die sexualität in der modernen welt: stand 2014

Es ist ein bisschen schwierig darüber zu schreiben, was es 2014 bedeutet, ein schwul-lesbisch-bisexueller-trans* (LGBT) Junge/Mädchen zu sein. Es ist ein bisschen so wie darüber zu schreiben, was es für eine heterosexuelle Person 2014 bedeutet...

von Amelia Abraham
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31 Oktober 2014, 4:30pm

Wenn ich mich umgucke, sehe ich gleichgeschlechtliche Paare küssend auf Parkbänken, Drag Queens und Trans-Menschen im Fernsehen, kurz LGBT-Menschen, die sich nicht länger ausgegrenzt, sondern willkommen heißen. Ich kann nur aus der Perspektive von jemandem schreiben, der das Glück hat in einer progressiven und multikulturellen Metropole wie London zu leben. Aber so wie sich unsere Gesellschaft Schritt für Schritt öffnet und toleranter wird, werden wir, die LGBT-Community, weniger „anders". Die Kluft zwischen Heteros und Homos wird merklich kleiner.

Nichts hat diesen Befund offensichtlicher werden lassen, als ich bei einer der ersten gleichgeschlechtlichen Hochzeiten in England dieses Jahr dabei war. Die Zeremonie fand um Mitternacht am 29.März statt und das Brautpaar stand in einem Wettbewerb darum, wer das erste gleichgeschlechtliche Ehepaar in Großbritannien wird. Der Dresscode sagte „sexy und kameratauglich" und die Gäste betraten zum Mariah-Carey-Song Fantasy die Halle. Was sich nach einem stereotypen, tuntigen Event anhört, hat tatsächlich alles verändert. Indem sie die Zeremonie und das Eheversprechen ihren Wünschen angepasst haben, haben sie Geschichte geschrieben. Es hätte sich nicht „normaler" anfühlen könne, als sich die beiden Bräutigame in ihren schimmernden blauen Samtanzügen gegenseitig das Ja-Wort gaben. Sogar mich als Journalistin, und obwohl ich die überhaupt nicht kannte, hat es zu Tränen gerührt.

Es ist leicht, eine wilde, nymphomane Sexhexe in einem Friedenscamp außerhalb Norfolks zu sein. Aber wenn im Supermarkt Glückwunschkarten mit Braut und Braut verkauft werden - das ist wahrer Fortschritt.

Viele in der LGBT-Community denken, dass die Homo-Ehe gleichbedeutend mit der Unterwerfung unter das Hetero-Regime ist. Ein Regime, das uns ausgeschlossen hat und in vielen Dingen immer noch ausschließt. Mit den Gedanken im Hinterkopf hatte ich ein gleichgeschlechtliches Paar gefragt, warum sie heiraten wollen. Gemma und Danielle aus Nordengland haben im September geheiratet. „Wir heiraten, weil wir uns lieben und weil wir können. So viele Schwule und Lesben auf der Welt können es nicht. Es geht dabei nicht darum, ob man sich an die Mainstreamkultur verkauft und Teil davon wird. Unsere Sexualität und Beziehung „normal" und akzeptiert zu machen, ist das Revolutionärste was wir tun können. Es ist leicht, eine wilde, nymphomane Sexhexe in einem Friedenscamp außerhalb Norfolks zu sein, aber wenn im Supermarkt Hochzeitskarten mit Braut & Braut verkauft werden - das ist wahrer Fortschritt." 

Dieser Fortschritt hätte schon viel früher kommen müssen. Besonders wenn man bedenkt, dass Großbritannien das 16. Land war, das die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt hat. Es ist erst 50 Jahre her, da war Sich-Outen radikal, schwule Kultur gab es nur im Verborgenen und war illegal und LGBT-Politik vollständig marginalisiert. Homosexualität wurde in Großbritannien erst 1967 legalisiert, bevor es mit dem Aufkommen von AIDS in den frühen 80ern und die von konservativen und religiösen Gruppen initiierte durch die AIDS-Hysterie geschürte Anti-Schwulen-Propaganda einen riesigen Rückschritt gab. Schwule und Lesben haben sich als Selbstschutz zusammengerottet. Viele der Unterschiede innerhalb der LGBT-Community hatten sich aufgelöst und in den späten 80ern wurde „queer" zu einem kämpferischen Sammelbegriff für alle nicht-heterosexuellen Identitäten. Queer drückte das Gefühl von kollektiver Wut und Aktivismus aus.

