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photography matt lambert

Matt Lamberts intime Fotos fordern den Mainstream heraus

Lewis Firth

Der in Berlin lebende Fotograf kreiert erotische Bilder, die die Grenzen zwischen Gesellschaft und Intimität einreißen.

photography matt lambert

Die Medienlandschaft ist eine Landschaft der Stereotypen und Fehlinterpretationen. Der in Berlin lebende Filmemacher und Fotograf Matt Lambert hat es sich zur Aufgabe gemacht, in seinen Arbeiten gegen die vorherrschenden Konventionen in der Darstellung von Personen in den Medien zu rebellieren. Seine Arbeiten sind organisch, eine authentische Reflexion von Intimität, Personen und Sexualität, mit der sich das Publikum identifizieren kann. i-D traf Matt Lambert und sprach mit ihm über Homoerotik, Modefotografie und die Nähe zu seinen Fotomodellen.


Auch auf i-D: Wir waren mit Matt Lambert und Mykki Blanco in Südafrika unterwegs


Wie nutzt du Film und Fotografie als Mittel, um bestimmte Probleme in der Gesellschaft anzusprechen?
Als ich anfing das Thema Sexualität durch das Medium Film zu erkunden, wollte ich meine jugendlichen Vorstellungen von Gewalt und Sex erkunden und dekonstruieren. In New York begann ich mit Künstlern, wie Gio Black Peter, Bruce LaBruce und Slava Mogutin, zusammenzuarbeiten und bemerkte, dass ich in meinen Arbeiten mein eigenes Leben ohne Angst und Scheuklappen darstellen kann und dies auch akzeptiert wird. Als ich dann nach Berlin gezogen bin, begannen mich meine eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen zu beeinflussen. Diese Herangehensweise hauchte den Bildern mehr Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Tiefe ein. Leute fingen an, auf meine Arbeiten zu reagieren. Viele meldeten sich bei mir, weil sie von den Inhalten berührt waren.

Ist Intimität in den Mainstream-Medien vorhanden? Wie injizierst du Intimität?
Ich fing an, Wege zu finden, wie ich meine persönlichen Erfahrungen kanalisieren kann. Einige der Bilder sind entstanden, als ich mit Leuten rumgemacht habe oder abgehangen bin, während Freunde rumgemacht haben. Wenn ich jemanden fotografiere, den ich nicht gut kenne, geht es darum, einen Weg zu finden, um dieselbe Menge Vertrauen aufzubauen, die man hat, wenn man jemanden gut kennt oder liebt. In der Mode ist Homoerotik wirklich widerlich. Die Fetischisierungen von jungen, heterosexuellen Männern fühlt sich für mich schmutziger als Pornografie an. Schwule Arbeiten spielen zu oft mit Extremen und Klischees und zielen plump darauf ab, den Zuschauer zu schocken.

Glaubst du, dass Modefotografie Fehlinterpretationen von Sexualität und Gender verstärkt?
Ich möchte nicht alle Modefotografen über einen Kamm scheren. Es gibt unglaublich gute Fotografen, die ehrliche und schöne Bilder produzieren. Als Ganzes jedoch ist die Modefotografie sehr ausbeuterisch und emotional tot. Es gibt so viele Leute, die nichts zu sagen haben und die trotzdem Content produzieren. Ich behaupte nicht, dass jedes Bild die Welt ändern muss oder eine gesellschaftskritische Botschaft transportieren soll. Dennoch verstehe ich nicht, wieso man ohne Thema oder Anliegen fotografiert.

Warum wollen so viele Leute Mode fotografieren? Was ist so faszinierend an dieser Welt?
Die Fetischisierung von Marken und dem Promi-Status ist sicherlich ein großer Grund dafür. Die Integrität von Inhalten geht oftmals zugunsten von Likes und Views verloren. Soziale Plattformen und das Bedürfnis nach Bestätigung können Arbeiten verwässern. Die Leute haben keine Meinung mehr und fotografieren das, wovon sie denken, dass es gut ankommen wird. Sie sammeln Marken, Publikationen und Promis für ihr Portfolio. Ich verstehe, dass es um Kommerz geht und dass man ein kommerzielles Portfolio braucht, aber es muss mehr geben, als ein Sklave dieser Kriterien zu sein.

Denkst du, dass Ansprüche, Themen und Ideen gänzlich von den sozialen Medien diktiert werden?
Über soziale Plattformen kann ich meine Arbeiten am leichtesten einem Massenpublikum zugänglich machen. Sie haben mir sogar geholfen, meine Stimme zu verfeinern und sensible Themen anzusprechen. Es kommt darauf an, ob man auf ein Publikum reagiert oder auf eine Industrie.

Ist die Industrie nicht dem Geschmack des Publikums ausgeliefert?
Ich weiß, dass es eine widersprüchliche Aussage ist. Was ich meine: Ich versuche Inhalte zu kreieren, die intim sind. Wenn ich eine Szene oder ein Bild erschaffe, berücksichtige ich dabei immer die emotionale Erfahrung für den einzelnen Betrachter.

Was für einen Einfluss hätte es auf die Gesellschaft, wenn Inhalte persönliche und emotionale Erfahrungen berücksichtigen würden?
Je intimer man ein Thema präsentiert, desto schwieriger ist es, sich davon zu distanzieren. Wenn Leute auf Stereotypen reduziert werden, kann man ihre Erfahrungen einfacher marginalisieren. Wenn Frauen in der Mode mehr wie Menschen darstellt werden würden, dann könnte es die Art ändern, wie junge Männer sie wahrnehmen: von einer Ware zu einer Gleichgestellten. Bei der Darstellung von Homosexualität in den Medien ist es ähnlich. Aber es tut sich etwas. Die Modelagentur TIAD (Tomorrow is Another Day) hat ein paar offen schwule Models und unterstützt deren Persönlichkeiten und Identitäten.

@dielamb

Matt Lamberts erstes Buch "Keim" erscheint im April. Es wird von Pogo Books herausgegeben und wurde vom Studio Yukiko designt. Hier kannst du es vorbestellen.