fiona clark ist die nan goldin von neuseeland

Die Fotografin Fiona Clark dokumentierte in den 70ern und 80ern die queere Community von Neuseeland, aber dank der strengen Zensur waren die Fotos für 30 Jahre nicht zu sehen.

von i-D Staff
|
20 Juli 2015, 12:10pm

All photos by Fiona Clark

Fiona Clark gehörte in den 70ern und 80ern zu den ersten Fotografen, die Neuseelands queere Community dokumentierten. Sie machte Bilder von ihren Freunden auf Partys und zu Hause. Ihre Fotos waren intime Porträts einer marginalisierten Subkultur des Pazifikstaates. In vielerlei Hinsicht ist sie eine Zeitgenossin von Carol Jerrems, Rennie Ellis und Nan Goldin. Aber Zensur und öffentliche Empörung haben verhindert, dass viele Arbeiten der Neuseeländerin nicht ausgestellt werden konnten und so erlangte Fiona Clark nie deren Bekanntheit. Anstatt nach New York oder London zu gehen, um ein Star der alternativen Kunstszene zu werden, kehrte sie zurück nach Waitata, ganz im Norden der neuseeländischen Südinsel. Dort dokumentiert sie mit derselben Leidenschaft wie damals das Leben der Leute.

Drei Jahre später lernte eine neue Welle von Fans, ihre Arbeiten zu schätzen, und ihre Fotos genossen einen zweiten Frühling. Jetzt versteht sie sich als politisch engagierte Künstlerin und konzentriert sich auf die Umwelt- und soziale Probleme in ihrer Gemeinde. Wir sprachen mit Fiona Clark über das Neuseeland der 70er und 80er und die heutige Umweltverschmutzung durch Fracking in ihrem Wohnort.


Auch auf i-D: Das ist Bowies Berlin


Alle Fotos: Fiona Clark. Diana und Sheila im Mojos Nachtclub 1975

Viele junge Neuseeländer empfinden ihre Gesellschaft als ziemlich fortschrittlich. Aber wie hat sich das gesellschaftliche Klima für eine junge Person in den 70ern und 80ern angefühlt?
Ich glaube nicht, dass es so fortschrittlich war, wie die Leute glauben. Ich konnte meine Arbeiten bis 2004 nicht öffentlich ausstellen. Es war so fortschrittlich wie die Homophobie, die existierte. Innerhalb von Institutionen gab es Homophobie und die schränkte die Leute bei ihrer Arbeit ein. Das war schon hart. Galeristen sagten mir, dass meine Arbeiten unverkäuflich sein. 42 Jahre später und es gibt ein neues Interesse.

Bev auf der Dance Party, Auckland 1974

Deine Ausstellung Active Eye ist berühmt-berüchtigt und Bilder wurden 1974 entfernt. Was hat die Leute so aufgeregt?
Sie hat LGBT-Leute sichtbar gemacht und es war ein Zeichen von [schwuler Emanzipation] nach dem Motto „Uns gibt es, wir verschwinden nicht, wir nehmen Raum ein, akzeptiert das." Sie waren nicht kontrovers, für mich jedenfalls nicht. Das waren Porträts von Leuten, zu denen ich eine Verbindung hatte und die ich dokumentieren wollte. Die Leute sagten „Kannst du nicht normale Leute fotografieren?", aber das waren doch die normalen Leute in meinem Leben. Diese Haltung ist leider immer noch verbreitet.

Aus Fionas Go Girl-Serie aus den 1970ern

Wieso hast du alle Bilder handgedruckt?
Damals war es gang und gäbe, dass der Laden, der die Negative entwickelt hat, die Fotos zensierte. Also hatte ich auch eine Dunkelkammer für Farbfotografie.

Mit so tiefverwurzelten Einstellungen: Wie hast du es überhaupt geschafft, dir einen Ruf aufzubauen? Du hast ja bereits vorhin erwähnt, dass erst jetzt deine Arbeiten vollständig gezeigt werden können.
Wie die Leute, die ich fotografiert habe und mit denen ich rumhing, bin ich ein Überlebenskünstler. Ich habe es einfach überlebt. Ich habe die Hartnäckigkeit und die Überlebenswillen dieser Leute bewundert. Sie sind viel stärker als ich. Diese Leute haben es schwerer als ich gehabt. Und ich habe nie den Glauben an diese Arbeiten verloren. Es sind Werke über das Überleben.