Jedoch sehe ich in meiner Generation weniger Wut und Ungerechtigkeit. Wir hatten nie einen Grund wütend zu sein und uns ungerecht behandelt zu fühlen. Wir hatten das Glück gegen Ende der Aids-Krise geboren worden zu sein. Wir wurden in einer Zeit erwachsen als sich die Gesetze zu Sex, Adoption und das Recht von Schwulen und Lesben Eltern zu sein überdacht und richtigerweise geändert wurden. Es ist nicht zu leugnen, dass Trans-Rechte hinterherhinken und es natürlich immer noch Vorurteile gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans* gibt. Laut Zahlen der britischen LGBT-Organisation Stonewall haben sich 23% der jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* schon einmal versucht das Leben zu nehmen. Es wird immer homophobe Menschen in Großbritannien (und anderswo) geben, die uns zum Teufel wünschen (wir sehen uns da wieder!). Es wird auch immer die militanten Queers geben, die das zum Anlass nehmen jeden abzulehnen, der zu konformistisch oder zu hetero ist. Aber für jeden dazwischen ist die Gesellschaft nur ein großes Sammelbecken.

Am sichtbarsten wird der Wandel an Schwulenclubs. Ghettoisiert wie die Menschen, die sie besucht haben, entstanden Schwulenclubs in zwielichtigen Stadtvierteln, denke da nur an Londons SoHo, Manchesters Canal Street und Brightons Kemp Street. Aber im Laufe der Zeit wurden immer mehr schwule Partys in Heten-Clubs veranstaltet. Ein Beispiel ist die Londoner Party Sink The Pink: die Drag-Extravaganza ist momentan eine der beliebtesten Partys in London und findet in einem Club, in den früher Arbeiter gegangen sind, statt. Wenn das keine Metapher für die Verschränkung von schwuler und heterosexueller Kultur ist. „Die Menschen haben genug von den stereotypen Schwulenclubs und dem dunklen Kellergefühl vergangener Tage", sagt Glyn Famous, einer der Partyveranstalter von Sink The Pink. „Es ist Zeit zu feiern: Das ist eine Community und nicht nur ein schlecht beleuchteter Raum mit einem Drogenproblem. Du kannst jeden mitbringen." Ich würde trotzdem nicht mit deiner Oma zu Sink The Pink, aber es zeigt, dass Schwulenclubs, zumindest in London, für alle offen stehen.

Schwule, Lesben und Trans* mussten ausschließlich als Subkulturen leben, waren außer in ihren eigenen kleinen Communitys überall unterrepräsentiert, jetzt aber durchdringt LGBT-Kultur den Mainstream. Medien bilden den Raum, in dem wir uns selber erkennen und sie bilden endlich die wahre Vielfalt ab.

Gehen Schwule denn noch selber in Schwulenclubs? „Klar, ich mag Schwulenbars, weil die Musik mehr Spaß macht", sagt Luke aus Nottingham. „Aber was sich geändert hat: Schwule müssen nicht mehr in Bars oder Clubs gehen, um jemanden abzuschleppen. Hallo?… Dafür haben wir Grindr." Luke steht exemplarisch für meine schwulen Freunde und ich spreche nicht nur davon, wie geil er immer ist. Es gibt ein kollektives Gefühl von „Warum sollen wir nur mit Schwulen rumhängen, nur weil wir schwul sind?" Dies hat auch ökonomische Konsequenzen. Letztes Jahr hat in London die bekannteste Lesbenbar, Candy Bar, dicht gemacht. In einem Artikel für den britischen Guardian schrieb die LGBT-Journalisten Eleanor Margolis darüber, wie „die graduelle Akzeptanz von queer Frauen in den Mainstream die Lesbenbar zu einem Auslaufmodell gemacht hat."

