Die hässliche Seite von Schönheit

Die Fotografin Coco Young stellt in ihrer Arbeit gesellschaftliche Konventionen und das Schönheitsbild unserer von ihrem eigenen Bild besessenen Generation in Frage.

von Tish Weinstock; Fotos von Coco Young
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06 Januar 2015, 8:30am

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Schon seit dem Satz des Pythagoras über den langjährigen Fetisch der Modebranche mit Größe 34 und eins achtzig großen Glamazons bis hin zum ersten Selfie von Narziss wurde immer versucht, Schönheit zu definieren. Auch ungefähr eine Million "Like"-Jahre später starren wir unentwegt unsere eigenen Spiegelbilder an stets auf der Suche nach der einzigen und wahren Perfektion. Fotografin Coco Young stellt traditionelle Vorstellungen in Frage und schafft es das Fundament unserer Generation, die von ihrem eigenen Bild besessen ist, aufzuweichen. Inspiration schöpft sie dabei aus ihrer Vergangenheit als Model und einmalige Muse des amerikanischen Fotografen Ryan McGinley – ein Etikett, das sie seitdem nicht mehr los wird. Wir trafen Coco zum Interview und haben mit ihr über die Mythen, Musen und egozentrisches Geschwafel einer eitlen Generation gesprochen.


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Was fasziniert dich als Künstlerin daran, den Schönheitsmythos und die Selbstbesessenheit einer ganzen Generation offen zu legen?
Das Bild von Schönheit ist in unserer Gesellschaft sehr stark verzerrt, dennoch bin ich nicht wirklich daran interessiert dieses Faktum zu ändern. Mich interessieren mehr die Strukturen, die diese Normen schaffen, und wie die Massen darauf reagieren. Das ist nicht nur auf Menschen beschränkt, sondern auch auf Waren und die Welt an sich. Was macht das iPhone 6 so begehrenswert? Warum finden wir Sonnenuntergänge so schön? Wieso hat Turner immer wieder Meerespanoramen gemalt?

Haben deine Modelvergangenheit und dein Status als sogenannte "Muse" dein künstlerisches Schaffen beeinflusst?
Meine Vergangenheit als Model hat mir Zugang zur eitelsten Branche verschafft, wodurch ich viel reisen konnte und die Möglichkeit hatte, fremde Orte zu besuchen und kennenzulernen. Ich glaube nicht, dass meine Arbeit etwas mit Mode an sich zu tun hat, sondern eher den Prozess der Kommerzialisierung widerspiegelt. Was die Modebranche mit ihren Produkten macht, machen wir freiwillig mit uns selbst. Jeder kann seine eigene Persönlichkeit erfinden, jeder kann sein, wer er möchte. Es ist besonders faszinierend, weil jeder eine andere Vorstellung davon hat, welche Identität erstrebenswert ist. Momentan beschäftigt mich meine eigene Identität: Das Etikett "Muse" verfolgt mich bis heute, unabhängig davon was ich mache, nur weil ich vor fünf Jahren für einen Maler für 30 Dollar die Stunde posiert habe, von dem ich damals nicht mal wusste, dass er berühmt ist.

Sind wir eine eitle Generation?
Eitelkeit gehört und hat auch immer schon zum Menschen gehört. Jedoch hat unsere Generation die technologischen Mittel, um diese Eitelkeit öffentlich zu zeigen. Das wiederum lässt es zu einem sozial akzeptierten Verhalten werden.

Eitelkeit und die Suche nach dem Schönheitsideal reichen bis in die Antike zurück. Würdest du sagen, dass sich die Dinge zum Besseren gewandt haben oder nicht?
Das Schönheitsideal hat sich geändert. Tizians Venus von Urbino würde heute als mollig gelten und außerdem variiert es von Kultur zu Kultur. Wirklich interessiert bin ich aber daran, die Idee Perfektion zu hinterfragen und warum wir uns diesen widersprüchlichen Maßangaben unterwerfen. Die Maße eines Laufstegmodels sind zum Beispiel das neue Ideal. Ich habe mich intensiv mit der Laufstegfotografie beschäftigt. Der Zweck dieser Bilder ist es als kleine Thumbnails im Internet zu erscheinen. Mich interessiert es, sie aus dieser Funktion herauszulösen und sie auf menschliche Masse zu vergrößern. Es ist komisch, da der ursprüngliche Zweck des Bildes im neuen Format nicht mehr funktioniert. Die lebensgroße Version ist jedenfalls sehr beängstigend. Dieses vorgegebene Model der Perfektion lässt sich nicht in die reale Welt übersetzen, genauso wenig wie die Selbstvermarktungsbilder aus dem Internet.

