie zu verdrängen, manifestiert sich dieser emotionale Stein, den du in dir trägst. Je öfter du aber über die Trauer nachdenkst und sie bewusst fühlst und akzeptierst, formt sich dieser Stein vielleicht zu einer Perle.

Wie meinst du das?
Wenn du einen Menschen verlierst, wirst du dich primär an die Trauer und den Grund des Verlustes erinnern. Wenn du dich ihr aber stellst, wirst du dich immer mehr an die positiven Aspekte der Person und gemeinsame Erlebnisse erinnern. 

Kannst du dich an den ersten Song oder die Musikrichtung erinnern, die dich richtig berührt hat?
Klassische Musik und ganz konkret „Die Mondscheinsonate" von Beethoven. Sie ist so wunderschön, sie bringt mich bis heute zum Weinen. Gleichzeitig macht es mich unsagbar glücklich, zu wissen, dass so etwas Schönes auf diesem Planeten existiert.

Welche Musiker haben einen Einfluss auf deine Arbeit? Beschäftigst du dich viel mit zeitgenössischen Strömungen und Künstlern?
Ehrlich gesagt, bin ich da ziemlich weit hinterher. Zu den wichtigsten Musikern gehören für mich bis heute Bob Dylan, Leonhard Cohen, Kate Bush, David Bowie und Enya. Daneben immer noch klassische Musik. Ach ja, und Heavy Metal aus Norwegen.

Apropos Norwegen: Hast du vor, demnächst in eine Großstadt zu ziehen?
Nein, nie. Als ich noch jünger war, fand ich die Vorstellung, nach Los Angeles, San Francisco, Berlin oder Paris oder Porto zu ziehen, ganz toll. Aber je älter ich werde und je mehr ich reise, desto mehr will ich nur nach Stavanger nach Hause kommen.

Was macht diesen Ort für dich so besonders, dass du ihn nicht verlassen willst?
Er ist sehr klein, sehr ruhig, jeder kennt sich. Wir haben das Meer, so viel Grün und Tiere. [Sucht auf dem iPhone ein Foto] Es ist magisch. Ich muss 40 Minuten laufen, um Milch zu kaufen. Aber das ist vollkommen in Ordnung. [Aurora legt das iPhone wieder weg und sieht aus dem Fenster.]

Später möchte ich noch abgeschotteter leben. Auf einem Hügel mit einem Garten, in dem ich nackt im Gras liegen kann, ohne dass mich jemand sieht. Ich liebe Menschen, aber noch mehr liebe ich die absolute Stille.

Dein erstes Album wird am 11. März veröffentlicht. Welche Geschichte ergibt sich aus der Summe deiner Songs?
Ich würde sagen, dass es um Akzeptanz geht. Akzeptanz deines eigenen Lebens, aber auch der Welt, die dich umgibt. Es geht um die Einsicht, dass der größte Feind des Menschen vielleicht der Mensch selbst ist; zu sehen, dass es scheußlich ist, und einzusehen, dass du nichts daran ändern kannst. Du kannst die Welt nur ein bisschen besser machen, indem du auf dich und deine Handlungen achtest und freundlich bist. Darum geht es in dem Album. Und im Leben. 

http://www.aurora-music.com/

@aurora

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Credits


Text: Zsuzsanna Toth
Foto: Kenny McCracken

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