Schwule, Lesben und Trans* mussten ausschließlich als Subkulturen leben, waren außer in ihren eigenen kleinen Communitys überall unterrepräsentiert, jetzt aber durchdringt LGBT-Kultur den Mainstream, wie Eleanor schreibt. Medien bilden den Raum, in dem wir uns selber erkennen und sie bilden endlich die wahre Vielfalt ab. Im Fernsehen läuft das Phänomen Orange is the New Black(OITNB). Wie die Serie The L World repräsentiert OITNB viele unterschiedliche sexuelle Identitäten von Frauen. In welcher Serie gibt es sonst eine Butch- und Femme-Lesbe, die Punkte darüber führen, wer mit mehr Frauen geschlafen hat?

Noch ein Beispiel: Drag Race von RuPaul. 6 Staffeln voller scharfzüngiger Sprüche, Cross-Dressing und Gender-Performances. Ich habe den Modefotografen/Teilzeit-Drag-Queen Louie Banks gefragt, ob und was für einen Einfluss diese Serien haben. „Mit Serien wie Drag Race und Drag Queens of London ist Drag in den Medien präsent wie noch nie. Man kann nicht anders als die Veränderung spüren. Natürlich ist nicht alles davon positiv oder realistisch. Diese Serien können das Vorurteil nähren, dass Drag nur Zickenkrieg und Perückenklauen bedeutet. Abgesehen von ein paar Übertreibungen enttabuisieren diese Serien, wenn man sich eine Perücke aufsetzt und mit den Klamotten aus Mamas Kleiderschrank rumrennt. Diese Serien bestärken Menschen darin, herauszufinden wer sie wirklich sind.

Ähnliches sehe ich auch im HipHop. In den letzten Jahren kam Queer Rap auf. Mykki Blanco, Leif, Brooke Candy, Angel Hase und Frank Ocean haben eine traditionell homophobe Kunstform genommen und sie zum Lautsprecher für queere Inklusivität gemacht. Es ist subversiv. Brooke Candy, die das Wort „Fag" („Schwuchtel") umdeuten will und ihre Fans „Fag Mob" („Schwuchtelhaufen") nennt, denkt, dass die Musikindustrie aber noch viel dazulernen muss. „Es ist immer die Entscheidung des Künstlers", erzählt sie mir. „Es gibt viele von ihnen, aber sie sind nicht bereit zu sich zu stehen. Ich kenne jeden gottverdammten Schwuli in dieser Branche und wenn die sich outen würden, wäre das so eine Befreiung." Zum Glück haben viele Promis eine andere Entscheidung in den letzten Jahren getroffen. Das Outing von britischen Schwimmerstar Tom Daley auf Youtube hatte Einfluss auf die britische Sportwelt, auch wenn jeder mit einem funktionierenden Gaydar nicht wirklich überrascht davon war. Die Schauspielerin Ellen Page war da schon mehr eine Überraschung. Jetzt haben überall junge Lesben einen Grund mehr, dass sie sich nicht abnormal fühlen müssen.

Obwohl wir uns auf eine Zeit zubewegen, in der einen der Stempel LGBT nicht mehr definieren muss, gibt es immer noch Promis, die nicht das Gefühl haben, sich outen zu müssen. All diese gleichgeschlechtlichen Bi-Paare, die wie Pilze aus dem Boden schießen, haben etwas erfrischend Normales. Lindsay Lohan und Samantha Ronson, Cara Delevingne und Michele Rodriguez und aktuell Angel Hase und Ireland Baldwin. „Das Aufkommen von Paaren, die ihre Sexualität nicht öffentlich bekanntgeben, ist positiv", sagt die offen lesbisch lebende Promi-Journalistin Sophie Wilkinson. „Das zeigt nur, wie irrig die Annahme ist, davon auszugehen jemand ist hetero, es sei denn er oder sie outet sich in einer großen Zeremonie. Jedoch geht vom Outing und vom Stempel „schwul"/„lesbisch" immer noch eine große politische Wirkung aus, wenn immer noch Menschen auf Spielplätzen, in Pubs oder wo auch immer die Hinterwälder wohnen beschimpft werden."