Viele deiner Arbeiten beschäftigen sich mit Frauen. Denkst du, dass Eitelkeit weiblich ist?
Es ist merkwürdig, dass du das fragst, weil ich auch viele Männer fotografiert habe. Vielleicht gibt es im Buch mehr Porträts von Frauen, das ist aber keine Absicht. Ich denke, dass Eitelkeit unisex ist, weil sie zum Menschen gehört. Dennoch ist diese Frage interessant, da es so wirkt, als ob mehr Frauen ihre Identitäten in sozialen Netzwerken kuratieren und Selfies veröffentlichen. Ich weiß nicht, wie ich darüber denke. Es ist ein doppelschneidiges Schwert, weil man sich einerseits dadurch stärken kann, es aber andererseits auch als abwertend empfunden werden kann.

Welche Bedeutung hat klassische Kunst in deiner Arbeit?
Ich habe Kunstgeschichte an der Columbia studiert, wodurch meine Ausbildung schon tief in der klassischer Kunst verwurzelt ist. Griechische und römische Mythologie hat mich schon immer fasziniert. Ich bin in Marseilles aufgewachsen, das vor über 2600 Jahren von den Griechen gegründet wurde. In meiner Kindheit habe ich viele griechische und römische Ruinen besucht und war klassischer Kunst ausgesetzt, einfach weil ich dort gelebt habe. Vor ein paar Monaten habe ich die Ilias und Odyssee gelesen und war überrascht, wie universell diese beiden Epen sind. Odysseus ist zwischen der Vernunft, nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn zu gehen und das Richtige zu machen, und der Irrationalität, seinem Sinn nach Abenteuer, Reisen, die Welt zu entdecken und andere Frauen zu treffen, zerrissen. In meinem Buch Vanity habe ich versucht, diese Gedanken mithilfe von Narziss als Ausgangspunkt einfließen zu lassen. Sein Verstand sagt ihm, nicht in sein Spiegelbild im Wasser zu blicken, weil er zu schön ist, aber er hört nicht auf seine Intuition und ertrinkt schließlich in diesem. Ich denke, dass wir das auch auf die Selbstverliebtheit unserer Generation übertragen können.

Welche Bedeutung hat Wasser in deiner Arbeit?
In dem Mythos von Narziss ist Wasser sein Spiegel, die Schwelle zwischen Narziss als Person und Narziss als Bild. Für den Menschen ist Wasser etwas Lebensnotwendiges. Andererseits wird es als Marke geschützt, verkauft, in Flaschen abgefüllt und importiert. Was wiederum für einen riesigen CO2-Ausstoß sorgt. In meiner Arbeit ist Wasser etwas Verführerisches, aber auch etwas, was dem kapitalistischen System unterworfen ist. Es ist eine natürliche Ressource, die kostenlos sein sollte. Stattdessen wird es in schicken Flaschen in reichen Ländern verkauft, während einige Entwicklungsländer keinen ausreichenden Zugang dazu haben. In Vanity benutze ich den Prozess der Kommerzialisierung als Metapher für die Selbstvermarktung in der Modebranche und anderswo.

Hat Social Media die Art und Weise verändert, wie wir über Schönheit nachdenken?
Social Media hat Schönheit irrelevant gemacht. Die Illusion von Schönheit ist zu einem kollektivem Geheimnis geworden: Wir alle wissen, dass es eine Lüge ist, aber spielen trotzdem mit.

Zeigt Social Media bessere Versionen von uns?
Ich glaube nicht. Mir ist es lieber, Menschen im realen Leben kennenzulernen. Ich betrachte Social Media als perfektes Beruhigungsmittel gegen unsere Angst vor dem Tod. Mit dem Posten eines Bildes erklären wir öffentlich, dass wir noch leben. Das Bild bietet die Illusion von Unsterblichkeit.

Was steht bei dir als Nächstes an?
Ich arbeite momentan an einer Reihe von großen Lichtboxen, die aus Hautscans von Ex-Lovern und mir bestehen. Mein Partner, der Architekt Alan Plaukman, hat mir geholfen, diese Scans in dreidimensionale Bilder mit Hilfe von Rhino (Software für Architekten) zu verwandeln. Mein Ziel ist es, perfekt proportionierte Skulpturen zu erschaffen und dabei die Unvollkommenheit und die irgendwie ekelerregenden Aspekte von hochauflösenden Hautscans, Leberflecke, Poren und eingewachsene Haare hervorzuheben.

coco-young.com

Vanity von Coco Young ist bei Bemojake erschienen und ab sofort erhältlich.

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