K.G. Club, 1974. Eröffnete 1971, Der K.G. Club war der erste lesbische Treff in Auckland.

Wieso hast du nicht einfach Neuseeland verlassen? Nach London oder New York? Sogar in Australien wurden solche Inhalte gefeiert.
Ich habe darüber nachgedacht. Ich dachte daran, nach London zu gehen und am Royal College of Art zu studieren. Das wäre die natürliche Entwicklung als Künstlerin aus Auckland gewesen. Aber nach der Active Art-Ausstellung leiteten die Behörden ein Strafverfahren gegen mich ein und ich habe mich ziemlich schwach gefühlt. Die Galerien sagten mir „Du stellst bei uns nicht aus". Ich habe mich quasi aufs Land geflüchtet und lebe immer noch im selben Ort, in dem ich vor 40 Jahren geflüchtet bin. Danach hatte ich einen schweren Unfall und konnte für einige Jahre nicht verreisen. Aber ich habe auch keine Angebote bekommen, dass ich meine Arbeiten irgendwo anders zeigen soll.

Bereust du es?
Ich bereue es nicht, es nicht getan zu haben, weil ich hierher gehöre; in die Gemeinde, in die ich wieder zurückkam. Was unglücklicherweise für einige nicht so bequem war. Aber ich habe mit der Gemeinde genauso so viel zu tun wie mit meinen Freunden von damals. Ich mache Fotos von etwas, was andere nicht interessiert und Teile unserer Community sind noch sichtbar.

Carmen in ihrem Zuhause in Sydney, 2006

War die Schublade kontroverse Künstlerin, in die man dich packte, vorteilhaft oder eine Bürde?
Das ist etwas, was ich akzeptiert habe. Ich nenne mich selbst politisch engagierte Künstlerin. Ich bin nicht nur Fotografin, sondern ich glaube, dass ich eine Aktivistin bin. Aber die Leute kommen nicht so recht damit klar. Sie mögen meine Arbeiten nicht und lehnen sie ab. Das ist manchmal schwer, aber ich bin es gewohnt, anderen auf die Füße zu treten. Ich habe dieses Jahr begonnen, mein Werk zu katalogisieren. Das gehe ich jetzt ernster an und es dauert noch länger.

Miss K aka Ella zu Hause in Auckland, 2001

Hast du nochmal für Kontroversen gesorgt?
Ja, das habe ich wirklich. Ich lebe in der Nähe von Öl- und Gasfeldern. Wir, die Bürger dieser Stadt, sind dann vor das Rathaus gezogen und haben unseren Protest kundgetan, dass wir diese Dinge nicht wollen. Ich habe Fotos gemacht und gesagt, dass es Giftmülldeponien sind und dass sie den Leuten in der Umgebung Schaden zu fügen. Der ehemalige Bürgermeister hat mir widersprochen und gesagt: „Das können Sie doch nicht sagen". Ich antwortete: „Ich sage das nicht. Das Bild ist doch da. Das ist eine Warnung, das Haus, eingefangen in dem Bild".

Flammen auf dem Fracking-Gelände Mangahewa D von Todd Energy am 18. Juni 2014.

Ich stehe in der Kritik für Fotos, die die Realität zeigen. Eine Ölfirma hat mich wegen Hausfriedensbruch angezeigt. Ich fotografiere, wie die Ölindustrie die Leben der Bewohner in der Umgebung beeinflusst. Das System dahinter ist interessant, aber das Büro des Bürgermeisters ruft mich oft an. Ich denke aber, dass das nichts im Vergleich dazu ist, wenn man in einem Club in Auckland bedroht wird.

Das könnte dich auch interessieren:

  • Wolfgang Tillmans porträtierte Russlands LGBT-Community. Hier findest du seine Fotos und Interviews.
  • Generation Grindr: Schwulensex im 21. Jahrhundert. Lies hier unser Interview mit dem Dokumentarfilmer Travis Mathews.
  • Hier findest du mehr zu Fotografie auf i-D.

Credits


Text: Wendy Syfret
Fotos: Fiona Clark

Tagged:
LGBT+
gay
transgender
lesbian
Neuseeland
Fiona Clark