Diskriminierung und Gewalt gegen Schwule und Lesben sind nicht nur in Großbritannien immer noch weit verbreitet und müssen bekämpft werden. Während frühere LGBT-Generationen in Zeiten von Verfolgung und Illegalität aufgewachsen sind, wurde den Jungen und Mädchen meiner Generation die Freiheit gegeben, offen leben und lieben zu können.

Was Angel Haze in einem Interview zu mir gesagt hat, hat für mich auf den Punkt gebracht, dass sich LGBT-Menschen nicht länger nur über ihre Sexualität definieren müssen. „Ich habe keine Coming-out-Geschichte, weil ich glaube, dass sich keiner outen muss", sagt sie mir. „Ich verstehe die Faszination mit Schwulsein, Lesbischsein oder Bi-sein nicht. Es gibt keinen Unterschied zwischen Schwulenrechten und Menschenrechten. It's just fucking stupid." Haze war fertig, bevor wir überhaupt zum Thema gekommen sind. „Post-gay", wenn du so willst. Ihre Antwort klang wie die von vielen meiner Freunde. Sie lehnen es ab, überhaupt zwischen Heteros und Homos zu unterscheiden. Bei Haze klingt das wie eine Auflehnung gegen ihre Erziehung, aber für viele meiner Bekannten ist diese Einstellung ein Nebenprodukt einer toleranteren Gesellschaft, in der das Schwulsein normaler geworden ist.

Natürlich gilt das nur für privilegierte LGBT-Menschen im Westen. Woanders sieht die Situation für die LGBT-Communty leider viel schlechter aus. Zwar hat das Anti-Schwulen-Gesetz in Uganda ein breites Medienecho gefunden, aber die grausame Misshandlung und Tötung von Schwulen sowie die sogenannte „korrigierende Vergewaltigung" (corrective rape) von Lesben in Afrika ist ein wachsendes Problem. 38 von 53 afrikanischen Ländern stellen Homosexualität unter Strafe. In 77 Ländern auf der Welt ist gleichgeschlechtlicher Sex illegal. Es sind deprimierende Zahlen, aber es ist wichtig darüber nachzudenken. Wenigstens hat die Reaktion auf das russische Gesetz gegen „Schwulenpropaganda" gezeigt, wie der Rest der Welt Druck auf homophobe Regime, die ihren LGBT-Bürgern einfachste Menschenrechte verweigern, in einer Zeit von wachsender gegenseitiger Abhängigkeit ausüben kann.

Obwohl ich denke, dass es uns als LGBT-Menschen im Westen im Ganzen nie besser ging, sind wir noch längst nicht am Ende angekommen. Diskriminierung und Gewalt gegen Schwule und Lesben sind nicht nur in Großbritannien immer noch weit verbreitet und müssen bekämpft werden. Während frühere LGBT-Generationen in Zeiten von Verfolgung und Illegalität aufgewachsen sind, wurde den Jungen und Mädchen meiner Generation die Freiheit gegeben, offen leben und lieben zu können. Ich bin dankbar LGBT zu sein, weil ich für Schwulenrechte kämpfen kann, mich eng mit der Schwulenkultur verbunden fühle und zu schrecklicher Popmusik in einer schäbigen Schwulenbar tanzen kann. Aber im Grunde genommen stehen sie heutzutage jedem offen - schwul, hetero, trans* oder weiteres. Das ist etwas, was wir feiern sollten, weil LGBT-Menschen so schlussendlich einfach nur „Menschen" sein können.

@MillyAbraham 

Credits


Text: Amelia Abraham

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